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Sein und Streit | Beitrag vom 20.08.2017

Sibylle Anderl über ihr Buch "Das Universum und ich"Über die Gemeinsamkeiten von Astrophysik und Philosophie

Moderation: Joachim Scholl

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Sternenhimmel  (picture alliance/dpa/Foto: Daniel Karmann)
Schon Immanuel Kant hat sich in seiner "Kritik der reinen Vernunft" mit dem Universum beschäftigt, sagt Anderl. (picture alliance/dpa/Foto: Daniel Karmann)

Sibylle Anderl hat ihre zwei Lieblingsdisziplinen in ein Buch gepackt: Astrophysik und Philosophie. An den Universitäten existierten leider Berührungsängste zwischen den Bereichen. Ein Gespräch über die Grenzen der Erkenntnis und die Bedeutung der Erforschung des Kosmos.

Sibylle Anderl ist Astrophysikerin und Philosophin. Astrophysik und Philosophie beschäftigen sich mit ganz ähnlichen Fragen, sagt Anderl. Wo kommen wir her? Was ist der Ursprung der Welt? Es gebe eine große Nähe zwischen den Naturwissenschaften und der Philosophie. Leider existierten an den Universitäten Berührungsängste zwischen diesen beiden Bereichen.

Astrophysik und Philosophie in einem Buch zusammengebracht

Während der Doktorarbeit hatte sie die Idee, eine interdisziplinäre Forschungsgruppe zusammenzustellen, um über die Frage nachzudenken: Wie generieren Astrophysiker ihr Wissen? Im Grunde sei dies eine erkenntnistheoretische Frage. Ihre Idee war, zusammen mit Philosophen, Historikern und Soziologen aus verschiedenen Blickwinkeln diese Frage zu beleuchten. Der Vorschlag wurde abgelehnt. Man solle sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, wurde ihr gesagt. Aus dem unerfüllten Wunsch sei dann ihr Buch entstanden.

Es ist ein grundsätzliches Problem, dass man in der Astrophysik keine Experimente macht, sagt sie, man kann keine Sterne erzeugen, keine schwarzen Löcher. Man hat es im Universum mit extremen Situationen zu tun, die sich im Labor nicht nachbilden lassen. Außerdem sind die kosmologischen Prozesse viel langlebiger als ein Mensch.

Wie Ameisen in einem Fahrradschlauch

Sibylle Anderls "Das Universum und ich" erzählt mit vielen Anekdoten von den Methoden der Astrophysiker und der Zuverlässigkeit ihrer Untersuchungen. (Hanser Verlag)Sibylle Anderls "Das Universum und ich" erzählt mit vielen Anekdoten von den Methoden der Astrophysiker und der Zuverlässigkeit ihrer Untersuchungen. (Hanser Verlag)

Schon Immanuel Kant hat sich in seiner "Kritik der reinen Vernunft" mit dem Universum beschäftigt, sagt Anderl. Das Universum konfrontiert uns schließlich mit den Grenzen unserer Erkenntnis, ja, unserer Vorstellungskraft. Weder können wir uns ein endliches Universum vorstellen, noch ein unendliches. Hilfreich sind hier Modelle oder Vergleiche, zum Beispiel Ameisen in einem Fahrradschlauch. Ameisen können in einem solchen Schlauch immer weiter laufen, ohne je die Erfahrung von Endlichkeit zu machen. Trotzdem ist der Schlauch endlich.

Als Astrophysiker werde man von Menschen immer wieder gefragt, wie der Urknall zustande gekommen sei. Heutzutage gebe es empirische Anhaltspunkte, anhand derer man etwas über diesen Urknall sagen könne. Zum Beispiel habe man die kosmische Hintergrundstrahlung, die wichtige Anhaltspunkte liefere, gewissermaßen das "Babyphoto des Universums".

Ferner gehen Astrophysiker davon aus, dass das Universum in alle Richtungen ungefähr gleich aussieht. So werden Weltmodelle generiert und mit Beobachtungsdaten zusammengebracht. Auf diese Weise komme die Forschung fast bis zum Urknall zurück.

Als Astrophysiker sitzt man sehr viel am Schreibtisch, am Computer, schreibt Computerprogramme, erläutert sie, wichtig sei, dass man auch ab und zu mal zu den Teleskopen fahre und selber Daten vom Sternenhimmel aufnehme.

Erforschung des Kosmos spezifisch menschliches Bedürfnis

Warum gibt es uns Menschen? Diese Frage ist komplex, und die Astrophysik beantwortet sie zum Teil. Keine Antwort gibt sie uns auf die Frage, welchen Sinn das Leben hat, sondern lediglich, wieso Menschen auf der Erde gute Existenzbedingungen haben. Aber wie das Leben überhaupt entstanden sei, darauf gebe es bisher keine Antwort. Solche Erkenntnisgrenzen seien es, die den Menschen religiös werden lassen, sagt Anderl.

Natürlich könne man einwenden, die Erforschung des Kosmos sei nicht relevant für unseren Alltag. Und doch scheint es ein spezifisch menschliches Bedürfnis zu geben, mehr über die eigene Stellung im Kosmos wissen zu wollen.

An einer Marsexpedition hat Anderl persönlich wenig Interesse. Sie sei ein "Fan der Erde".

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(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 18.08.2017)

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