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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.05.2020

Sheela-Gowda-Ausstellung im LenbachhausKunst aus Haaren und Kuhdung

Von Tobias Krone

Die Arbeit "Behold" (2009) besteht aus vier Kilometer aneinander geknüpftem Menschenhaar, das in Indien traditionell an Stoßstangen hängt, um Unglück vorzubeugen (Lenbachhaus / Simone Gaensheimer / Sheela Gowda)
Die Arbeit "Behold" (2009) besteht aus vier Kilometer aneinandergeknüpftem Menschenhaar. (Lenbachhaus / Simone Gaensheimer / Sheela Gowda)

Sheela Gowda komponiert ihre poetischen und gleichzeitig politischen Werke aus Alltagsmaterialien, wie sie in Indien zu finden sind. Das Münchner Lenbachhaus zeigt eine Ausstellung der spannenden Gegenwartskünstlerin.

Das Schlüsselwerk Sheela Gowdas – es hängt, liegt und lastet auf mehreren Dutzend Quadratmetern gleich am Eingang der Ausstellung.

"Wir sehen einmal an der einen Seite der Wand zahlreiche chromglänzende Autostangen. Wer noch so in den 60er-Jahren groß wurde, weiß noch, was so eine Chromstange ist und wie die aussieht. Und das ist, was hier an der Wand montiert ist, übereinander, nebeneinander. Und verbunden sind diese Stangen durch vier Kilometer Seile von Menschenhaaren."

Die Kunstrestauratorin am Lenbachhaus, Ines Winkelmeyer, hat Sheela Gowda in Indien besucht, ihre Werke restauriert und auch den Aufbau ihrer Münchner Ausstellung begleitet. Sie steht vor der Installation "Behold" – 2009 für die ehemalige Seilerei auf der Biennale Venedig geschaffen, inzwischen in der Sammlung der Tate Modern in London.

Ein komplexes Geflecht erstreckt sich zwischen den Säulen des Saals, mal formt sich eine Art Spinnennetz in einer Ecke, mal liegt das schwarze Haar in dichten Haufen auf dem Boden, mal hängt es wie Lianen von der Decke, unterbrochen nur von den Stoßstangen – ein Bild, das in Indien alle sofort verstehen.  

Sheela Gowda während der Arbeit an ihrer Seilinstallation "And tell him of my pain" (Sheela Gowda)Sheela Gowda während der Arbeit an ihrer Seilinstallation "And tell him of my pain" (Sheela Gowda)
"Viele Fahrer, auch Lastwagenfahrer, haben an ihren Stoßstangen ein Amulett aus Haar. Und das ist natürlich nicht vier Kilometer lang wie hier im Kunstbau, aber es ist eben ein Schutz vor dem Bösen, vor Unfällen – einfach ein menschliches Haar, das aus den Tempeln kommt. Die Menschen lassen sich, wenn etwas gut gegangen ist, als Gabe sozusagen das Haar scheren. Ein Großteil der Haare geht dann an die europäische Haarindustrie. Und die kurzen Reste werden verknotet – von Händen verknotet, muss man dazu sagen. Es gibt keine Maschinen, die das zu Seilen machen", erklärt Winkelmeyer.

Seile aus Haar – vier Kilometer Biografie

"Behold" ist damit gleichermaßen ein kritischer Blick auf die religiös geprägte indische Moderne, zugleich ein Kommentar auf die globalisierten Handelsströme.

"Wenn man hier im Kunstbau steht, steht man eigentlich vor vier Kilometern weiblicher oder männlicher Biografie, denn all diese Haare haben mal jemandem gehört und jemand hat sie abgeschoren. Und die Frauen haben ja oft wunderbare, sehr lange Haare. Und wenn man sie dann geschoren sieht, wie sie auf dem Markt ihre Früchte verkaufen, sind sie doch irgendwie beraubt. Ich glaube nicht, dass das so einfach ist, wenn man das Haar so viele Jahre hat wachsen lassen, das sich so einfach abzurasieren", sagt Winkelmeyer.

