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Profil / Archiv | Beitrag vom 14.11.2006

Short Storys aus dem Urlaubsparadies

Der thailändische Schriftsteller Rattwaut Lapcharoensap

Von Jörn Klare

Spiegelverkäufer in Thailand (AP)
Spiegelverkäufer in Thailand (AP)

Hierzulande weiß man wenig von der thailändischen Literatur. Es werden kaum Bücher aus dem südostasiatischen Königreich ins Deutsche übersetzt. Eine der wenigen Ausnahmen ist der Erzählband "Sightseeing" des in den USA geborenen und in Thailand aufgewachsenen Autors Rattawut Lapcharoensap. Der 27-Jährige unterrichtet Literatur an einer New Yorker Highschool und denkt über eine Rückkehr nach Thailand nach.

Erfolg, sagt Rattawut Lapcharoensap, zeigt sich daran, inwieweit ein Buch seinen Autor überlebt. Dafür muss "Sightseeing", sein vielfach ausgezeichneter Erzählband, noch lange bestehen. Der Autor ist 27 Jahre alt.

Zum Schreiben kam er über das Lesen.

"”In meiner Kindheit zog meine Familie oft um. Für ein Kind bringt das vor allem Einsamkeit mit sich. Also hatte ich Bücher, die mir Gesellschaft leisteten.""

Lapcharoensap – jungenhaft schlaksig, dichtes schwarzes Haar, Brille - wurde 1979 in Chicago geboren, wohin seine thailändischen Eltern als vom Militärregime verfolgte Gewerkschaftsaktivisten flüchteten.

"”Sie brachten mich dazu, schon sehr früh in weiten sozialen Zusammenhängen zu denken. Für einen Sechsjährigen, der sich vor allem für Comics interessiert, ist das ziemlich eigenartig.""

Später kehrte die Familie für einige Jahre zurück nach Thailand. Lapcharoensap wuchs in Bangkok auf, studierte Creative Writing in Michigan, unterrichtet zurzeit amerikanische Literatur an einer Highschool in New York, will bald aber erneut nach Thailand ziehen, wo sein Vater Politische Wissenschaften an einer Universität in Bangkok lehrt.

Lapcharoensap lächelt – nachdenklich - sympathisch. Ein lässiger Typ Ende 20 in Jeans und T-Shirt. Er hat eine Freundin, ans Heiraten denkt er nicht. Als Jugendlicher, sagt er, galt sein Interesse zwar eher den Mädchen und Sportnachrichten als der Literatur, doch das politische Bewusstsein seiner Familie hat ihn geprägt.

"”Viele meiner Charaktere müssen arbeiten und ich werde sehr misstrauisch bei Kurzgeschichten, in denen das anders ist, in denen keiner einen Job zu haben scheint. Das ist ein eigenartiger Blick auf die Welt. Jeder, den ich kenne, muss sein Geld selbst verdienen.""

Sein Erstling "Sightseeing" umfasst sieben Kurzgeschichten in bester Tradition amerikanischer Short Storys – geradlinige, kompakte Texte - anrührend heiter, lässig melancholisch. Das Original entstand in englischer Sprache, doch die Schauplätze liegen ausnahmslos in Thailand.

Lapcharoensap hat sowohl einen thailändischen als auch einen US-amerikanischen Pass. Nationalität nennt er "einen Zufall der Geburt". Dennoch glaubt er, dass sein Buch in den USA und dann auch in der restlichen Welt auf Interesse stieß, weil es nur wenig gute, übersetzte Literatur aus Thailand gibt. Und dann war da noch ein bizarrer Zufall:

"”Die Ironie wollte es, dass mein Buch am 9. Januar 2005 in den USA veröffentlicht wurde. Ich war sehr gespannt - und dann kam zwei Wochen vorher der Tsunami.""

Lapcharoensaps Lächeln verzieht sich. Wegen der Katastrophe, von der auch Thailand betroffen war, wurde er in den USA zu einem gefragten Interviewpartner. Das verschaffte dem Buch Popularität, seinem Autoren aber Schuldgefühle.
Zum ersten Jahrestag der Katastrophe bekam er dann einen Auftrag, eine Kurzgeschichte zu dem Thema zu schreiben. Er nahm an und bereute es.

"”Ich fand es fragwürdig, sogar ein bisschen widerlich, als Schriftsteller zu behaupten, man wäre ein Opfer des Tsunami, um dann zu versuchen, mit der Stimme eines Betroffenen zu sprechen. Die haben eigene Stimmen, die gehört werden müssen - über das was passiert ist, wo das ganze Geld hingeht und warum zuerst die Hotels und erst dann die Häuser der Menschen wieder aufgebaut wurden.""

Zurzeit arbeitet der 27-Jährige an seinem ersten Roman. Wieder geht es um Thailand. Selbst wenn er wollte, mehr kann er nicht verraten.

"Die meisten Schriftsteller wissen erst wenn sie fertig sind, woran sie wirklich geschrieben haben. Manchmal fühlt es sich so an, als würde man im Dunkeln arbeiten."

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