Seit 10:05 Uhr Plus Eins

Sonntag, 17.11.2019
 
Seit 10:05 Uhr Plus Eins

Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 26.10.2014

Serbien und KroatienKicken auf dem Balkan

Fußball im Schatten ethnischer Konflikte

Von Günter Herkel

Podcast abonnieren
Fans von Roter Stern Belgrad halten beim Derby in der serbischen Liga am 23.10.2010 eine beschädigte Partizan-Belgrad-Fahne. (picture-alliance / dpa / Srdjan Suki)
Beim Belgrad-Derby in der serbischen Liga geht es zwar hoch her, die Aufeinandertreffen mit Hajduk Split und Dinamo Zagreb fehlen trotzdem. (picture-alliance / dpa / Srdjan Suki)

Die großen Fußballklubs Ex-Jugoslawiens spielen heutzutage in getrennten Ligen. Die legendären Aufeinandertreffen von früher finden so nicht mehr statt. Mit einer länderübergreifenden "Jugo-Liga" könnte sich das ändern.

Im ehemaligen Jugoslawien galten sie als "die großen Vier": Dinamo Zagreb, Hajduk Split, Roter Stern und Partisan Belgrad spielten den schönsten und erfolgreichsten Fußball auf dem Balkan. Während der Bürgerkriege in den 90er-Jahren wurden die Klubs im Dienste nationalistischer Politik instrumentalisiert. Zur sportlichen Rivalität gesellte sich ethnisch begründeter Hass zwischen Kroaten und Serben.

Das bekam auch Robert Prosinecki zu spüren, als er Ende 2010 als Trainer bei Roter Stern Belgrad anheuerte:

"Ich habe kein Problem, dass ich Kroate bin und erster Trainer von Kroatien in Serbien. Ich habe hier vier Jahre gespielt und ich weiß, wie der Klub funktioniert. Ich kenne Belgrad sehr gut und habe kein Problem hier."

Sportlicher Austausch mit Reibungen

Das stimmt nicht ganz. Als begnadeter Mittelfeldregisseur hatte Prosinecki in den 80er- und zu Beginn der 90er-Jahre mit Roter Stern große Erfolge gefeiert, unter anderem den Gewinn des Europapokals der Landesmeister 1991. Doch für einige unverbesserliche serbische Nationalisten war er nun schlicht ein Hurensohn, ein verhasster Kroate. Bereits Mitte 2012 trat Prosinecki wieder zurück. Allerdings eher aus sportlichen denn aus politischen Gründen. Wieder mal hatte Roter Stern dem Stadtrivalen Partisan die Meisterschaft überlassen müssen. Eine Niederlage im Derby aller Derbys, noch dazu im heimischen Marakana-Stadion vor 55.000 entfesselten Fans – so etwas verzeihen die Delije, das sind die Ultras von Roter Stern, nicht so leicht.

Robert Prosinecki: "Hier in Serbien ist das ein ganz großes Spiel. Eines der größten Derbys, ich glaube, in Europa."

Roter Stern, in der vergangenen Saison unter einem anderen Trainer erstmals seit sechs Jahren wieder serbischer Meister, wurde von der UEFA vom diesjährigen Champions-League-Wettbewerb ausgeschlossen. Grund: diverse Verstöße gegen die Regeln des Financial Fair Play. Und Stadtrivale Partizan scheiterte in der Qualifikation am bulgarischen Provinzklub Ludogorez Rasgrad.

Plädoyer für eine "Jugo-Liga"

Auch in der kroatischen Liga regiert die Tristesse. Die Einnahmesituation der Vereine ist mau. Vielen Fans fehlen die früher so rassigen Duelle ihrer Spitzenklubs mit den führenden Teams aus Belgrad. Immer wieder gibt es daher - auch in der kroatischen und serbischen Diaspora in Deutschland - Stimmen, die sich für einen Tabubruch stark machen: für die Einführung einer länderübergreifenden "Jugo-Liga".

Zum Beispiel Zjelko Ristic, A-Jugendtrainer beim Sechstligisten Berliner SC:

"Dinamo Zagreb und Hajduk Split haben auch die Schnauze voll, manchmal nur vor 1000 Mann zu spielen. Wenn jetzt doch Roter Stern und Partizan Belgrad kommen, dann sind die Sicherheitsvorkehrungen sehr hoch, aber dann hat man wenigstes ein paar Mal mehr volle Bude. Und dann macht’s auch mehr Spaß, Fußball zu spielen. Weil das sind eben die Duelle von früher gewesen, die auch immer Reibung bringen und aber auch Spannung und gute und attraktive Spiele sind. Davon könnte die Liga wieder profitieren und man könnte wieder mehr auf eigene Stärke setzen."

Mehr zum Thema: 
Das ewige Balkan-Derby: Levski - ZSKA Sofia 

Nachspiel

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur