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Interview | Beitrag vom 09.03.2021

Sexualisierte Gewalt gegen KinderTatort Familie

Christine Bergmann im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Ein Junge blickt alleine in Richtung Meer, bekleidet mit einem bunten Strickpulli. (Symbolbild) (Unsplash / Michał Parzuchowski)
In der Kindheit alleine gelassen mit der Situation, Missbrauchsopfer sehen sich mit vielen Barrieren konfrontiert. (Symbolbild) (Unsplash / Michał Parzuchowski)

Etwa die Hälfte aller Missbrauchsfälle findet in der Familie statt - das ergab die Auswertung von Opferbriefen im Rahmen der Kampagne "Sprechen hilft!". Die frühere Missbrauchsbeauftragte Christine Bergmann mahnt Schulen und Sportvereine: Nicht wegsehen!

"Ich lerne immer noch, nicht mehr zu verdrängen, kann reden, die Tränen meines Lebens weinen, frei lachen und habe keine Sorge mehr, eines Tages weinend sterben zu müssen – ich bin jetzt (61-65) Jahre alt und fange gerade an zu leben."

Mehr als 900 Briefe und E-Mails mit Aussagen wie dieser erhielt die ehemalige Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann, zwischen 2010 und 2012 im Rahmen der Kampagne "Sprechen hilft!". Die meisten Schreiben stammten von Opfern. 229 dieser Briefe und Mails wurden jetzt im Rahmen eines Forschungsprojekts von Forschern der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm und dem Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts zu Geschlechterfragen (SoFFI F.) ausgewertet. Das Ziel: mehr Wissen über Betroffenengruppen, Tatkontext und Verarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kindheit zu bekommen.

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Neben den Briefen und Mails seien damals auch Tausende Anrufe eingegangen, erinnert sich Christine Bergmann im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. "Es waren wirklich erschütternde Geschichten." Zumal sie oft von Menschen im mittleren Alter kamen: "Da lag das eigentlich lange zurück. Aber sie schrieben auch, wie die Folgen für ihr ganzes Leben waren, wie sie gekämpft haben, um über die Runden zu kommen."

Vor diesem Hintergrund mahnt sie, den Opfern früh zu helfen: "Denn wenn man Kindern schnell hilft, gibt es nicht diese Dramatik in den Folgen für das spätere Leben."

Lang andauernde Gewalterfahrung

Etwa zwei Drittel der Schreiben kamen von Frauen, ergab die Auswertung. Sie berichteten fast ausschließlich von sexualisierter Gewalt, die sie in der Vergangenheit erlebt hatten. In 88 Prozent der Fälle dauerte diese Gewalterfahrung bis zu zehn Jahren oder länger an. Etwa ein Drittel der Fälle ereignete sich in Institutionen wie einem Heim oder einem Internat, die Hälfte in der Familie.

"Das hat sich auch nicht geändert", betont die frühere Missbrauchsbeauftragte und sieht hier Schulen, Sportvereine in der Pflicht. "Die müssen aufmerksam sein, da muss es Schutzkonzepte geben, die müssen sich dafür mitverantwortlich fühlen", so Bergmann. "Niemand muss, wenn er irgendetwas bemerkt, still sein und denken, ich handele mir hier jetzt vielleicht nur Ärger ein, ich mache nichts."

Forschungsbedarf zu sexualisierter Gewalt

Seit 2010, als das Amt der Missbrauchsbeauftragten geschaffen wurde, sei einiges passiert, vor allem in der Prävention, sagt Bergmann. "Aber wenn es um die Hilfsangebote geht, genügend Beratungseinrichtungen, genügend Therapieangebote, auch materielle Hilfen, das ist ein weites Feld, da ist noch unheimlich viel zu tun."

Außerem sieht die frühere Misssbrauchsbeauftragte noch Forschungsbedarf, sowohl was das Ausmaß und die Dimensionen sexualisierter Gewalt gegen Kinder angeht, als auch zum Entstehungskontext:  

"Was sind die Ursachen gewesen, dass das so möglich war, meinetwegen in Sportvereinen. Warum konnte das passieren, warum wurde weggeschaut, wie wenig wurde aufgearbeitet?"

(uko)

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