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Zeitfragen | Beitrag vom 25.07.2019

Sex, Drugs und Therapie?Das umstrittene Treiben der Kirschblütengemeinschaft

Von Susanne Götze

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Mitglieder der Kirschblütengemeinschaft im liegen verteilt auf dem Boden und hören ihrem spirituelle Anführer zu.  (Susanne Götze)
Therapeut Sebastian Weidenbach auf der Bühne: Eine Sitzung der Kirschblütengemeinschaft im Schweizer Kanton Solothurn. (Susanne Götze)

Einen Weg zu Liebe und Selbsterkenntnis versprechen die Heilsbringer der Kirschblütengemeinschaft aus der Schweiz. Kritiker dagegen werfen den Therapeuten vor, die Sinnsuchenden einer gefährlichen Drogen- und Sex-Therapie auszusetzen.

Auf den ersten Blick wirkt das Schweizer Dorf Nenninghof-Lüsslingen harmlos. Rechts und links der Landstraße stehen alte Bauernhäuser mit gepflegten Vorgärten. Es gibt eine Käserei, den üblichen Landgasthof. Aber der erste Eindruck täuscht, denn das Schweizer Dorf ist ein Politikum. Etwa ein Drittel der 500 Einwohner sind Anhänger einer esoterischen Psychotherapeuten-Vereinigung. Sie nennen sich die Kirschblütengemeinschaft oder auch die "echten Psychotherapeuten".

Ihre Therapieansätze sind gewagt und provokant. In diesem Jahr etwa laden sie zu ihrem Kongress ein, um über das "Inzesttabu" zu sprechen: "Könnt ihr sie sehen, die Grenzen in euch? Das Getrenntsein. Die Unmöglichkeit ganz innig und nah und gleichzeitig offen und frei in alle Richtungen und für alles und jeden zu sein", fragt der spirituelle Anführer der Gruppe Sebastian Weidenbach.

"Inzestverbot" als überflüssige* Gesellschaftsnorm

Der hagere Mann um die 50 ist ganz in weiß und hellgrau gekleidet. Männer und Frauen liegen zwischen Kissen auf dem Boden und haben die Augen geschlossen, während der praktizierende Psychotherapeut weiter spricht: "Könnt ihr das wahrnehmen in euch? Das hieße, dem Inzesttabu in euch auf die Spur zu kommen." Durch den Singsang seiner Stimme wirkt der Vortrag fast wie eine Predigt. Weidenbach lebt zusammen mit Frau und Kindern in dem kleinen Schweizer Dorf – inmitten seiner Anhänger.

Vor dem Haus der Kirschblütengemeinschaft im Schweizer Kanton Solothurn. (Susanne Götze)Vor dem Haus der Kirschblütengemeinschaft im Schweizer Kanton Solothurn. (Susanne Götze)

Er ist einer der Leiter der sogenannten "Therapeutisch tantrischen spirituellen Universität". Hier unterrichten die Kirschblüten-Therapeuten ihre Anhänger. Sie halten gesellschaftliche Normen wie das Inzesttabu für überflüssig* und propagieren auch die Psycholyse als Teil des Befreiungsprozesses, wie es in den Schriften der Gemeinschaft und von ihrem 2017 verstorbenen Gründer Samuel Widmer heißt.

Selbsterfahrung im Drogenrausch

Bei der Psycholyse werden oft illegale Drogen wie LSD und Ecstasy für Therapiezwecke eingesetzt. Das ist verboten und die Gemeinschaft beteuert, selbst nur legale Substanzen zu verwenden. Kritiker wie der Sektenexperte Hugo Stamm bezweifeln jedoch, dass sich alle von der Lehre der Kirschblütler beeinflussten Therapeuten immer daran halten: "Es sind inzwischen 250 echte Anhänger, die hier in einer Lebensgemeinschaft leben. Und dann hat natürlich Samuel Widmer hunderte sogenannte Psycholyse-Therapeuten ausgebildet." Teile dieser Gruppe wendeten die Psycholyse-Praktiken an und dabei würden "höchstwahrscheinlich auch Drogen" genommen, so Stamm.

Er spricht von einem riesigen Geflecht, das sich vor allem über den deutschsprachigen Raum ausgebildet hat. Laut Hugo Stamm gehören zum Repertoire therapeutischer ebenso angebliche Heilmittel wie Gruppensex oder der sexuelle Kontakt in der Familie. Aussteiger der Kirschblütengemeinschaft berichten, dass sich Sex und Drogen zu einem gefährlichen Cocktail mischen.

