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Zeitfragen | Beitrag vom 23.01.2020

Sexualität im AlterLust ohne Ende

Von Susanne Billig und Petra Geist

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Ein Seniorenpaar im Bett, händchenhaltend und unter der Decke versteckt. (imago/photothek/Ute Grabowsky)
Innigkeit, Nähe, ein Kuss, Haut an Haut – nur weil ein Mensch alt ist, hört die Sehnsucht danach nicht auf. (imago/photothek/Ute Grabowsky)

Alte Menschen haben keine Lust auf Sex - ein längst überholtes Vorurteil: Studien haben ergeben, dass nicht wenige Senioren sexuell sogar aktiver sind als die junge Generation. Die Pflege reagiert mit neuen, sexpositiven Konzepten.

Sexualität mit sechzig, siebzig, achtzig Jahren plus ist zunächst einfach das: Sexualität – in all ihrer Vielschichtigkeit. Dazu gehört die Dimension der Lust: Es wollen, sich danach sehnen, intim und erregt sein, die aufregende Nähe und Konzentration des anderen Menschen spüren, sich von der Welle zum Orgasmus tragen lassen.

Dazu gehört die Dimension der Fortpflanzung, denn die Genitalien und ihre Erregungsfähigkeit sind nun einmal das Rohmaterial, aus dem die Evolution den Sex hervorgebracht hat, auch wenn es in den meisten Fällen, auch bei Zwanzig- und Dreißigjährigen, nicht auf Nachwuchs hinausläuft, wenn Menschen zu- und ineinander drängen.

Und schließlich gehört die Beziehungsdimension zum Sex: Du und ich, wir beide, eng und nah, umarmt, gewollt, geliebt, erkannt.

Knieprobleme? Stellungswechsel!

"Es ist schon Jahre her, dass wir das letzte Mal Sex hatten", erzählt Anna, 88 Jahre alt. "Ich war wohl um die 70. Es war irgendein Familienfest, wir tranken eine Menge Rotwein. Wir schliefen damals schon seit langem in getrennten Schlafzimmern und nachdem alle Gäste abgereist waren, hatten wir innigen Sex. Ich hatte zu der Zeit ja schon diese Knieprobleme, ich glaube, darum lag ich auf dem Rücken, nicht auf den Knien, Po in die Luft, so wie ich es früher gerne hatte. Hinterher sagte ich: 'Jetzt hast du mit einer zahnlosen alten Frau geschlafen!' Und er antwortete: 'Und du mit einem blasenkranken alten Mann.'

Claudia Gehrke hat Anna für das Buch "Lange Lieben" interviewt. Auch Karl-Heinz, 78 Jahre alt, berichtet darin von sich:

"Meine Frau und ich, wir haben viele andere Lieben miteinander geteilt. Wir haben uns immer detailliert davon erzählt und wir haben auch die ganze Zeit über miteinander geschlafen. Dass es gewöhnlich wurde, dass sich 'Liebe' oder das liebevolle erotische Begehren verabschiedet hat – das passierte zwischen meiner Frau und mir nie!"

Eine Haut, die sich nach viel gelebtem Leben anfühlt

Verlegerin und Publizistin Claudia Gehrke ist eine Pionierin des tabufreien Sprechens über Sex in Deutschland - auch und gerade wenn es um ältere Menschen als sexuelle Wesen geht.

In "Lange Lieben" protokolliert sie die Wandlungen der körperlichen Liebe in langen Beziehungen, handfeste Praktiken und den Reiz einer Haut, die sich nach viel gelebtem Leben anfühlt: "Die Masse der Bilder suggeriert, dass glatte, straffe Haut das Wichtigste an der Erotik sei. Und uns war es von Anfang an wichtig, alle Altersgruppen sowohl in der Bilderwelt wie auch in Texten vorzustellen, so dass eine multisexuelle Vielfalt sichtbar wird."

Für Lust und Liebe gibt es keine Altersgrenze, doch das zuzugeben, fällt Menschen jenseits der 70 oft nicht leicht – auch weil sie im Umgang mit Sex erlebt haben: In den 1950er-Jahren, je nach Region weit bis in die 1970er-Jahre galt er als sündig und schmutzig. Aufklärung und Verhütungsmittel fehlten. Das änderte sich mit der "Flower Power"-Bewegung, der Pille und der sexuellen Revolution langsam und grundlegend.

