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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.03.2005

Sex als Motor der Kultur

Tor Norretranders: "Homo Generosus" - Warum wir Schönes lieben und Gutes tun.

Rezensentin: Susanne Nessler

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Tor Norretranders: "Homo Generosus" (Rowohlt)
Tor Norretranders: "Homo Generosus" (Rowohlt)

Warum bemühen wir uns um die Aufmerksamkeit unsere Mitmenschen? Woher kommen Qualitäten wie Großzügigkeit, der Sinn für Schönheit, Kreativität und soziales Mitgefühl? Diesen Fragen ist der Däne Tor Norretranders in seinem Buch "Homo Generosus. Warum wir Schönes lieben und Gutes tun", nachgegangen. Aus wissenschaftlicher Sicht versucht er zu klären, warum sich der Mensch am liebsten von seiner besten Seite zeigt.

Es geht um Schönes und Gutes und beginnt mit einem großen Versprechen.

"Willkommen in einem Buch über Bier, Sex und Hornmusik."

Das lässt auf unterhaltsame und interessante 300 Seiten hoffen. Zumal der Autor Tor Norretranders gleich im zweiten Satz seinen Lesern verspricht, dass in diesem Buch auch die Kunst erklärt werde, wie man die schönen Dinge des Lebens bekommt. Bei so großen Versprechungen empfiehlt es sich zunächst einen kurzen Blick auf das Ende zu werfen. Wie lautet die Schlussfolgerung des Autors?

" Erlösen Sie die Welt - durch Sex!"

Jetzt kann man kurz darüber nachdenken, die Welt zu erlösen oder 300 Seiten über Evolution, Marktwirtschaft und Verhaltenspsychologie lesen. Wer sich fürs Lesen entscheidet, bekommt einen ausführlichen und gut verständlichen Grundkurs in Darwinismus. Fast ein Drittel des Buches widmet sich den Theorien des Evolutionsbiologen, der vor knapp 150 Jahren erklärte, der Mensch stamme vom Affen ab.

Darwins Theorie der sexuellen Selektion ist die Motivation, weshalb wir Menschen heute "Schönes lieben und Gutes tun", sagt Tor Norretranders. Er beschreibt im "Homo Generosus" ausführlich das Balz- und Paarungsverhalten im Tierreich. Schließlich hat uns der Autor ein Buch über Sex versprochen.

Besonders häufig ist von der schönen langen Feder des Pfauenmännchens, zu lesen. Sie ist das Symbol von Schönheit in der tierischen Partnerwahl und schmückt groß den Buchtitel.

Die auffälligen Federn sind für das Pfauenmännchen eine Gefahr und genau das imponiert den Weibchen. Denn wer es schafft, trotz des schweren Federschmucks nicht vom Fuchs gefressen zu werden, muss wirklich ein schlauer und schneller Pfau sein. Kurz: er muss gute Gene haben, und genau das ist laut Darwins Theorie der sexuellen Selektion für die Fortpflanzung wichtig.

Die schönen Federn sind also ein biologisch motiviertes Handikap. Und je größer und schöner das Handikap, desto besser sind die Erfolgaussichten für das Männchen.

"Wir Menschen haben Methoden entwickelt und verfeinert, um uns auszudrücken und andere zu beeindrucken. Ursprünglich waren diese Neigungen mit der Zuchtwahl verbunden, aber mit der Zeit haben sie sich verselbständigt und werden ausgeübt, ohne dass der oder die Betreffende dabei notwendigerweise an Paarung denkt. "

Kunst und Kultur sind eigentlich Sex. Das Schöne, das Auffallende, alles was Eindruck macht, aber nicht notwendig ist, hätte vor einigen Jahrtausenden noch für Nachwuchs gesorgt. Diese Grundmotivation regelt auch heute noch unsere Gesellschaft, erklärt der Autor. Wir handeln großzügig, altruistisch, kooperativ, sind generös, weil wir uns dieses Verhalten leisten können.

Im Grunde geht es uns immer darum, unsere Umgebung zu beeindrucken. Das ist in allen Bereichen unserer Gesellschaft so. Auch unsere Wirtschaftsmärkte sind unbewusst von Imponiergehabe und Balzverhalten bestimmt.

" Der Wert eines Gutes wird dadurch bestimmt sein, wie viel menschliche Aufmerksamkeit es erfordert hat. Der Preis eines Gutes wird dadurch bestimmt sein, wie viel Aufmerksamkeit wir ihm widmen. "

Manchmal finden sich kurze Passagen auf englisch bei Tor Norretranders. Das ist irritierend und nur da nachvollziehbar, wo es um Titel oder Zitate aus bekannten Pop- und Rockliedern geht. Bob Dylan, die Beatles, Abba. Sie und viele andere Künstler haben über Liebe und Sex gesungen. Für den Autor ein Beweis, wie sehr unser Leben von diesen Themen bestimmt wird.

"Love is all there is, it makes the world go round." (Bob Dylan)

Mit solchen simplen Beispielen und einem lockeren, zum Teil leicht provozierenden Ton vermittelt der Autor dem Leser außer einem Grundkurs in Evolutionstheorie noch die wichtigsten Untersuchungen aus der Sozialforschung und der Spieltheorie. Wann genau sind wir bereit mit anderen zu kooperieren, was hält uns davon ab vollkommen egoistisch zu handeln und wie sehr beeinflusst uns das Verhalten anderer.

Insgesamt sind die wissenschaftlichen Erläuterungen für Laien sehr klar und gut verständlich verfasst. Der Autor verzichtet auf Fremdwörter und erklärt jeden Fachbegriff.

Wer sich in diesem Themenbereich allerdings ein wenig auskennt, für den bringt das Buch nichts Neues. Und die populäre Darstellungsweise, in der besonders oft das Wort Sex auftaucht, kann manchmal auch auf die Nerven gehen.

Eine Anleitung, wie man die schönen Dinge des Lebens bekommt, liefert das Buch leider auch nicht. Da hat der Autor am Anfang ein bisschen dick aufgetragen. Aber wir verstehen nach der Lektüre des Buches schließlich warum. Und verzeihen ihm vielleicht auch, das von Bier und Hornmusik keine Rede war. Schließlich geht es um Sex und nur um Sex. Erlösen wir also die Welt!

Tor Norretranders: "Homo Generosus" - Warum wir Schönes lieben und Gutes tun
Dt. von Kerstin Hartmann-Butt
Rowohlt Verlag, 2004
350 Seiten, 19,90 €

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