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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 16.04.2019

Sexualität heuteLeistungsdruck statt Lust

Ein Standpunkt von Uwe Bork

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Eine Illustration zeigt ein Paar im Schlafzimmer, beide mit nachdenklichem Gesichtsausdruck (imago images / Ikon Images / Marina Caruso)
Die Aufforderung „Fuck you!“ ist Verwünschung geworden, nicht mehr Verführung, sagt Uwe Bork. (imago images / Ikon Images / Marina Caruso)

Die Lust am gemeinsamen Sex sinkt, so eine US-Studie. Die nach 1995 Geborenen in Amerika haben weniger Sex als die beiden Generationen vor ihnen. Offenbar wird die Lust zur Last. Warum ist das so, fragt sich der Journalist und Autor Uwe Bork.

"Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!" Ja, Opa scheint damals, in den seligen 68er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, zumindest in einer Beziehung ein ganz harter Knochen gewesen zu sein. Und auch Oma wollte die Revolution offensichtlich hautnah spüren: Sie verbrannte öffentlichkeitswirksam – und ohne Rücksicht auf die dadurch freiwerdenden Schadstoffe – ihren BH. Lang, lang ist's her.

Heute hören die Enkelinnen und Enkel der Omas und Opas von politischer Promiskuität und Dessousdestruktion nur noch mit ungläubigem Staunen. Für sie ist Sex etwas anderes als für die Post-Pillen-Generationen vor ihnen. Miteinander ins Bett zu gehen, das hat seinen Zauber verloren, ist fast so banal geworden wie sich über Smartphone eine Nachricht zu schicken.

Doch während letzteres eine täglich unzählige Male praktizierte Übung darstellt, gerät der emotional aufgeladene Austausch von Körperflüssigkeiten immer mehr ins Abseits längst überholter Praktiken. Die Aufforderung "Fuck you!" ist Verwünschung geworden, nicht mehr Verführung.

Zweifel an der Rentabilität einer Liebesbeziehung

Vom vermutlich schönsten Zeitvertreib, den man sich zu zweit gönnen konnte, ist Sex für viele Jugendliche und junge Erwachsene zu einer Nebensache geworden, die man entweder allein mit sich selbst abmacht oder sogar gleich ganz sein lässt. Das hat sicher damit zu tun, dass zwischen den Zwängen von Schule, Ausbildung und Beruf und dem Stunden verschlingenden Chatten, Twittern und Posten die Zeit immer knapper wird, die sich in ein Projekt von so zweifelhafter Rentabilität wie eine Liebesbeziehung investieren ließe.

Hinzu kommen noch zwei weitere Punkte: Pornographie ist online in jeder Form heute so verfügbar, wie es für die 68er-Scheinriesen noch nicht einmal die Hits der Beatles oder Stones waren. Eine einsame, zu nichts verpflichtende Triebabfuhr mit hohem Suchtfaktor könnte so von der Ausnahme zur Regel werden.

Und: In dem Maß, in dem ein schöner, schlanker Körper von durchtrainierter Sportlichkeit und ein ebenmäßiges Gesicht ohne jeden Makel quer durch alle Medien als für alle erreichbarer Standard propagiert werden, droht jede Abweichung von diesem Standard als persönliches Versagen empfunden zu werden: nicht die beste Voraussetzung für Spaß im Bett oder wo auch immer.

"Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!" Dieses Verdikt war selbst 1968 nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen findet sich der erlöste Seufzer von Rainer Langhans, der unlängst zu Protokoll gab: "Ich fand es schrecklich, jeden Tag Sex haben zu müssen." 

Guter Sex braucht Verbindlichkeit & Vertrauen

Der vor gut 50 Jahren eingeschlagene Weg in die sexuelle Befreiung könnte sich schon für den krausköpfigen Kommunarden als Weg in eine neue Unfreiheit erwiesen haben. Leistungsdruck und eine Ausbeutung menschlicher Triebe, die statt auf Erotik auf Pornos setzt und mit Nacktheit selbst noch für Fahrradhelme werben will, lässt es dringend geboten erscheinen, dem intimen Vergnügen zweier Menschen gleichen oder gegensätzlichen Geschlechts wieder neuen Wert beizumessen. Es muss wieder etwas bedeuten, miteinander ins Bett zu gehen, mehr jedenfalls, als bloß Potenz zu beweisen oder Selfies auszutauschen.

Soll Sex nicht statt zur Lust zur Last werden, muss neu über Gefühle, über Vertrauen und Verbindlichkeit, gesprochen werden. Wer wie oft mit wem pennt, das ist eben alles andere als nur eine Frage der Mechanik.

Der Journalist Uwe Bork (Deutschlandradio / Manfred Hilling)Der Journalist Uwe Bork (Deutschlandradio / Manfred Hilling)Uwe Bork, geboren 1951 im niedersächsischen Verden (Aller), studierte an der Universität Göttingen Soziologie, Wirtschafts- und Sozialpolitik, Verfassungsgeschichte, Pädagogik und Publizistik. Bis Ende 2016 leitete er die Fernsehredaktion 'Religion, Kirche und Gesellschaft‘ des SWR. Für seine Arbeiten wurde er mit dem Caritas-Journalistenpreis sowie zweimal mit dem Deutschen Journalistenpreis Entwicklungspolitik ausgezeichnet.
Uwe Bork arbeitet als Autor, Referent und freier Journalist.

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