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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.05.2006

"Sex kaufen ist kein Sport"

Prostitutionsgegner demonstrierten vor der WM in Paris

Von Suzanne Krause

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Ein Bordell in Köln wirbt mit der Fußballweltmeisterschaft (AP Archiv)
Ein Bordell in Köln wirbt mit der Fußballweltmeisterschaft (AP Archiv)

Vor der deutschen Botschaft in Paris protestierten Feministinnen und Politiker gegen die Organisation von Prostitution bei der Fußball-WM. Eine weltweite Petition unter dem Slogan "Sex kaufen ist kein Sport" und diese Demonstration seien nur der Auftakt für weitere Aktionen der Prostitutionsgegner, sagte eine der Initiatorinnen.

Auf dem Bürgersteig schräg gegenüber des Botschaftsgebäudes drängen sich um die Hundert Personen, Frauen und Männer. Und unisono prangern alle den massiven Prostitutionsauftrieb rund um die kommende WM an. Von Spruchbändern prangt der Slogan: Sex kaufen ist kein Sport. Eine Parole, die seit vergangenem Januar um die Welt geht: eine entsprechende Petition hat bislang über 100.000 Unterschriften aus 125 Ländern gesammelt. Gestartet wurde die

Kampagne von der internationalen Nichtregierungsorganisation Coalition against trafficking of women. Angeschlossen haben sich ihr mittlerweile unzählige Frauenverbände, Gewerkschaften und auch alle Parteien im französischen Parlament, berichtet Laurence Rossignol, Vorsitzende der Parti socialiste:

"Die französischen Parteien akzeptieren nicht, dass die Fußballweltmeisterschaft Anlass dafür ist, den Frauenhandel und den Kommerz mit Frauenkörpern anzuheizen. Wir waren es gewohnt, dass zu solchen sportlichen Großveranstaltungen viel Nippes verkauft wird wie Püppchen, Schlüsselanhänger, T-Shirts. Bei der WM 2006 gehören nun aber auch Frauenkörper zum Nippes. Wir sind dagegen und wir müssen ebenso allen europäischen Ländern Gelegenheit zu einer Debatte geben, wie die Prostitution in Europa abgeschafft werden kann. Denn dabei handelt es sich um Gewalt gegen Frauen."

Eine Botschaft, für die Sozialistin Laurence Rossignol auch schon am Vortag geworben hatte, genau wie hochkarätige Kolleginnen und Kollegen von den Kommunisten über die liberale UDF bis zur Regierungspartei UMP. Nicht zu vergessen: Dominique Voynet, für die Grünen im Rennen um das Amt des Staatspräsidenten. Mögen deutsche Kampagnen mobil machen gegen Frauenhandel und Zwangsprostitution: Voynet und ihre französischen Mitstreiter engagieren sich gegen die Organisation von Prostitution per se.

"Wenn in der Schule Berufsberatung angeboten wird, schlägt keiner den Jugendlichen vor, dass sie den Verkauf ihres Körpers zum Beruf machen sollen. So ein Job ist im Ausbildungsprogramm nicht vorgesehen. Von daher handelt es sich wohl kaum um einen Beruf wie alle anderen. Ich würde mir wünschen, dass wir endlich weniger bigott sind und uns eingestehen, dass niemand jemals seinen Kindern eine Zukunft in der Prostitution gewünscht hat. Von daher finde ich es absolut schockierend, dass man in einem solch reichen Land wie Deutschland befindet, Prostitution könne ein akzeptabler Beruf sein für die Kinder aus den armen Ländern im Süden oder aus Osteuropa."

Die weltweite Petition und die heutige Demonstration in Paris sind nur der Auftakt für weitere Aktionen der Prostitutionsgegner rund um den Globus, hält Petitions-Initiatorin Malka Marcovich fest:

"In vielen Ländern werden nun die Vereine, die sich unserer Kampagne angeschlossen haben, die Petitionslisten an die dortigen deutschen Botschaften weiterreichen: sei es in Italien, in Spanien, in Belgien, oder auch in Syrien, in ganz Lateinamerika und in den Vereinigten Staaten. Überall dort werden wir die deutschen Botschaften auf unseren Slogan hinweisen: Sex kaufen ist kein Sport."

Auch wenn sie am selben Strang ziehen: Marianne Eriksson und die Feministinnen in Schweden haben einen anderen Slogan gewählt. Der prangt auf dem T-Shirt, dass die sozialistische Politikerin und Ex-EU-Abgeordnete aus Stockholm gestern bei der Pressekonferenz in Paris stolz vorführte:

"Das Logo zur WM 2006 zeigt einen Fußball mit einer lila Schleife. Darunter steht: für Fairplay kann man nicht zahlen."

Am 8. Juni, am Vortag des WM-Auftakts, werden wir in Stockholm eine große Kundgebung organisieren. Natürlich wird einer unserer Minister dort eine Rede halten, ohne Politiker geht es ja nicht. Aber was noch viel wichtiger ist: Wir haben ein sehr beliebtes Fußballteam aus dem Süden von Stockholm für unsere Kampagne gewinnen können und die Sportler wollen bei der Demo auftreten, weil sie unsere Arbeit unterstützen.

Bei der Kundgebung heute Abend fragte sich manche Teilnehmerin, ob wohl auch Zinedine Zidane, Ball-König und Kapitän der französischen Nationalelf, dem Aufruf der Feministinnen zu einem ähnlichen Engagement nachkommen werde. In den Medien im Land jedenfalls ist das Thema WM und Prostitution seit Wochen ein Dauerbrenner. Und Berichte wie über den neuen gigantischen Sex-Palast in Berlin schocken gewaltig. Dabei ist alles klar: auch bei sportlichen Großveranstaltungen in Frankreich würde die Prostitution ins Kraut schießen. Dennoch meint Josette Rom-Chastagne von der feministischen Initiative für ein anderes Europa:

"Wenn man sich anschaut, wie offensichtlich die Dinge ablaufen, mit dem Mega-Bordell in Berlin, den Vorkehrungen, damit die Kunden anonym bleiben, den Deklarationen der Bordellwirte, die keinen Unterschied machen zwischen einer Frau und einem Hamburger - dann kratzt das das Image eines demokratischen Landes wie Deutschland doch etwas an."

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Links bei dradio.de:

Zunahme der Zwangsprostitution während der Fußball-WM befürchtet
Das Geschäft mit der Ware Frau
WM-Seiten von dradio.de

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