Seit 22:03 Uhr Literatur

Sonntag, 08.12.2019
 
Seit 22:03 Uhr Literatur

Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 05.10.2017

Sex-Therapeutin Ruth Westheimer"Es gibt Grenzen für die Intimität"

Ruth Westheimer im Gespräch mit Katrin Heise

Podcast abonnieren
Ruth Westheimer an einem Buchstand mit einigen ihrer Werke zum Thema Sex. (imago / UPI Photo)
Ruth Westheimer oder auch "Dr. Ruth", die bekannteste Sexualtherapeutin der USA. (imago / UPI Photo)

Seit fast 40 Jahren wird sie weltweit als Expertin für Sex geschätzt. Im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur kritisiert sie unter anderem Verfallserscheinungen der Werbebranche beim Thema Sexualität. Übersexualisierung habe Folgen für das Sexualleben.

Ruth Westheimer ist die bekannteste Sexualtherapeutin der USA, wenn nicht weltweit. 

Die 89-jährige Holocaust-Überlebende liebt das Leben und begeistert sich für Menschen. In ihrem jüngsten Buch geht es um die "joie de vivre", die Freude am Leben. Trotz des Schmerzes, den sie schon als junges Mädchen bewältigen musste.

Tägliches Gespräch über Sexualität

"Dr. Ruth" praktiziert täglich das Gespräch über Sexualität, findet aber, dass es Grenzen der "Übersexualisierung" geben sollte. Die ständige Bilderflut habe Auswirkungen auf das Sexualleben. Westheimer kritisiert im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur auch Verfallserscheinungen der Werbebranche beim Thema Sexualität.

"Mich stört, dass ich im Taxi sitze in New York und da kommt dann eine Reklame für Unterhosen. Und dann sieht man, dass der Mann eine Erektion hat. Mich stört das. Ich bin altmodisch. Ich spreche so offen über Sex. Aber ich finde, das hat jetzt irgendwo die Grenzen überschritten. Wir wissen alle, dass Sex sich verkauft. Aber irgendwo hat man vergessen, dass es auch eine Grenze gibt."

Auswirkungen medialer Überflutung

Sie halte es für übertrieben, Sex in dieser Form auszustellen, meint Westheimer. Das habe außerdem auch Auswirkungen auf unser Sexualverhalten:

"Wenn das auf das Gehirn einspielt und man das benutzen kann in der Phantasie während des Sexualverkehrs – wunderbar. Aber es gibt jetzt niemanden, der sagt: Es gibt auch Grenzen. Es gibt Grenzen für die Intimität. Und wenn die ganze Zeit jedes Bild nur noch von Sexualität ist, dann verliert das an Eindruck."   

Die Allgegenwärtigkeit dieses Themas in der Medienwelt verändere unsere Haltung gegenüber dem Sex, erzählte Westheimer aus Gesprächen mit ihren Patienten.

"Das Schwierige ist: Wenn man ein Bild im Kino zeigt, das suggeriert, das ein Mann für zwei Stunden eine Erektion oder eine Frau solche Orgasmen hat, dass sie schreien muss, denken manchmal Leute, dass sie nicht normal sind. Denn bei ihnen im Bett geht es nicht so zu. Die vergessen dann, dass das Reklame und Film ist, dass es nicht in der Realität stattfindet. Das muss man ihnen erklären."  

Offenheit und Tabus

Beim Thema Sexualität gibt es die Offenheit und es gibt auch Tabu-Themen. Wie offen sprechen die Menschen mit Ruth Westheimer über ihre ganz persönliche Sexualität?

"Wahrscheinlich sprechen viele Menschen mit mir mit mehr Offenheit über ihre Sexualität als mit ihrem Partner. Und ich sage dann: 'Das ist in Ordnung.'  Zu Frauen sage ich etwa: 'Sagt dem Mann nicht, dass der letzte Liebhaber einen größeren Penis gehabt hat. Der wird das nie vergessen.' Und ihm sage ich: 'Sagt nicht, dass ihr lieber Frauen habt mit großen Brüsten. Aber du kannst das in der Phantasie benutzen. Du kannst alles in der Phantasie benutzen. Aber halt Deinen Mund.'" 

Ruth Westheimer: "Lebe mit Lust und Liebe. Meine Ratschläge für ein erfülltes Leben"
Herder Verlag, 2015
240 Seiten, 19,99 Euro

Mehr zum Thema

Ruth Westheimer über Sex und jüdische Tradition: - "Sex ist keine Sünde, sondern Obligation"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 10.12.2016)

Evolutionsbiologen vs. Gleichstellung - Stehen Frauen auf Alphamännchen?
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 28.09.2017)

Isabel Sarli - Von der Softporno-Queen zur Filmikone
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 18.08.2017)

Im Gespräch

Vom Geben und NehmenDie Kunst des Schenkens
Ein junger Mann sitzt auf einer Bank und hält ein kleines, in goldenes Papier verpacktes, Geschenk in der Hand. (picture alliance / dpa-tmn / Christin Klose)

Weihnachten naht und damit für viele der Geschenkestress. Das Weihnachtsgeschäft beschert dem Einzelhandel einen Umsatz von mehr als 100 Milliarden Euro. Aber worin bemisst sich der Wert eines Geschenkes? Wie können wir mit Freude geben und nehmen?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur