Seit 05:05 Uhr Studio 9
Dienstag, 26.01.2021
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Kompressor | Beitrag vom 16.12.2020

Sexplattform PornhubGuter Porno, schlechter Porno

Madita Oeming im Gespräch mit Gesa Ufer

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Smartphone-Bildschirm schaut teilweise unter einer Bettdecke hervor. Auf dem Bildschirm ist eine stöhnende Frau beim Sex zu sehen. (Unsplash / Charles Deluvio)
Pornhub steht zurecht in der Kritik, findet Madita Oeming. Doch Porno könne auch ethischer konsumiert und produziert werden. (Unsplash / Charles Deluvio)

Pornhub hat nach massivem Druck Millionen Videos gelöscht, etwa von Vergewaltigungen. Eine gute Entwicklung, findet die Amerikanistin Madita Oeming. Doch über die Plattform und Pornografie wird ihrer Meinung nach in problematischer Weise diskutiert.

3,5 Milliarden Besuche verzeichnet Pornhub pro Monat – mehr also als Netflix oder Amazon. Auf der Plattform gibt es Pornografie aller möglichen Spielarten, zum Teil kostenlos, zum Teil gegen Bezahlung. Unter den pornografischen Inhalten ließen sich bisher allerdings zahlreiche problematische Aufnahmen finden: Clips, in denen Minderjährige Sex haben, mitgefilmte Vergewaltigungen und Videos von nicht-einvernehmlichem Sex. 

In den USA werfen Kritikerinnen und Kritiker Pornhub in diesem Zusammenhang "Trafficking", also Menschenhandel vor - so auch in einem Artikel in der New York Times Anfang Dezember, der hohe Wellen schlug und dazu führte, dass die großen Kreditkartenunternehmen ihre Zusammenarbeit mit der Plattform aufkündigten. Und auch die Plattform selbst hat nun auf die Vorwürfe reagiert und am Wochenende Millionen Videos gelöscht.

"Krieg gegen Pornografie"

Der Pornhub-Artikel der New York Times sei gleichzeitig "ein Meisterwerk und Gruselwerk des journalistischen Framings", kritisiert die Amerikanistin und Kulturwissenschaftlerin Madita Oeming von der Universität Paderborn. Sie forscht seit Jahren zu Pornografie und hat sich über den einflussreichen Text sowie die darauf folgende Berichterstattung geärgert. 

Sie wolle weder Pornhub verteidigen noch die Probleme der Plattform relativieren, betont Oeming. Sie kritisiert aber, dass der Autor des Artikels einen "sehr voyeuristischen Umgang mit den Traumata" betroffener Personen habe, der an "Trauma-Porn" grenze. Der Autor stilisiere sich zu einem augenöffnenden Investigativjournalisten, obwohl Sexarbeiterinnen seit mindestens einem Jahrzehnt auf diese Probleme aufmerksam gemacht hätten. "Dieser Text reiht sich ein in eine größere Bewegung, die man wirklich als den Krieg gegen Pornografie bezeichnen kann in den USA."

Abonnieren Sie unseren Kultur-Newsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail.

Oemig macht außerdem auf die Perspektive der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter aufmerksam, die in der medialen Berichterstattung ihrer Meinung nach bisher zu kurz gekommen ist. Als die Bezahldienste ankündigten, dass sie nicht mehr mit Pornhub zusammenarbeiten würden, hätten Darstellerinnen und Darsteller große Angst bekommen, da sie ihren Lebensunterhalt auch mit Bezahlinhalten auf der Plattform bestreiten. 

"Ein ganz großes Problem von Pornhub als Konzept ist, dass dort von Anfang an geklaute Inhalte gezeigt wurden." Für die Pornoindustrie bestehe also ein Copyright-Problem, das aber "überhaupt nicht ernst genommen wurde, weil Pornografie einfach nicht ernst genommen wird."

Pornografie bewusst nutzen

In der Debatte über Pornografie beobachtet sie ein "Schwarz-weiß-Denken". Pornhub sei nicht gleich Pornografie, sondern das Unternehmen habe eine nahezu Monopolstellung in der Industrie. Man müsse Pornhub kritisieren und abgrenzen von anderen, wesentlich ethischeren Formen von Pornokonsum und -produktion. Diese Formen dürfe man nicht unsichtbar machen, so Oeming:

"Indem wir den Ansatz wählen zu sagen: Bezahlt für eure Pornografie. Geht auf Seiten, die transparenter sind. Setzt euch mit diesen Menschen auseinander. Hört ihnen zu. Das sind die Schritte, die ich mir ganz doll wünschen würde, um auch einfach dieses Stigma abzubauen."

Wer bereit sei, Geld in Bioprodukte zu investieren und nicht bei Primark Kleidung einkaufe, solle genauso über seinen Konsum von Pornografie nachdenken, sagt Oeming. Das Stigma um Pornografie führe dazu, dass in dem Medium viele Praktiken möglich seien, die in anderen Branchen gar nicht mehr denkbar seien.   

(jfr)

Mehr zum Thema

Webcam-Models in Kolumbien - Das Milliardengeschäft mit der Intimität
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 14.12.2020)

Onlineplattform OnlyFans - Wird Pornografie im Internet endlich fair?
(Deutschlandfunk Kultur, Breitband, 21.11.2020)

"Posing"-Bilder von Kindern - Wer will, kommt leider leicht ran
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 22.5.2020)

Fazit

Hype um ClubhouseDer Partytalk, der keiner ist
Das Logo der neuen Social-Media-App "Clubhouse" auf dem Display eines iPhones. (William Krause / Unsplash)

Der Hype um die Audio-Plattform Clubhouse könnte größer kaum sein. Wer es schließlich rein schafft, fühlt sich wie auf einer großen Party und plaudert ungezwungen drauf los. Aber jeder kann zuhören, warnt Journalist Richard Gutjahr.Mehr

Neues Haus der KunstZurück in die Zukunft
Heiner, Céline und Sohn Aeneas Bastian vor dem früheren Haus Bastian in Berlin-Mitte. (picture alliance/dpa | Christoph Soeder)

Bis 2019 betrieb die Sammlerfamilie Bastian im Herzen von Berlin eine Galerie. Dann brach sie ihre Zelte ab und ging nach London. Nun soll im Süden der Hauptstadt ein neues Museum entstehen – entworfen von dem britischen Stararchitekten John Pawson.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur