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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.02.2010

Showdown in der Wüste

Don DeLillo: "Der Omega-Punkt", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010, 112 Seiten

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Die beiden Männer sitzen tagelang beisammen, reden, trinken, denken, schweigen miteinander. (AP)
Die beiden Männer sitzen tagelang beisammen, reden, trinken, denken, schweigen miteinander. (AP)

In seinen letzten drei Kurzromanen "Körperzeit" (2001), "Cosmopolis" (2003) und "Fallig Man" (2007) ringt Don DeLillo darum, zu den Grundformeln unserer Zeit und unserer Zivilisation vorzustoßen und sie literarisch zu beglaubigen. Der neue Roman "Der Omega-Punkt" ist ein weiterer Vorstoß zum Äußersten, in die philosophischen Regionen des Unerzählbaren, eine Meditation über Zeit und Tod und das Ende der Zivilisation.

Die Schauplätze sind New York und die kalifornische Wüste. Dort führt DeLillo zwei Männer aus entlegenen Lebenssphären zusammen – Richard Elster, 73, einen berühmten Gelehrten und philosophischen Vordenker der Epoche, und Jim Finley, 37, einen experimentellen Filmemacher.

Zwei Jahre lang hat Elster der Bush-Regierung geholfen, den Irak-Krieg zu "konzeptualisieren", den Strategieplanern und Militäranalytikern des Pentagon griffige Lügen zur Interpretation des Krieges in der Öffentlichkeit an die Hand zu geben.

Finley möchte Elster dazu bewegen, ihm für einen Dokumentarfilm zur Verfügung zu stehen. Finleys Idee: Elster vor einer nackten Wand frontal sprechen zu lassen, ihn "die Wahrheit" sagen zu lassen, in einer einzigen Einstellung ohne Schnitte, vielleicht vergleichbar mit dem Dokumentar-Interview von Erroll Morris mit Robert McNamara, "Fog of War".

Elster lehnt ab, lädt Finley aber zugleich ein, ihn in seinem Exil, seiner Eremitenklause in der kalifornischen Wüste zu besuchen. Dort sitzen die beiden Männer tagelang beisammen, reden, trinken, denken, schweigen miteinander, während das Filmprojekt immer mehr verblasst.

Die dritte Romanfigur ist Jessie, Elsters Tochter, ein sylphidenhaft schwebendes, schwer fassbares Mädchen Mitte zwanzig, Objekt der besitzergreifenden Liebe ihres Vaters und bald Projektionsfläche von Finleys erotischen Fantasien. Bis Jessie eines Tages verschwindet und auf unerklärliche Weise verschwunden bleibt, aller Suche des Vaters und der Polizei zum Trotz. Der Vater bricht zusammen, emotional und intellektuell, mit Finley als Augenzeuge dieses Verfalls.

Dieses Minimum an Plot hat eine Rahmenhandlung, wohl als Deutungsangebot. Im New Yorker Museum of Modern Art betrachtet ein anonymer Besucher "24 Hour Psycho", die (real existierende) Video-Installation des schottischen Konzeptkünstlers Douglas Gordon, der Alfred Hitchcocks Thriller "Psycho" auf eine Länge von 24 Stunden verlangsamt hat.

Die bis fast zum Stillstand gedehnte Zeit ermöglicht einen anderen, genaueren, fast zenbuddhistisch meditativen Blick und verändert die Realitätswahrnehmung – so, wie Elsters angeekelter Rückzug in die Wüste ihn eine andere Zeiterfahrung lehrt: die geologische, nicht-menschliche Zeit. Elster sucht den Omega-Punkt, den der französische Jesuit und Evolutionsforscher Teilhard de Chardin als Ziel des menschlichen Bewusstseins und aller Evolution definiert hat, den "Sprung aus unserer Biologie hinaus" in die Transzendenz (Christus als Omega-Punkt). Elster stülpt Teilhards Gedanken allerdings ins Agnostische um: Er meditiert über den Umsprung des erschöpften Bewusstseins zurück in die anorganische Materie: "Das wollen wir. Wir wollen Steine auf dem Feld sein." Doch seine fassungslose Trauer über das Verschwinden der Tochter widerlegt ihn. Er ist kein Stein, sondern ein zerrüttetes Gefühlsbündel.


Besprochen von Sigrid Löffler

Don DeLillo: "Der Omega-Punkt", Roman
Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 112 S., Euro 16,95

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