Manchmal muss man sich animieren

Dennoch haben nicht alle älteren Paare Freude am Sex über Jahrzehnte hinweg. Viele ziehen irgendwann in getrennte Schlafzimmer, hat Claudia Gehrke in den Interviews für ihr Buch erfahren. Andere wollen das nicht.

"Ich hatte sehr viele, für die das sehr wichtig ist, diese körperliche Nähe, die sie brauchen, um sich aufgehoben zu fühlen. Und da gibt es eben auch immer mal noch Sex, manchmal muss das dann auch sein, für sich selber sagen: 'Es wäre wieder ganz schön, ich muss es jetzt animieren, dass man dazu nicht zu faul wird, und dann ist es auch schön.'"

Manche Ältere sind sexuell aktiver als Jüngere

Die wissenschaftliche Forschung hat den Sex im Alter bislang wenig bearbeitet. Studien unterscheiden sich in Befragungsmethoden und Altersdefinitionen so stark, dass sie miteinander kaum vergleichbar sind. Hier betritt Karolina Kolodziejczak zusammen mit anderen Forschern wissenschaftliches Neuland. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der Berliner Humboldt-Universität.

Im Rahmen der breit angelegten "Berliner Altersstudie II" wurden 1500 Menschen zwischen 60 und 80 zu ihrem Beziehungs- und Sexualleben befragt. Zum Vergleich standen Daten einer Kontrollgruppe aus jüngeren Erwachsenen zwischen 20 und Mitte 30 zur Verfügung.

"Wir konnten belegen, dass 30 Prozent der älteren Erwachsenen häufiger sexuell aktiv waren als der Durchschnitt der jüngeren", erklärt Karolina Kolodziejczak. "27 Prozent der Älteren haben von mehr sexuellen Gedanken berichtet als der Durchschnitt der jüngeren."

Zwar sind junge Menschen im Durchschnitt sexuell deutlich aktiver. Doch ein Drittel der älteren wird noch immer einmal in der Woche intim, während der Sex-Durchschnitt der jungen nur einmal pro Monat beträgt. Je nach Studie masturbieren zwischen 12 und 47 Prozent der Frauen über 60 Jahren regelmäßig: manche ein- bis zweimal im Monat, andere einmal im Jahr. Ältere Männer machen das sehr viel häufiger – zwischen 60 und 75 Prozent von ihnen. Sie berichteten in der Berliner Altersstudie auch insgesamt von mehr sexuellen Aktivitäten als Frauen. Und Männer denken auch sehr viel häufiger an Sex.

Mit der Studie konnte belegt werden, so Karolina Kolodziejczak, "dass eine feste Partnerschaft für die weibliche Sexualität im Alter mehr ausmacht als für die männliche Sexualität. Im Durchschnitt sind allein lebende Frauen viel seltener sexuell aktiv als Frauen, die einen Partner haben. Und dieser Unterschied ist bei Männern wesentlich kleiner."

Wenn der Körper seine Jugend verliert

So haben ältere Single-Männer noch viel öfter Sex, während ältere Single-Frauen eher ganz auf Sex verzichten. Und weil Männer im Durchschnitt eher sterben als Frauen, hören Frauen im Durchschnitt auch früher auf mit einem aktiven Sexleben. Interessanterweise nicht nur körperlich, sondern auch im Kopf – sie denken nicht mehr daran.

Bilderfluten überschwemmen Menschen heutzutage mit dem Anblick junger, gesunder, digital optimierter Körper, mit denen das eigene Spiegelbild ab spätestens 40 Jahren nicht mehr mithalten kann. So stehen älter werdende Menschen vor der großen Aufgabe, nicht nur den Schmerz über ihre verschwundene Jugend zu überwinden, sondern ihren Körper in Bezug auf Erotik und Sex auch neu zu bewerten.

Dazu gehört auch die abnehmende Erektionsfähigkeit älterer Männer. Frauen erleben mit der Menopause eine hormonell bedingte Veränderung der Schleimhäute in der Vagina. Die Scheide wird trockener und weniger elastisch, was den Sex sogar schmerzhaft machen kann. Auch Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems, Krebs, Depressionen, Diabetes, die alle im Alter zunehmen – und die vielen Medikamente, die dagegen helfen sollen –, können die sexuelle Lust mindern.

Von negativen Bildern nicht beeindrucken lassen

In Umfragen berichten ältere Menschen auch darüber, dass sie von ihren Ärztinnen und Ärzten über diese Themen zu wenig und zu unqualifiziert informiert fühlen. Doch die Sexualforschung sollte ihren Blick nicht auf Negativbilder verengen, gibt Karolina Kolodziejczak zu bedenken: "Gesundheitliche Einschränkungen und Krankheiten können sich durchaus auf die sexuelle Lust auswirken, genauso wie auf die Bereitschaft, eine sexuelle Beziehung einzugehen oder sexuell aktiv zu sein. Allerdings unterschätzen wir, wie viele 60- und 70-Jährige gesund bleiben oder eben ihre Krankheit noch gut im Griff haben." Es müsse eben nicht immer der Fall sein, dass Krankheiten einem im Alter für ein glückliches und erfülltes Sexualleben im Weg stehen.

Auch wenn alte Menschen, wie sie in den Aufenthaltsräumen von Altenheimen und Pflegeeinrichtungen sitzen, in der Werbung nicht vorkommen, heißt das nicht, dass sie kein Bedürfnis nach erotischer Intimität haben.

"Die WHO hat einmal definiert, dass sexuelle Gesundheit ganz eng mit der normalen Gesundheit zusammenhängt", erklärt Peter Offermanns, der als Diplompflegewirt bei einem großen ambulanten Pflegedienst in Berlin arbeitet. "Mit Lebensqualität, mit Lebensgefühl, das heißt also, dass sexuelle Gesundheit zum Leben dazugehört und natürlich auch zum Menschen, der alt ist oder der dementiell erkrankt ist. Es macht ja keinen Unterschied."

Sexualität als Herausforderung in der Pflege

Trotzdem wurde das Thema in der Pflege bisher ausgeblendet und kommt erst langsam dort an. Systematische Untersuchungen über Sex in Altenheimen gibt es auch nicht.

Fest steht: Routine und soziale Kontrolle dominieren den Alltag im Heim. Ehepaare haben es noch am leichtesten, weil das Personal meist begreift, dass es zu ihren Grundrechten gehört, miteinander auf Wunsch intim sein zu können. Manche Heime bieten daher abschließbare Eheappartements an – und manchmal lässt das Personal es auch zu, dass Paare, die sich im Heim neu finden, gemeinsam ein Doppelzimmer bewohnen.

Peter Offermanns hofft, dass "das Pflegepersonal so höflich ist und erst mal anklopft, bevor das Zimmer betreten wird. Wenn ich das aber nicht mehr selbst mitbestimmen kann, wann ich alleine bin - egal ob ich demenziell erkrankt bin oder nicht - dann wird es schwierig."

Nur wenige Einrichtungen haben den Umgang mit Sexualität in ihrem Leitbild verankert. Im Raum steht die schwierige Frage, wie man es überhaupt leisten soll, sexuelle Wünsche einschätzen und ihnen zu entsprechen.

Essen, trinken, schlafen – auf diese Grundbedürfnisse sei vergleichsweise leicht einzugehen, erklärt Peter Offermanns: "Das kann ich dokumentieren. Da kann ich darüber reden. Das kann ich mit Listen belegen - wunderbar. Aber es gibt natürlich keine Liste, in der steht 'Grundbedürfnis Sexualität, wurde heute um 18:10 Uhr befriedigt'. Das geht nicht."

Ab wann liegt ein Grundbedürfnis vor?

Besonders schwierig wird es bei Demenzkranken, die zudem sexuell enthemmt sein können, teils aus hirnorganischen Gründen, teils als Medikamentennebenwirkung oder weil die Kommunikation mit der Partnerin, dem Partner krankheitsbedingt gestört ist.

Pflegende stellt das vor große Herausforderungen, erklärt Peter Offermanns. Zunächst müsse man herausfinden, ob hier ein Grundbedürfnis bestehe. Das sei schwer, denn "da sagt ja niemand, 'Mensch, Pflegerin Maria, komm doch mal vorbei, ich hab hier ein Grundbedürfnis. Können wir darüber reden?"' So läuft das ja nicht. Also muss ich erst herausfinden, was es gibt, was abläuft und dann ist die Frage, wie reagiere ich da drauf? Wie handle ich denn? Das ist wirklich schwer für Pflegekräfte, diese Entscheidung für andere treffen zu müssen, weil das Thema nach wie vor tabu ist."

Traurige Beispiele aus der Pflege

In einer Demenz-WG erlebte Peter Offermanns vor einigen Jahren folgende Geschichte: Ein Ehepaar, beide erkrankt, zog ein. Die Frau wollte getrennte Zimmer. Bald interessierte sie sich für einen anderen Bewohner. Eines Nachts verschwand sie auf dessen Zimmer, was eine Pflegerin in große Aufregung versetzte. Neben moralischen Einwänden tauchte der Verdacht auf, der Mann habe die Frau gezwungen:

"Dann kam sie aber aus dem Zimmer raus und lachte und war fröhlich und meinte: 'Das ist ja ein tolles Kurhotel hier und das muss ich meinen Freundinnen empfehlen'", erzählt Peter Offermanns. "Und dann war für uns alles klar: Es war freiwillig. Es war mit großer Freude und das hat dieser Frau gutgetan. Und irgendwann kam er ja auch raus und er strahlte genauso. Das hat den beiden gut getan. Schlimm war, dass wir ihnen unterstellt haben, es sei nicht freiwillig gewesen. Das geht ja gar nicht – und da habe ich mich geschämt."

Doch dann stellte sich der Schwiegersohn der dementen Frau quer. Erneut war die Rede von Vergewaltigung. Schließlich brachte er das Ehepaar anderswo unter. "Sehr traurig" fand Peter Offermanns das, dass Sexualität hier bestraft wurde. "Ich hoffe, dass heute Menschen anders reagieren, aber dafür würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen."

Ein schwieriger Balanceakt

Mittlerweile fühlt sich Peter Offermanns nicht mehr für alles verantwortlich, was die ihm anvertrauten Menschen wollen und tun: "Wenn jemand in einer Badehose bei minus zehn Grad nach draußen geht, um zu wandern, dann ist das eine Entscheidung, bei der ich zusehen muss, dass ich ihr entgegenwirke, damit dann niemand nach draußen geht. Aber die freie Entscheidung einer Person, mit einer anderen Person Zärtlichkeiten auszutauschen, Händchen zu halten, sich nur was zu erzählen, miteinander zu essen oder auch miteinander Sexualität auszuleben, das darf ich doch gar nicht auseinander reißen – das geht nicht. Das dürfen wir nicht tun."

Scham, Verleugnung, erotische Sehnsucht erzeugen in Heimen eine schwierige Gemengelage, schließlich gehören Berührungen zur professionellen Pflege - auch das Berühren von Intimzonen, "die vor mir bei diesem Menschen fast niemand berührt hat oder auch nicht berühren durfte", führt Peter Offermanns aus. "Das war der Ehemann, der Partner, die Partnerin, die Ehefrau, aber sonst niemand. Und plötzlich mache ich das. Wenn jetzt jemand demenziell erkrankt ist, könnte das eine Aufforderung sein: 'Ach Mensch, ist doch nett – und da darf ich ja jetzt auch mal. Die oder der berührt mich, da fass ich doch auch mal zu.'

Sexuelle Übergriffe gegenüber dem Pflegepersonal

2016 erschien in Österreich eine empirische Untersuchung, an der fast 3000 Pflegekräfte teilgenommen hatten. Fast zwei Drittel von ihnen, insbesondere Frauen, waren schon einmal sexuell belästigt worden – anzügliche Witze, Grabscher, handfeste Übergriffe, dazu Kollegen und Vorgesetzte, die sich darüber lustig machten und so das Leiden bagatellisierten. Die Pflegekraft müsse dann klar sagen: "Nein, stopp. Das geht nicht", erklärt Peter Offermanns. 

Dies sei zwar manchmal schwierig und man müsse den Mut haben, auch mit Kollegen darüber zu reden, "damit ich das nicht mit mir selber ausmache und diesen Beruf irgendwann unerträglich finde, weil ich permanent das Gefühl habe, ich werde hier angegrabscht und ich kann mich da gar nicht gegen wehren."

Oft hilft eine Sexualassistenz

Wenn Angehörige dazu bereit und in der Lage sind, dafür um die 200 Euro zu bezahlen, können sie eine Sexualassistenz einladen – speziell ausgebildete Frauen und Männer, die sich mit Behinderungen und Gerontologie auskennen, und die Zärtlichkeiten wie manchmal auch Geschlechtsverkehr anbieten.

"Sexualassistenz geht ganz langsam an Menschen ran", erklärt Nina de Vries, "mit sehr viel Fingerspitzengefühl, mit sehr viel Behutsamkeit, und erstmal Kontakt, erstmal: 'Ach, was sind das für schöne Bilder, die hier hängen!'"

Nina de Vries ist studierte Sozialarbeiterin mit langjähriger Berufserfahrung in erotischer Massage. Als Sexualassistentin arbeitet sie mit dementen und schwerbehinderten Menschen und klärt auf Tagungen über das Thema auf.

Meist wird die gebürtige Niederländerin angerufen, wenn ein alter Mensch Pflegende oder Mitbewohnerinnen und Mitbewohner belästigt. Im Vorgespräch stellt die Sexualassistentin sicher, dass ihr Angebot zu den jeweiligen Bedürfnissen passt. Dann bittet sie um einen frisch gewaschenen Patienten, schöne Musik und eine ungestörte Atmosphäre.

"Ich sage dann manchmal: 'Ich bin die Nina und ich biete eine holländische Massage an. Das bedeutet, dass ich Sie erst massiere, wenn Sie das möchten, und dann legen wir uns hin und kuscheln'. Und manche finden das eine tolle Idee, und da passiert dann manchmal auch Erregung. Und dann passiert auch ein Orgasmus, weil ich Menschen mit meiner Hand schon zum Orgasmus bringe, wenn Sie das wollen. Und manchmal passiert das gar nicht, und es ist einfach Kuscheln! Weil eben dieser ganze Genital-Sex auch nicht mehr so im Mittelpunkt steht."

Nicht selten können zuvor hochproblematische Menschen dabei tief entspannen, führt Nina de Vries weiter aus. "Die merken irgendwo schon: 'Ach, jetzt ist da jemand, und jetzt muss ich hier nicht mehr so ein Riesentheater machen'. Und die Schwestern profitieren davon, weil eben nicht permanent jemand sagen muss: 'Nein, das möchte ich nicht!' Das ist mir schon öfter aufgefallen, dass es eigentlich ganz ansprechbare Menschen sind, die überhaupt nicht schwierig sind oder übergriffig sind. Überhaupt nicht."

Manche Angehörige haben Vorbehalte

Schön ist ihre Arbeit, erklärt die Sexualassistentin, wenn das Personal, der gesetzliche Betreuer oder die Kinder des Patienten vorher ein offenes Gespräch mit ihr führen und sich über ihr Angebot freuen.

Aber es gibt auch die anderen Angehörigen. Die, die das Heim um Tabletten bitten, damit das sexuelle Begehren verschwindet. Eine 'chemische Kastration' nennt Nina de Vries das. Schwierig werde ihre Arbeit auch dann, wenn sie als Prostituierte betrachtet werde. Solche Vorbehalte spricht die Sexualassistentin offen an, "damit die Leute merken: 'He, die ist nicht nur hinter dem Geld her!' Und dass es eben nicht diese Ebene ist."

Ein Vorzeigemodell in Frankfurt a.M.

Im Frankfurter Stadtteil Preungesheim steht eine Wohnanlage im Stil der 1960er-Jahre. Das "Julie-Roger-Haus" ist ein Pflegeheim mit 110 Plätzen und integrierter Kurzzeitpflege. Wer das Haus betritt, reist in die Vergangenheit: Fotos von Filmstars aus den 30er- bis 60er-Jahren hängen an den Wänden, alter Nippes steht in den Regalen, auf Tischen und Fensterbänken: Kaffeekannen, Vasen, Telefone mit Wählschreiben – Vertrautheit für Demenzkranke.

Dafür braucht es gute Beratung, erklärt Armin Blum: "Man braucht ein Brandschutzkonzept und dann muss man sich was trauen. Wir haben nicht mehr Personal als andere Frankfurter Pflegeheime. Ich habe das nur alles anders strukturiert."

Vor 35 Jahren fing Armin Blum als Zivildienstleistender hier an, seit zwölf Jahren leitet er die Einrichtung. Das "Julie-Roger-Haus" macht vieles anders. Weiße Kittel gibt es hier nicht, damit die Bewohnerinnen und Bewohner sich nicht wie im Krankenhaus fühlen. Schließlich sähen Männer in Kitteln aus wie Wärter.

