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Dienstag, 20.11.2018
 
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Im Gespräch | Beitrag vom 20.10.2018

Sexueller MissbrauchWie können wir das Schweigen brechen?

Mit Kerstin Claus, Mitglied im Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs – und Klaus Mertes, Jesuitenpater, Direktor des Kolleg St. Blasien

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Vor einer Kirchetür im Hintergrund klebt auf einem Pfahl im Vordergrund ein Warnschild. Darauf ein geistlicher, der zwei Kindern hinterher läuft. (imago / Becker&Bredel)
Die Kirche hat ein Problem. (imago / Becker&Bredel)

Die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs nimmt inzwischen breiten Raum in der Gesellschaft ein. Doch wer als "Opfer" an die Öffentlichkeit geht, riskiert viel, meint die Journalistin Kerstin Claus. Pater Klaus Mertes stimmt ihr zu, sagt aber dennoch: "Wahrheit befreit."

Sexueller Missbrauch passiert täglich: in der Familie, in der Kirche, in Vereinen. Die Weltgesundheitsorganisation geht für Deutschland von einer Million betroffenen Mädchen und Jungen aus. Die Dunkelziffer ist hoch.

Wie können wir das Schweigen über den Missbrauch brechen? Wie kann den Opfern geholfen und den Tätern das Handwerk gelegt werden?

"Das Thema betrifft alle: uns, die wir betroffen sind, aber auch die Gesellschaften, in denen wir leben", sagt Kerstin Claus. Die Journalistin ist Mitglied im Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten des Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Sie selbst wurde als Vierzehnjährige von einem evangelischen Pfarrer über Jahre missbraucht. 2010 machte sie diesen Missbrauch in einem Fernsehbeitrag öffentlich und strengte ein Kirchengerichtsverfahren gegen den Täter an. Erfolglos – das Verfahren wurde eingestellt. Der Pfarrer konnte weiter praktizieren.

Endlich raus aus der Opfer-Stigmatisierung

Ihre Forderung: Analog zu Brandschutzmaßnahmen müsse es in Kirchen, Schulen und anderen Institutionen klare Anweisungen geben: "Wir brauchen flächendeckende Schutzkonzepte in Schulen und Vereinen, damit Kinder dort besser geschützt werden und Täterstrategien durchkreuzt werden. Das andere ist die Hilfe für erwachsen gewordene Betroffene, die noch immer unter den Folgen leiden." Viele hätten die Schule abgebrochen, ihre berufliche Entwicklung habe Schaden genommen. Es brauche langfristige medizinische und therapeutische Unterstützung und einen offenen gesellschaftlichen Dialog. "Denn es ist ganz wichtig für Betroffene, endlich raus aus dieser Opfer-Stigmatisierung zu kommen, die sie ja immer weiter an die Täter kettet, und eigene Zukunftsperspektiven erarbeiten zu können."

Aus eigener Erfahrung weiß sie aber auch, was es bedeutet, einen Täter anzuzeigen: "Ich muss entscheiden, bin ich stark genug, die Reaktionen auszuhalten?"

"Es gibt immer ein zuschauendes System"

"Aufklärung spaltet zunächst einmal", sagt der Jesuit Klaus Mertes. Der ehemalige Leiter des Berliner Canisius-Kollegs machte 2010 den Missbrauch an seinem katholischen Internat öffentlich und löste damit eine Welle von Enthüllungen aus: in der katholischen und evangelischen Kirche, an der hessischen Odenwaldschule und weiteren Einrichtungen. Es gehe nicht nur um das Verbrechen eines Einzelnen, mahnt der heutige Direktor des Jesuitenkollegs St. Blasien. "Es gibt immer ein zuschauendes System. Jeder, der Teil eines solchen Systems geworden ist, muss sich fragen, warum habe ich das nicht gemerkt? Oder warum habe ich geschwiegen?"

Das beziehe sich auch auf Familien – das Schweigen und Vertuschen belaste die Betroffenen enorm. Gleichzeitig hat er aber auch erfahren müssen, was es heißt, Missbrauch aufzudecken. "Der Preis der Aufklärung von Missbrauch in Institutionen ist die Stigmatisierung der Institution. Der Preis ist hoch, aber das ist kein Grund, ihn nicht zu zahlen."

Seine Überzeugung: "Wahrheit befreit, auch und vielleicht gerade dann, wenn sie weh tut."

Sexueller Missbrauch – Wie können wir das Schweigen brechen?
Darüber diskutiert Katrin Heise heute von 9.05 bis 11 Uhr mit Kerstin Claus und Klaus Mertes. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 0800 2254 2254, per E-Mail unter gespraech@deutschlandfunkkultur.de – sowie auf Facebook und Twitter.

Informationen im Internet:

Über den Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

Das Hilfetelefon sexueller Missbrauch:

0800-22 55 530 (bundesweit, kostenfrei und anonym)

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