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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 11.01.2015

Serie "Mein Verein"Schlitternd zum Sieg

Von Marina Schweizer

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Curling rocks ,die Spielsteine aus Granit, auf einer Spielfläche mit Eis. (imago/All Canada Photos)
Absoluter Randsport in Deutschland: Curling (imago/All Canada Photos)

Wer es im Curling zu etwas bringen will, hat in Deutschland gute Chancen: Gerade mal 600 Menschen frönen dem Randsport bundesweit. Teams für Wettkämpfe zu bilden ist da selbst für den ältesten deutschen Curling-Verein aus Düsseldorf nicht leicht.

Richard Dörrenberg: "Ich bin mit der Familie im Wintersport gewesen und habe irgendwo Leute gesehen, die auf dem Eis so komische Steine schoben. Dann bin ich da hingegangen und habe gesagt: Was ist das denn? Dann haben die gesagt: Das ist Curling! Aha! Ja und dann haben die gefragt: Wollen Sie mitmachen? Dann habe ich mit denen geübt und schon nach einer Woche konnte ich dann im ersten Turnier mitspielen, machte auch den zweiten Platz. Das war an der frischen Luft, in der Sonne – wunderschön!"

Richard Dörrenberg ist auch über drei Jahrzehnte nach diesem einschneidenden Curling-Erlebnis bei seiner Leidenschaft geblieben. Heute ist er Vorstand des Curling Clubs Düsseldorf. Der Verein wurde noch vor seiner Zeit geründet: Eine Handvoll Düsseldorfer rief ihn ins Leben, sie hatten zuvor Curling nur gelegentlich in der Schweiz gespielt. Das war 1961.

"Das sieht dann aus, wie Boccia auf dem Eis"

Mehr als ein halbes Jahrhundert später hat der Verein rund 50 Mitglieder, gut zehn davon stehen am Dienstagabend auf der Eisfläche im Düsseldorfer Eisstadion. Richard Dörrenberg nimmt sich einen der knapp 20 Kilo schweren Granitsteine. Das Format erinnert an einen flachgedrückten Fußball, der Griff oben an ein Bügeleisen. 

"Die Leute sliden sich ein. Der Stein wird abgegeben und gleichzeitig slidet man aus dem Heck nach vorne, nimmt den Stein mit und lässt ihn dann los. Die üben jetzt ein bisschen das Sliding und dann geht es gleich los und die machen ein kleines Spiel."

Das sieht dann aus, wie Boccia auf dem Eis. In zwei Teams stoßen Spieler Steine ab und versuchen, sie mit einer Mischung aus Geschwindigkeit und gutem Dreh-Impuls in ein Feld zu spielen. Das Eis vor dem Stein wischen die Mitspieler mithilfe eines Curling-Besens glatt, so steuern die den Lauf des Steins. 

Für die Düsseldorfer Vereinsmitglieder ist der Sport einfach nur ein Hobby, niemand spielt hier auf Spitzenniveau. Trotz der vergleichsweise langen Geschichte des Düsseldorfer Clubs: Vieles wird improvisiert, das Eis ist hier nicht optimal glatt, es gibt keinen Trikotsponsor und kein eigenes Vereinsheim, die meisten Treffen finden einfach auf dem Eis statt. Und dort stehen an diesem Abend auffallend viele junge Spieler, der Club kooperiert mit dem Hochschulsport der Uni Düsseldorf. 

Alle vier Jahre schafft es der Sport über die Wahrnehmungsschwelle

Der 23-jährige Christoph Tersbecken steht zum ersten Mal auf einem Curling-Feld. 

"Meine Cousinen kommen seit zwei bis drei Monaten her und die haben mir am Wochenende davon erzählt. Und weil ich das nur aus dem Fernsehen kenne, dachte ich, ich probiere das auch mal aus."

Das Fernsehen: ein wichtiger Faktor für Curling in Deutschland. Für viele Wintersportinteressierte schafft es die Sportart nur alle vier Jahre über die Wahrnehmungsschwelle: Bei Olympischen Spielen erreicht die Randsportart erstaunliche Fernsehquoten. Und das spüren auch die Düsseldorfer:

"Das führt dann spontan zu E-Mailflut."

Doch der älteste Curling Club in Deutschland schafft es trotzdem bei Weitem nicht jedes Jahr, ein Herren- oder Damen-Team für Wettbewerbe zu melden – obwohl die Curlingszene sehr überschaubar ist, beschreibt Richard Dörrenberg

2004 wurde man Vize-Weltmeister

"Es gibt in Deutschland etwa 600 Curlingspieler, das ist ja schon gar nicht so furchtbar viel. Es gibt Meisterschaften, die wir auch immer mal mitspielen, aber nicht jedes Jahr. Wenn Sie überlegen, bei 600 Spielern, wenn davon 100 ernsthaft spielen, dann sind das ja 20 Teams – also so viele sind das gar nicht."

Wer Curling ernsthaft betreibt, hat  zumindest rechnerisch gute Chancen, es innerhalb Deutschlands weit zu bringen. So ging es auch Caroline Wingendorf vor gut zehn Jahren als Juniorin:

"Ich hatte erst zwei, drei Mal gespielt und dann hab ich schon das erste Turnier mitgespielt – ein ganz normales Turnier. Und so kam das immer mehr, bis wir irgendwann mal gesagt haben: Spielen wir einfach mal die Meisterschaften mit."

Und so sorgten sie und ihr Team 2004 für einen der größten Erfolge des Düsseldorfer Curling Clubs. Die Teenagerinnen wurden Vize-Meister und gewannen den Juniorinnen Grand Prix.

Nach einigen Jahren Pause ist Caroline Wingendorf wieder ins Training eingestiegen. Sie würde gerne bald wieder ein Team auf die Beine stellen. Vielleicht kann sie ja dann als Erwachsene an alte Erfolge für ihren Traditionsverein anknüpfen. 

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