Zur Philosophie gehört die Bejahung von menschlicher Vielfalt in jeder Form und auch ein offener Umgang mit Lust und Liebe. Schon als Zivi sei ihm klar gewesen, sagt Armin Blum, dass Sexualität ein Grundbedürfnis auch alter, auch kranker Menschen sei. Viele Frauen und Männer hätten ihm damals Avancen gemacht. 

"Von wegen alte Leute brauchen ihre Ruhe"

Noch heute fänden es manche der erwachsenen Kinder unerträglich, wenn ihre alten Eltern das Leben weiterhin genießen wollten.

"Es ist ja nicht nur das Thema Sexualität, was Kinder ihren Eltern nicht mehr zugestehen. Sondern auch das Thema von Genussmitteln, sei es das Rauchen, sei es das Trinken. Wenn ich mit 80 Zigaretten rauche und das schon 60 Jahre mache, da warte ich auf meine Tochter, die mir dann sagt, das ist gesundheitsschädlich, dann stirbst du früher. Das ist lächerlich und beim Alkohol ist es genauso. Wir sind kein Krankenhaus. Die Leute wohnen hier."

Zweimal im Monat gibt es im Restaurant des Hauses den "Dämmerschoppen", mit Freibier und jedes Frühjahr Disco. "Was Leute, die mit dem Gehwagen oder im Rollstuhl unterwegs sind, für Moves drauf haben! Das fällt mir nichts mehr ein. Wir hatten hier schon einen unserer Heimbewohner auf dem Tisch tanzen. Natürlich stehen wir da unten und passen auf, dass er nicht die Tischplatte verpasst. Von wegen die alten Leute brauchen ihre Ruhe – nix!"

Wer im Julie-Roger-Haus über die Liebe sprechen möchte, wird beim Personal immer ein offenes Ohr finden. Manchmal verlieben sich alte Menschen auch unglücklich in andere. Gaby Grossbach, seit zwölf Jahren im Haus beschäftigt, findet es dann toll, wenn die Pflegekräfte darauf eingehen, sich nach dem Wohlergehen erkundigen oder dass sich die alten Menschen dann ausheulen können.

Zum 100. kommt der Stripper ins Haus

Einmal im Jahr gibt es auf der "Ladys und Gentlemen Night" Striptease mit professionellen Tänzerinnen und Tänzern. "Weil eine Frau gesagt hat: 'Ich würde gerne mal wieder einen nackigen Mann sehen", erzählt Armin Blum. "Sie hatte ihren hundertsten Geburtstag vor sich gehabt. Da habe ich gesagt: 'Okay, dann machen wir das mal für alle.' Es sind immer Männer und Frauen als Künstler da – und es wird immer besser."

Inzwischen ist der Striptease-Abend auch bei Gästen von außen so gefragt, dass das Restaurant aus allen Nähten platzt – die hetero- und homosexuellen Pflegebedürftigen amüsieren sich einträchtig gemeinsam.

Die Heterosexuellen für die unterschiedlichen sexuellen Identitäten ihrer Mitbewohnerinnen und Mitbewohner zu sensibilisieren, gehört zu den Aufgaben von Gaby Grossbach, sie ist die Diversitäts-Beaufragte. Dass allerdings das weihnachtliche Plätzchenbacken eine gute Gelegenheit war, einmal unbeschwert über Sexualität sprechen – darüber ist sie selbst erstaunt:

"Es war eigentlich so der Zufall: Ich hatte ein kleines Plätzchen-Männchen, das war im Schritt ein bisschen kaputt, und dann fragte ich eine unserer 90-jährigen Damen damals: 'Wollen wir da mal einen ganzen Mann daraus machen?' Und dann sagte die Backgruppe: 'Au ja, das wollen wir machen!' Und dann sind wir in Serie gegangen."

Die Frauen hatten Spaß und gleichzeitig wurde es möglich, über erotische Erfahrungen und Sehnsüchte zu sprechen.

Homosexualität - kein Tabu

Auch für die Männer sucht Gaby Grossmann nach Wegen, Sex und Lust zu thematisieren.

"Da gibt es nicht nur fröhliche Themen, auch ernste Themen, zum Beispiel den Paragrafen 175. Über den wir oft sprechen. Das gehört auch dazu zur Sensibilisierung. Wenn man in der Lage ist, dann auch vielleicht einen Partner zu finden, und wenn's nur für eine Freundschaft ist oder aber auch für mehr. Dafür werden wir jedes Mal das Setting bieten, beziehungsweise dranbleiben, alle zusammen: Hausleitung, Pflegedienstleitung, Sozialdienst – dass man das leben kann, wie man es gerne möchte."

