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Fazit | Beitrag vom 02.01.2019

Serie: Frauen im BauhausIse Gropius - Partnerin auf Augenhöhe

Von Jana Münkel

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Das Bild zeigt das Ehepaar Ise und Walter Gropius. (picture-alliance / dpa / Koll)
Ise und Walter Gropius in späteren Jahren, 1961 bei der der Eröffnung des Bauhaus-Archivs im Ernst-Ludwig-Haus auf der Darmstädter Mathildenhöhe. (picture-alliance / dpa / Koll)

Anfang der 1920er Jahre wird die 26-jährige Ise Frank vom Bauhaus-Virus "infiziert". Sie hört einen Vortrag von Bauhaus-Direktor Walter Gropius, heiratet ihn und wird die "PR-Frau" der Schule. Oder, wie ihr Ehemann sagt: "Mrs. Bauhaus".

Für Ise Frank ist Anfang der 1920er Jahre eigentlich alles klar: Die junge Buchhändlerin lebt in München, ist mit ihrem Cousin verlobt und die Heirat steht an, erzählt die Kunsthistorikerin und Bauhausforscherin Adriana Kapsreiter.

"Eigentlich war ihr Leben als Frau schon gemacht, es war ja oft so, dass Frauen ein paar Jahre arbeiten durften, bis klar war, jetzt Kind, Küche, Kirche. Und eigentlich war Ise Gropius' Weg schon gemacht."

Ise Frank wirft ihr Leben um

Doch dann besucht Ise 1923 einen Vortrag des damaligen Bauhaus-Direktors. Und alles kommt anders, sagt Kapsreiter. "Dieser Vortrag, den sie gehört hat, dieser Mensch Walter Gropius, muss sie so beeindruckt haben, dass sie alles umgeworfen hat. Das war sicher für ihre Familie auch ein Schock. Aber das sagt viel über diese Frau, damals war sie 26. Es hat sicher viel Mut gebraucht, zu sagen, nein, diesen vorgeschriebenen Weg jetzt nicht mehr. Jetzt, wo ich weiß, dass es sowas gibt wie das Bauhaus, dann lieber das."

Ise und Walter Gropius heiraten, Ise zieht nach Weimar. Sie geht vollkommen auf im Bauhaus-Kosmos. Die Idee, gesellschaftliche Begegnung durch Kunst und Design zu ermöglichen, fasziniert sie. In einem Interview stellt sie fest: "Die Bauhaus-Idee wurde zu meinem zweiten Ich. Wenn man einmal davon infiziert war, hatte es Auswirkung auf jeden Aspekt des Lebens."

Die "PR-Frau" des Bauhaus

Schnell wird Ise Gropius zur "PR-Frau" des Bauhaus. Sie erledigt im Büro die Korrespondenz für ihren Mann, der sie bald "Mrs. Bauhaus" nennt: Sie schreibt seine Vorträge, sucht Sponsoren, macht gute Architekturfotos – und hält die Stellung, wenn Walter Gropius in der Welt unterwegs ist. Für Adriana Kapsreiter ist Ise ein Naturtalent:

"Ich hab sehr viele Briefe gelesen. Und die war so charmant, die konnte die Leute um den Finger wickeln. Heute würde man vielleicht sagen, sie war eine Eins-A-Networkerin. Also mit sehr viel Stil und Grandezza. Und so wie sie die Briefe geschrieben hat, das hätte er alleine sicherlich nicht so hinbekommen."

"Er hat sie um Rat gefragt ohne Ende"

Ise gilt heute oft als die "Sekretärin im Hintergrund" des Direktors. Doch sie war mehr, sagt Adriana Kapsreiter. "Sie hat Walter sicher sehr viel beraten. Ich kann mir vorstellen, dass die abends im Bett lagen und er hat sie um Rat gefragt ohne Ende. Er hat sie auch wirklich als Partner auf Augenhöhe gesehen, so hat er's genannt, Partner auf Augenhöhe, nicht Partnerin auf Augenhöhe, aber immerhin."

Als das Bauhaus 1925 nach Dessau umzieht, gestaltet Ise die Gropiusvilla mit: "Weil sie in Gropius Augen eine moderne Frau war. Ihr ganzer Stil, ihr Auftreten. Das war dann das Lebendige. Also der Architekt, der die kühlen Räume schafft und die Frau, die das dann belebt. Das mag uns heute ein bisschen klischeemäßig vorkommen, aber in dem Fall war das ein tolles Zusammenspiel."

Emigration in die USA

Die technikaffine Ise würde man heute wahrscheinlich "Early Adopter" nennen: In einem Stummfilmvideo präsentiert sie ihre modernen elektrischen Küchengeräte in der Gropiusvilla, die es auf dem normalen Markt noch gar nicht gab.

1928 gibt Walter Gropius die Bauhaus-Leitung ab, das Ehepaar zieht nach Berlin. Nach Angriffen der Nationalsozialisten emigrieren Walter und Ise 1934 erst nach London, vier Jahre später in die USA. Hier erscheint der erste große Bauhaus-Katalog, und Ise arbeitet daran mit. So bleibt Ise Gropius bis zu ihrem Tod 1986 und darüber hinaus: eine echte "Mrs. Bauhaus".

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