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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 15.04.2016

Serge GainsbourgPlötzlich musste er einen Judenstern tragen

Von Miron Tenenberg

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Der französische Chansonnier, Rocksänger, Komponist und Schauspieler Serge Gainsbourg (1928-91) im Jahr 1980 (dpa / picture alliance / AFP)
Der französische Chansonnier, Rocksänger, Komponist und Schauspieler Serge Gainsbourg (1928-91) im Jahr 1980 (dpa / picture alliance / AFP)

Der Künstler Serge Gainsbourg war jüdisch, aber nicht religiös. Der Chansonnier, Filmschauspieler, Komponist und Schriftsteller war ein zynischer Provokateur, der aneckte. Ihm wurde sogar die Zunahme des Antisemitismus in Frankreich in die Schuhe geschoben.

Provokation sei für ihn wie Sauerstoff, sagte Serge Gainsbourg einmal. Er wurde nicht nur für seine Musik bekannt, sondern auch für sein oft aneckendes Verhalten. Um Serge Gainsbourg verstehen zu können, muss man aber auch einen Blick auf seine jüdische Biografie werfen. Der Zwang, den gelben Judenstern getragen haben zu müssen, erlebte er als Schmach. Er verarbeitete diese Erfahrung später in einem Popsong.

"Ich war ganz schön arrogant, mein Stern musste schön glatt und sauber sein. Dann kam die Miliz, wir mussten abhauen. Meine Schwestern wurden in eine christliche Schule geschickt und ich in die Provinz."

Serge Gainsbourg wurde 1928 als Lucien Ginsburg in Paris geboren. Seine Familie, russische Emigranten, war vor den Pogromen der Bolschewisten geflohen. Religiös waren die Ginsburgs jedoch nicht. Weder gingen sie zur Synagoge noch lebten sie in einer der jüdischen Pariser Nachbarschaften. Die Ginsburgs waren assimilierte Juden, die Frankreich als neue Heimat aussuchten, weil sie dort den Humanismus des 18. Jahrhunderts wähnten. Lucien, der sich erst später Serge nannte, wuchs als typischer Pariser Junge auf. Umso erschütternder war es für den Zwölfjährigen als die Nationalsozialisten 1940 nach Frankreich eindrangen. Zwar kannte er keine jüdischen Gebete und konnte auch kein Hebräisch, doch plötzlich wurde er als Jude gebrandmarkt und musste den gelben Judenstern tragen. Auch die antijüdische Propaganda traf in hart: Ohnehin wurde er aufgrund seines Aussehens häufig von anderen Kindern gehänselt. Nun erkannte er sich in den überzeichneten Juden-Karikaturen wider. Die Familie floh mit falschen Papieren ins nicht-besetzte Südfrankreich. Lucien ging auf eine ländliche Schule, wo er zum eigenen Schutz einige Male in den Wald geschickt wurde – was ihn traumatisierte.

"Meine Eltern haben mir und meinen Schwestern das Leben gerettet. Sie haben uns zunächst in einem Kolleg versteckt. Später auf dem tiefsten Land, aber sprechen wir nicht mehr davon. Da bin ich kategorisch. Ich zähle nicht zu denen, die meinen, man müsse sich dieser Geschichten immer wieder erinnern. Ein Leben voller Rachsucht, das wäre kein Leben. Wirklich nicht. Ich kann mir diese Meinung erlauben, weil ich diese Vorkommnisse am eigenen Körper erlebt habe."

Nie israelischen Boden betreten

Nach dem Krieg ging er zurück nach Paris. Dort arbeitete er für zwei Jahre in einer Schule für jüdische Kinder, deren Eltern ermordet worden waren und die selbst die Schrecken der vorangegangen Jahre überlebt hatten. Dort gab er Musik- und Zeichenunterricht. Die Malerei sei ohnehin seine wahre Leidenschaft gewesen, wie er einmal sagte. Erst drei Jahrzehnte später – mittlerweile ein Star – kamen die unterdrückten Erinnerungen wieder hoch und er rechnete mit den Nationalsozialisten auf seine Weise ab: er veröffentlichte das Album "Rock Around The Bunker". Doch sein zynischer Stil kam bei den Franzosen nicht gut an. Das war nur einer der vielen Skandale, die ihn in die Schlagzeilen brachte.

Obwohl Gainsbourg niemals den Boden Israels betreten hat und sich auch nicht mit dem Land identifizierte, schrieb er zu Beginn des Sechstage-Krieges auf Anfrage des israelischen Kulturattachés ein ungewöhnlich patriotisches Lied. In "Le Sable et le Soldat", der Sand und der Soldat, beschwört er die Verteidigung Israels, doch das minimalistische Lied wurde vergessen und landete für 35 Jahre in israelischen Archiven.

Fühlt sich als jüdischer Intellektueller

1981 brachte er das Lied "Juif et Dieu", Jude und Gott, heraus, das jüdisch-russische Revolutionäre, wie Grigori Sinowjew, Lew Kamenew und Leo Trotzki, aber auch Karl Marx und Albert Einstein nennt. Zu diesen jüdischen Intellektuellen fühlte sich Gainsbourg zugehörig. In der Nachkriegszeit, in der Judenhass auch in Frankreich aufflammte, war ihm diese Zuordnung wichtig. Erst ein paar Jahre zuvor, wurde ihm aufgrund seiner Reggae-Interpretation der französischen Nationalhymne, fehlender Patriotismus vorgeworfen und eine Zunahme des Antisemitismus' in die Schuhe geschoben. Seine Kritiker verstummten als er inmitten ihrer Proteste seiner Band absagte, die Faust erhob und die Marseillaise a cappella sang.

Gainsbourgs Provokationen und zynischer Spott waren seine Art und Weise den Regeln der Gesellschaft zu begegnen. Seine Rebellion gegen die persönlichen Zurückweisungen war nur Mittel um den eigentlich sehr schüchternen Jungen, Lucien Ginsburg, zu schützen. Serge Gainsbourg starb 1991 an einer Herzattacke und liegt im jüdischen Teil des Friedhofes Montparnasse begraben.

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