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Plus Eins | Beitrag vom 02.12.2020

Serie "Ein Jahr Corona"Geschichten aus der neuen Normalität

Ein junger Mann sitzt zu Hause vor einem Bildschirm mit Teilnehmern eines digitalen Treffens. (Getty Images / Digital Vision / Alistair Berg)
Treffen am Bildschirm, das neue Normal. Und doch ein sehnsuchtsvoller Blick aus dem Fenster. (Getty Images / Digital Vision / Alistair Berg)

Das Coronavirus ist ein Stresstest für Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und psychologisch auch für jeden Einzelnen. Ein Reporterteam begleitet unterschiedliche Menschen durch die Zeit der Pandemie und beobachtet, wie sich Lebenswege verändern.

Zu Beginn der Coronapandemie hieß es, Krisen seien Brandbeschleuniger und würden unterschwellige Entwicklungen schneller vorantreiben - im Guten wie im Schlechten. Unternehmen, denen es schon vorher nicht gut ging, geben unter Stress schneller auf. Menschen, die vorher schon anders lebten, anders arbeiteten oder anders sein wollten, nutzen die Situation für eine Veränderung.


Teil 1: Geld, Wut, Verantwortung

Von Lina Verschwele

Die Unternehmerin Viola Klein ist eine der erfolgreichsten Managerinnen Ostdeutschlands. Nach der Wiedervereinigung war sie zunächst arbeitslos, doch Klein berappelte sich schnell und gründete ihr eigenes Software-Unternehmen. Knapp 30 Jahre später hat sie mehr als 200 Angestellte an sechs Standorten.

Als Unternehmerin gehörte soziales Engagement für sie immer dazu. In Deutschland fördert sie junge Frauen in der männerdominierten IT-Branche, in Kapstadt eine NGO im Kampf gegen AIDS. Einladungen zu Wohltätigkeitsveranstaltungen nach Kapstadt und New York oder zu einer Party in Spanien: Viola Klein ist ständig unterwegs.

Ein Blick durch ein beschlagenes Fenster zeigt ein Flugzeug der Air France, das auf dem Boden steht.  (imago / Valentino Bellonix)Stillstand. Abheben ist für die Unternehmerin Viola Klein in weite Ferne gerückt. (imago / Valentino Bellonix)

Kurz vor der Coronakrise hat sie ihr Software-Unternehmen verkauft, um etwas Neues aufzubauen. Im März kaufte sie in Dresden noch ein neues Kleid für den nächsten Empfang, ihr Kalender ist voll mit Terminen. Nur wenige Tage später ist alles dicht: Geschäfte, Büros und Grenzen.

Im Mai sagt sie, dass sie ihr altes Leben sehr vermisst. Und fügt hinzu: "Aber, dass wir uns da richtig verstehen, die Maßnahmen finde ich alle richtig." 

Ende Oktober ist dieses Verständnis in Wut umgeschlagen. "Ich habe keine Angst vor dem Virus", sagt sie: "Das Leben an sich ist gefährlich und endet immer mit dem Tod." Sie denkt an die Menschen in Südafrika - und wie zum Trotz organisiert sie nur drei Tage vor dem nächsten Shutdown im Herbst eine Wohltätigkeitsveranstaltung mit 100 Personen in Dresden.


Teil 2: Sumas Neustart als Frau

Von Maike Verlaat und Lina Verschwele

Bereits als kleiner Junge fühlte sich Suma Abdul in seinem Körper nicht wohl. "Ich habe mir immer gewünscht, dass ich eines Morgens als Mädchen aufwachen würde", erzählt Suma. Ihr Traum soll in Deutschland wahr werden, denn im Jemen droht Homosexuellen die Todesstrafe.

Zu Beginn der Pandemie sitzt sie im März 2020 zu Hause und ist allein mit ihren Gedanken. Sie beginnt zu recherchieren und findet heraus, dass das Wort für ihre Gefühle "Genderdysphorie" heißt.

Der Mund ist halb geschminkt, der Bart halb ab, eine Veränderung steht an. (EyeEm / Sayanh Kaew Mni)In Deutschland wird für Suma Abdul möglich, worauf im Jemen die Todesstrafe droht, ein Leben als Frau. (EyeEm / Sayanh Kaew Mni)

Suma fasst einen Entschluss: Sie will offen als Frau leben und eine Transition vollziehen. Doch der Weg zu einer Hormontherapie ist lang. Suma zieht von Frankfurt nach Berlin. In der Hauptstadt hat sie eine Arbeit im Kundenservice gefunden. Bei diesem Unternehmen wird sie als Trans-Frau akzeptiert.

Nach dem Sommer findet sie auch einen Arzt, der die Therapie mit ihr beginnt. Sumas Familie im Jemen ahnt nichts von ihrer Wandlung in Deutschland. Suma hat Angst, es ihnen zu sagen, denn sie denkt, ihre Familie würde es nicht verstehen. Und so lässt Suma ihre Freunde an ihrem neuen Glück als Frau teilhaben.


