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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 28.11.2016

Sexuelle Vielfalt Raus aus dem Schubladendenken!

Von Heinz-Jürgen Voß

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Zwei weibliche Ampelmännchen leuchteten zum CSD 2015 in München. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
Ampelmännchen als gleichgeschlechtliche Paare zum CSD 2015 in München. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)

Das Thema "Sexuelle Vielfalt" im Schulunterricht bringt viele Eltern auf die Barrikaden. Der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß dagegen plädiert für sexuelle Ambivalenz: Denn starre Kategorien wie homo- oder heterosexuell führten zu Ab- und Ausgrenzung.

Es ist die eine Sache, sich selbst der gleichgeschlechtlichen sexuellen Orientierung bewusst zu werden. Eine ganz andere ist es, sich auch gegenüber anderen Menschen als "lesbisch" oder "schwul" sichtbar zu machen. Deshalb gilt das Coming-out als wichtiger persönlicher Schritt, um sich selbst anzunehmen.

Das beschreiben viele Lesben und Schwule als wichtig und befreiend. Sich nicht mehr verstecken zu müssen, sich selbst anzunehmen, ist eine gute Erfahrung. Und es schließt stolz an historische emanzipatorische Kämpfe an, in denen gegen Unterdrückung und Kriminalisierung gestritten wurde. Obwohl das aus deutscher Sicht ein wenig geschwindelt ist. Denn im Gegensatz zum legendären Aufstand in der New Yorker Christopher Street im Jahr 1969 gab es in der Bundesrepublik Deutschland keine solche Revolte auf der Straße. Hier waren es institutionelle Entscheidungen, die den Straßen-Demonstrationen vorausgingen.

Doch auch in der alten Bundesrepublik war es riskant, sich als lesbisch oder schwul zu outen und für Gleichberechtigung mit Heterosexuellen zu streiten. Noch heute ist es so, dass auf ein Coming-out negative Reaktionen aus dem Freundeskreis, dem Elternhaus oder der Schule folgen können. Nicht wenige Jugendliche haben davor Angst und fürchten sich davor, entdecken zu müssen, sexuell anders als die Norm zu sein. So ist die flachsende und dennoch ablehnende Verwendung des Begriffs "schwul" auf Schulhöfen eine, wenn auch etwas hilflos erscheinende, Selbstvergewisserung der Jugendlichen, nicht aus der Norm gefallen zu sein.

Ambivalenz macht Angst

Als anders erleben sich lesbische und schwule Jugendliche. Ihre existenziellen Probleme führen bis heute zu hohen Suizidversuchsraten. Etwa 20 Prozent der homosexuellen Jugendlichen geben in Studien an, mindestens einen Suizidversuch unternommen zu haben. Bei Transgender-Jugendlichen liegt der Anteil sogar doppelt so hoch. Die Pubertät ist ohnehin schwierig genug. Schulaufklärung kann dabei helfen, dass sich Jugendliche selbst finden und anerkennen können, und versorgen sie mit wichtigen Hilfsangeboten. Deshalb sind die aktuellen Schulaufklärungsprojekte so wichtig.

An der grundlegenden Situation aber ändern weder die Aufklärungsprojekte noch die gesellschaftliche Liberalisierung etwas: dass es im Wesentlichen zwei Optionen gibt. Entweder Mann oder Frau ist heterosexuell und damit in der Norm – oder eben homosexuell und ausgesondert. Doch diese starren Kategorien schränken das menschliche sexuelle Repertoire erheblich ein. Ausprobieren, Experimentieren? Bitte nur innerhalb der jeweils eigenen Schublade. Die große Mehrheit versichert sich, selbst keine gleichgeschlechtlichen sexuellen Begierden zu haben. Ambivalenz macht Angst.

Sexuelle Abgrenzung bringt Ausgrenzung

Dass "schwul" weiterhin ein Schimpfwort auf Schulhöfen ist, ist deshalb nicht so verwunderlich. Solange die klaren Kategorien "heterosexuell" und "homosexuell" ganz selbstverständlich bleiben, ist es auch selbstverständlich, einander abzugrenzen und auszugrenzen. Die Kinder und Jugendlichen versichern sich damit der eigenen Normalität. Andere Jugendliche müssen feststellen, dass für sie diese Normalität nicht gilt. Sie erfahren ihre Bedürfnisse als ein Schicksal, das durch biologische oder psychologische Anlagen und Erfahrungen bedingt und unausweichlich sei.

Das Coming-out ist ein erster Schritt, sich als diese andere Art des Menschseins wahrzunehmen. Gewiss ist das gesellschaftlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Die starren Zuordnungen abzulegen, würde auch von Jugendlichen den Bekenntniszwang nehmen. Und dann könnten sich auch die etwas flapsigen Selbstvergewisserungsgesten auf den Schulhöfen erübrigen.

Der Sozialwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß (privat)Der Sozialwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß (privat)Heinz-Jürgen Voß ist diplomierter Biologe und Professor für Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung an der Hochschule Merseburg. Zu Fragen von Sexualität und Identität und ihrer Verstrickung mit Rassismus, Kolonialismus und Nationalismus hat er gemeinsam mit Prof. Dr. Zülfukar Çetin gerade das Buch "Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven" veröffentlicht.


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