Die meisten Altenheime gehen davon aus, dass ihre Bewohner heterosexuell sind. Schwule alte Männer stammen aus einer Zeit, in der ihre Sexualität sogar noch als kriminell galt. In der DDR verschwand er schon 1968, in Gesamtdeutschland wurde der Paragraph 175 des deutschen Strafgesetzbuches, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte, erst 1994 endgültig abgeschafft.

Im Alter schwach, abhängig vom Wohlwollen des Pflegepersonals, werden schwule Alte sich hüten, die Wahrheit über sich zu erzählen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Julie-Roger-Haus nehmen ihnen solche Ängste.

"Wir hatten einen homosexuellen Senior, der dringend eine Sexualassistenz gebraucht hat", erzählt Armin Blum. "Der ist unseren Pflegern schon in den Schritt gegangen. Und auch da war ich sehr stolz auf die Mitarbeiter, auf junge Männer von 19, 20, die nicht homosexuell sind, die sogar aus einem muslimischen Land kommen und damit dann professionell umgehen. Da weiß ich: Ich mache hier was richtig."

Der alte Mann fasste auch dem Sexualassistenten in den Schritt – das war es auch schon, mehr Sex wollte er nicht. Fast noch wichtiger war es ihm, den anderen zu erzählen zu können, dass ihn jemand besucht, berichtet Gaby Grossbach: "Das sagte der Bewohner dann auch. 'Es ist jemand da, mein Freund ist da.' Und das war wunderschön zu sehen, dieses Strahlen, dieses Leuchten von innen."

"Wir wussten nicht, dass sie Frauen liebt"

Auch die Frauen im Haus wissen solche Offenheit zu schätzen. Vor einiger Zeit trat ein lesbischer Chor mit Klavierbegleitung im Restaurant auf, erzählt Gaby Grossbach. "Wir hatten eine Bewohnerin, hochbetagt, sehr dement. Wir hatten aus ihrer Biografie keinerlei Anhaltspunkte, dass sie eventuell Frauen mag. Während des Konzertes verliebte sie sich spontan in die Pianistin."

Also bat Gaby Grossbach die Pianistin, sich nach dem Konzert einen Moment zu der alten Frau zu setzen, für ein Schwätzchen und ein gemeinsames Foto. Die Künstlerin willigte gerne ein. So entstand für die alte Frau eine kostbare Erinnerung.

"Dieses Bild haben wir auf ihren Nachttisch gestellt, an den Platz wo sie jeden Tag zu Mittag isst. Und es war für uns das erste Mal, dass wir erfuhren dass sie Frauen liebt. Wir wussten es nicht."

Die Bilderwelten unserer Gesellschaft müssen sich öffnen

Innigkeit, Nähe, ein Kuss, Haut an Haut – nur weil ein Mensch alt ist, hört die Sehnsucht danach nicht auf. Manche alten Menschen sind zufrieden, wenn jemand ab und zu ihre Hand hält. Andere wollen richtigen Beischlaf.

Und dazu müssen sich auch die Bilderwelten unserer Gesellschaft weiter öffnen – wie es etwas der Regisseur Andreas Dresen mit seinem Film "Wolke 9" vorgemacht hat: der die Liebesbeziehung zwischen der fast 70-jährigen Inge und dem knapp 80-jährigen Karl eindringlich bebilderte. Auf den Sexportalen des Internets tummelt sich schon jetzt viel Begeisterung für alte Haut. Auch seriöse Medien greifen das Thema zunehmend auf.

Sex gehört zu einem guten Leben dazu

Und vor allem die Sexualwissenschaft blendet Sex jenseits der 60 Jahre, aber auch Themen wie Emotionalität und Beziehungsqualität nicht länger aus. Studien werden auf den Weg gebracht. So wird das Thema weiter enttabuisiert. Denn klar ist: Berührungen und Sex – für alle, die das möchten – gehören zu einem guten Leben dazu.

"Ich denke, dass Berührungen auch große, große Gefühle auslösen und glücklich machen können", sagt Gaby Grossbach. "Das ist, was zählt. Ich denke, das ist eine ganz wichtige Sache für Mann, für Frau, für alle Menschen – ein liebevoller Umgang miteinander. Ich denke, dass die Gefühle das sind, was bleibt."

(thg)

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