Teil 3: Der Pfarrer und die leere Kirche

Von Paul Hildebrandt

Im Frühjahr konnte Pfarrer Markus Risch sich noch nicht vorstellen, wie die Pandemie sich auf das Gemeindeleben seiner Kirchengemeinde im Hunsrück auswirken würde. "Ich gehöre nicht so zu den ganz vorsichtigen", sagte er damals. "Die Leute erwarten schon, dass der Pfarrer ihnen die Hand gibt." Doch mittlerweile predigt er online und seine Kirche ist leer.

Eine Kirche im Lockdown. Eine aufgeschlagene Bibel auf einem Stehpult vor leeren Kirchenbänken. (picture alliance / Godong)Die leere Kirche ist für Pfarrer Markus Risch schwer zu ertragen. Ihm fehlt der direkte Kontakt zu seiner Gemeinde. (picture alliance / Godong)

In eine Kamera zu predigen und keine unmittelbare Reaktion seiner Gemeinde zu haben, ist für Risch ungewohnt. Beim Anblick der leeren Kirche habe seine Frau ein "apokalyptisches Gefühl", erzählt er, und ihm gehe es ähnlich. "Da kommt etwas und wir wissen noch nicht, was es ist." Die leere Kirche sei für ihn ein Sinnbild dafür. 

Im Herbst waren Gottesdienste mit Masken wieder möglich. Doch viele Gemeindemitglieder sind vorsichtig geworden. Die Kirche sei nur mäßig besucht, beschreibt Risch die Lage und befürchtet, dass die Menschen dauerhaft fernbleiben. Wenn sie über ein Jahr hinweg ihre Gewohnheit geändert hätten, werde es schwer, sie zurückzugewinnen.


Teil 4: Max Hartungs überraschende Entscheidung

Von Lisa Neal

In der Sendung "Das aktuelle Sportstudio" verkündete der Säbelfechter Max Hartung im März überraschend, er werde an den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio nicht teilnehmen. Bis dahin galt Hartung als Anwärter auf eine Goldmedaille im Säbelfechten. Die Moderatorin und einige andere Menschen seien von seiner Entscheidung sehr überrascht gewesen, erzählt er rückblickend.

Hartung hat sich im Vorfeld Gedanken über die Pandemie gemacht und über sein Verhalten in dieser Situation. Selbst wenn die Olympischen Spiele in Tokio stattgefunden hätten, hätte er es für zu gefährlich und zu verantwortungslos empfunden, um die Welt zu fliegen. 

Säbelfechter Max Hartung sitzt und blickt nachdenklich auf seinen Säbel. (imago images / Beautiful Sports / Kenny Beele)Nach den Olympischen Spiele in Tokio wollte Max Hartung seine Sportlerkarriere beenden. (imago images / Beautiful Sports / Kenny Beele)

Die Spiele in Tokio sollten der Abschluss seiner Sportlerkarriere werden. Nun hat er sich für einen Masterstudiengang eingeschrieben. Ab sofort war er mal der bekannte Sportler, der um die Welt flog. Er war mal der Säbelfechter. Jetzt muss er für sich eine neue Rolle finden und freut sich auf die neuen Möglichkeiten.


Teil 5: Die Angst vor der Enge im Gefängnis

Von Timo Stukenberg

Ein Jahr und neun Monate lautet das Urteil für Christian F. aus Berlin. Er wurde wegen Beihilfe zum Bankrott verurteilt. Im Frühjahr saß er in einem Berliner Gefängnis und hatte Angst, sich dort mit dem Covid-19 zu infizieren. "Ich bin ein Hochrisikopatient und muss 20 Medikamente pro Tag nehmen", erzählt F.: Er klagt über Luftnot, Herzprobleme und befürchtet, die Enge im Gefängnis könnte für ihn tödlich sein.

Eine Gefängniszelle in Deutschland: mit Bett, Tisch, Stuhl, Schrank und Waschbecken. (Getty Images / Johannes Simon)Die Enge im Gefängnis begünstigt die Infektion mit dem Corona-Virus. Christian F. ist Risikopatient. Für ihn gibt es kein Entkommen. (Getty Images / Johannes Simon)

F. schreibt an die Gefängnisverwaltung, an Politiker und Journalisten. Doch er hat das Gefühl, niemand kümmert sich um seine Sorgen. "Man ist dem Virus schutzlos ausgeliefert", beschreibt er seine Gefühle. Er holt Gutachten ein, beschwert sich bei Gericht und ist hartnäckig. Schließlich wird entschieden, dass er raus darf. In der Stadt sieht er plötzlich Menschen mit Masken. Es ist eine andere Welt, als er sie vor der Haft kannte.

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