Es ist das Material, das Sheela Gowda interessiert – und die Arbeit der Frauen. Das Seil ist dabei ein wichtiges Element, wie in der Installation "And…". Ursprünglich hatte sie den Titel "And tell him of my pain" – "Und erzähle ihm von meinem Schmerz". Die Künstlerin zog dabei selbst hundertfach Fäden durch Nadelöhre und verklebte sie mit einer Paste zu einem Seil.

"Sie ist eine sehr feine Beobachterin ihrer Umgebung, ihres Alltags. Und es interessiert sie auch immer die Frage: Unter welchen Bedingungen werden Dinge produziert, wie leben Menschen? Und das bildet sich hier komplett ab, obwohl, wenn man Sheela fragen würde, ob sie sich als politische Künstlerin sieht, sie das komplett verneinen würde", sagt die Kunstrestauratorin.

- Ein Trümmerfeld der Tradition - die einst als Gewürzmahl-Steine genutzten Steinbrocken bleiben in Indien oft neben den Neubauten der High-Tech-Industrie liegen, weil man sie nicht mehr braucht, sie aber auch als heilig gelten und nicht zerstört werden (Lenbachhaus / Simone Gaensheimer / Sheela Gowda)Indischer Alltag, als Kunst im Museum: Die früher als Gewürzmahl-Steine genutzten Steinbrocken bleiben in Indien oft neben Neubauten liegen, weil man sie nicht mehr braucht, sie aber auch als heilig gelten und nicht zerstört werden. (Lenbachhaus / Simone Gaensheimer / Sheela Gowda)
Vielleicht nicht politisch, aber zeitdiagnostisch hochrelevant ist die Arbeit "Stopover", mit der Sheela Gowda seit 2012 den Bauboom in ihrer Heimatstadt Bangalore kommentiert. Ein weites Trümmerfeld aus 200 quaderförmigen Steinen, die mit ihrer Kuhle früher als Gewürzmühlen dienten – insgesamt 30 Tonnen schwer. Dazu erklärt die Kuratorin:

"Aufgrund des großen Wirtschaftsaufschwungs, der in Indien eine Mittelschicht sozusagen hat wachsen lassen, werden natürlich viele Häuser abgerissen. Und diese Steine gelten aber als heilig, sie werden nicht einfach weggeworfen, sondern man trägt sie auf die Straße und lässt sie da liegen – wie wir auch viele Heiligenbilder gefunden haben, die da einfach so auf der Ecke liegen, weil die Menschen vielleicht nicht mehr diesen oder jenen Gott persönlich verehren. Aber man würde das dann auch nicht in den Müll werfen."

Trümmerfeld der Tradition

Diesem steinernen Trümmerfeld der Tradition setzt Sheela Gowda ein anderes Material entgegen: Kuhdung. Das Werk "Where Cows Walk" entstand erst kürzlich im Kuhstall des Zillerhofs bei München. Kühe verzierten Juteflächen mit ihrer Hinterlassenschaft. Was hier Naserümpfen hervorruft, spielt im Land der heiligen Kuh auf die hinduistisch-nationalistische Politik der Gegenwart an, die zu heftigen Konflikten mit der muslimischen Minderheit führt. Wie Gespenster schweben und drohen die Gülleskulpturen über den Besucherinnen und Besuchern.

Sheela Gowda zerlegt in ihrer Ausstellung das gesellschaftliche, das ideologische Indien – ohne jegliche Folklore. Sie komponiert das Material des Alltags zu einer komplexen Formensprache, die nie nur schön sein will. Ihre Werke sind Denkmäler für diejenigen, die mit ihrem Schweiß, ihren Schmerzen, ihrer Hände Arbeit die Welt der Dinge formen.

Die Ausstellung "Sheela Gowda. It.. Matters" ist noch bis zum 18. Oktober im Münchner Lenbachhaus zu sehen. 

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