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Kompressor | Beitrag vom 10.04.2019

Shigeru Mizuki: Hitler-Biografie als MangaWider den blinden Gehorsam

Katrin Doerksen im Gespräch mit Gesa Ufer

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Eine Montage zeigt das Buchcover "Hitler" von Shigeru Mizuki neben einem Porträt des Autors. (Reprodukt Verlag / Shigeru Mizuki / privat)
Die Manga-Biografie "Hitler" von Shigeru Mizuki (1922-2015) aus den 70er-Jahren ist nun auf Deutsch erschienen. (Reprodukt Verlag / Shigeru Mizuki / privat)

Mit "Auf in den Heldentod!" und "Hitler" über den Zweiten Weltkrieg verarbeitet der Japaner Shigeru Mizuki zum Teil eigene Erlebnisse: Der Manga-Künstler verlor als Soldat bei einem Bombenangriff einen Arm. Die Bücher liegen nun erstmals auf Deutsch vor.

Der 2015 verstorbene Shigeru Mizuki war eine Größe in der japanischen Manga-Szene. Bekannt wurde er 1968 mit "GeGeGe no Kitarō", seinen Comics über den kleinen Geisterjungen Kitarō. Zwei seiner Comics aus den 1970er-Jahren, die nur auf den ersten Blick mit seinen übrigen Geschichten brechen, sind die Hitler-Biografie "Hitler" (1971) und "Auf in den Heldentod!" (1973). Sie thematisieren den Zweiten Weltkrieg - und weisen ihren Schöpfer als selbstironischen Pazifisten aus, sagt Manga-Expertin Katrin Doerksen.

Mizuki verarbeitet in diesen Comics zum Teil eigene Erlebnisse: Der Autor wurde 1943 in die Kaiserlich Japanische Armee eingezogen und nach Neubritannien, das heutige Papua-Neuguinea, geschickt, wo er bei einem Bombenangriff seinen linken Arm verlor. Davon ist "Auf in den Heldentod!" inspiriert. Als er nach dem Krieg begann, im Manga Fuß zu fassen, zeichnete er zahlreiche Kurzgeschichten über die Kriegsjahre - nur wurden die kaum veröffentlicht, denn sie erzählten von Niederlagen und kritisierten den blinden Gehorsam, der in der Armee verlangt wurde.

Das Bild zeigt eine halbe Seite aus der Manga-Biografie "Hitler" mit Zeichnungen von Shigeru Mizuki. (Reprodukt Verlag / Shigeru Mizuki)Mussolini tobt - Auszug aus der Manga-Biografie "Hitler" von Shigeru Mizuki. (Reprodukt Verlag / Shigeru Mizuki)

Katrin Doerksen, Journalistin und Manga-Expertin sagt: "Erst ab Mitte der 1960er-Jahre etablierte sich in Japan parallel zu den Studentenbewegungen eine alternative, experimentelle Manga-Szene. Magazine begannen, sich an ein erwachseneres Publikum zu richten, und dort konnte Mizuki endlich auch diesen Teil seines Schaffens publizieren." 

Mittler zwischen Lebenden und Toten

Für Doerksen sind Mizukis Kriegsgeschichten im Übrigen gar nicht so weit von seinen Geister-Comics entfernt. So habe der Autor in einem Nachwort zu "Auf in den Heldentod!" geschrieben: "Wenn ich Geschichten über den Krieg erzähle, packt mich eine unsagbare Wut. Und ich frage mich, ob es die Wut der Geister der Soldaten ist."

Tatsächlich, so Doerksen weiter, sei der Tod in Mizukis Manga allgegenwärtig. Und das sorge für einige erhellende Parallelen: Bei "Hitler" etwa handele es sich in der zweiten Hälfte vor allem um eine Chronik des Verlaufs des Zweiten Weltkriegs.

Als die Wehrmacht im Winter 1942/43 in Stalingrad eingekesselt wird, verbietet Hitler den Einheiten zu kapitulieren. Mizuki legt ihm die gleichen Worte in den Mund wie später den japanischen Offizieren in "Auf in den Heldentod!", die angesichts der feindlichen Übermacht ihre Bataillone in den Selbstmord treiben wollen: Sowohl Hitler als auch die Offiziere wundern sich, wieso die Soldaten einfach nicht für ihr Vaterland sterben wollen. Menschenwürde wird ihnen von den Vorgesetzten erst im Tod zugestanden. Doerksen: "Aber indem Mizuki ihnen als Mangaka doch eine Stimme gibt, wird er wie seine eigenen Geisterfiguren zum Mittler zwischen den Lebenden und den Toten."

Keine detailgetreuen Geschichtsbücher

Ein paar Fehler in der historischen Darstellung haben sich in die Manga-Biografie "Hitler" dennoch eingeschlichen - das ist vor allem der Quellenlage im Japan der 1960er-Jahre geschuldet. So stützte sich Mizuki etwa auf das Buch "Gespräche mit Hitler" des früheren NSDAP-Mitglieds Hermann Rauschning , das heute gemeinhin als Fälschung gilt.

Doch letztlich, meint Doerksen, lese man Shigeru Mizukis Werke ohnehin weniger als Geschichtsbücher als wegen seiner ganz persönlichen und anderen Perspektive auf die Geschichte.

(mkn)

Shigeru Mizuki:
"Auf in den Heldentod!"

aus dem Japanischen von Jens Ossa, Lettering von Michael Möller, Font: Kevin Huizenga
Reprodukt, Berlin 2019, 384 Seiten, 20 Euro

"Hitler"
aus dem Japanischen von Jens Ossa, Lettering von Michael Möller, Font: Kevin Huizenga
Reprodukt, Berlin 2019288 Seiten, 18 Euro

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