Eine kleine Gruppe demonstriert mit einem Transparent gegen die Kirschblütengemeinschaft im Schweizer Kanton Solothurn. (Susanne Götze)Warnung vor den Gefahren der Psycholyse: Protest gegen die Kirschblütengemeinschaft. (Susanne Götze)

Das jedenfalls ist die Erfahrung von Sabine Bundschuh. Vor fünf Jahren hatte sie bei einer solchen Drogensitzung einen Schlaganfall. Heute protestiert sie vor dem Kongress gegen die Kirschblütler und ihre Praktiken. "Das Gefährliche an der Kirschblütengemeinschaft ist, dass es im Untergrund stattfindet", so Bundschuh. Es gebe keinerlei Supervision für die Therapeuten. Der sage in einer normalen Therapie, dass er etwas ganz Besonderes habe. "Man darf aber nicht drüber reden, weil es verboten ist."

Tote nach Drogensession in Berlin

Wie gefährlich eine Psycholyse-Drogensitzung sein kann, zeigt ein Fall aus Berlin. Ein Arzt hat seinen Patienten Drogen verabreicht und sich bei der Dosis verrechnet. Zwei Menschen starben. Aussteigern wie Bundschuh zufolge organisiert man die Drogensessions als Treffen "unter Freunden". Der Therapeut empfehle die Drogensitzungen, doch eine Vernetzung zur Kirschblütengemeinschaft ist nicht nachweisbar. Die Kirschblüten-Anhänger bewegten sich geschickt an der Grenze der Legalität, so Bundschuhs Einschätzung.

Bis 1993 konnte der Gründer der Gemeinschaft Samuel Widmer offiziell mit Drogen wie LSD oder Ecstasy experimentieren. Er besaß eine Spezialbewilligung des schweizerischen Bundesamtes für Gesundheit. Heute ist die Psycholyse mit solchen Substanzen verboten, aber Sektenexperte Hugo Stamm vermutet: Sie werde von entsprechend inspirierten Therapeuten trotzdem praktiziert.

Die Patienten konsumierten, was ihnen gegeben werde. "Sie haben keine Ahnung, was enthalten ist und sie haben keine Ahnung, wie hoch die Dosierung", so Stamm. Die Leute konsumierten blind alles, was ihnen verabreicht werde. Sie glaubten, "dass die Drogen zum Heil führen und dass man damit Traumata überwinden kann.

Kirschblütengemeinschaft weist Vorwürfe zurück

Die Kirschblüten-Gruppe hat bisher alle Vorwürfe entkräften können. Die Anführer reagieren mit gerichtlichen Klagen und versuchen Presseberichte zu verhindern. Psychotherapeuten, die Anhänger der Kirschblütengemeinschaft sind, können in der Schweiz und Deutschland weiterhin ganz legal praktizieren. Die Schweizer Psychiaterin Alexandra Horsch sieht das problematisch, weil das Verhältnis zwischen Therapeut und Patient unter einem besonderen Schutz stehe. Der Patient müsse die Sicherheit haben, "dass in einem Psychiater-Sprechzimmer alles mit rechten Dingen zugeht." Die Gefahr sieht sie darin, dass Patienten erneut traumatisiert werden können und dann keinen Arzt mehr aufsuchen. "Eben, weil sie einen Vertrauensverlust erlebt haben."

In Deutschland sind die Strukturen der Kirschblüten-Therapeuten trotz der Todesfälle von 2009 weithin unbekannt. Die zuständige Informationsstelle für die Bundesregierung erklärte auf Anfrage, dass ihr nicht bekannt sei, ob und inwieweit die Kirschblütengemeinschaft auch in Deutschland aktiv ist.

Zum Abschluss seines Vortrages über das "Inzesttabu" holt der Kirschblütler Sebastian Weidenbach seine jugendliche Tochter und seine Frau auf die Bühne. Ein Mann mit längeren Haaren spielt Gitarre. Während sie sich liebevoll in die Augen schauen, singen sie gemeinsam Micheal Jackson’s "Heal the world". Ob das so ein gutes Vorbild ist, sei dahingestellt. Denn die Idee, die Welt mit Drogen und Liebe zu heilen, ging zumindest im Fall des Musikstars gründlich daneben.


*Redaktioneller Hinweis: Die Kirschblütengemeinschaft äußert sich in einem Beitrag auf Ihrer Internetseite zur Aufhebung des Inzesttabus wie folgt:

"Wenn wir vom Inzesttabu sprechen, und insbesondere von dessen Aufhebung meinen wir, dass es frei sein muss, Liebe und sexuelle Anziehung zwischen zwei Menschen wahrnehmen zu dürfen, sie auszudrücken und darüber zu reden – egal in welchem gesellschaftlichen Kontext die zwei betroffenen Menschen stehen. Mit Aufhebung des Inzesttabus meinen wir explizit nicht, dass unstimmige sexuelle Begegnungen in der Therapiestube oder zwischen nahen Verwandten stattfinden sollen. Auch finden wir das Inzesttabu nicht etwas grundsätzlich Falsches, das überall und für alle aufgehoben werden muss. Noch braucht die Welt dieses. Es ist eine notdürftige Lösung für eine Schwierigkeit, mit der die Menschheit noch nicht umzugehen gelernt hat."

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