Seit 22:00 Uhr Die besondere Aufnahme
Samstag, 16.10.2021
 
Seit 22:00 Uhr Die besondere Aufnahme

Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 31.05.2015

Sepp BlatterIkone prä-geriatrischer Unbescholtenheit

Von Arno Orzessek

FIFA-Präsident Sepp Blatter am 29. Mai 2015 in Zürich (dpa / picture alliance / Walter Bieri)
Die Welt ist ihm nicht genug: FIFA-Präsident Sepp Blatter am 29. Mai 2015 in Zürich (dpa / picture alliance / Walter Bieri)

Ein Lobgesang auf den großen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter am Beginn seiner fünften Amtszeit: Der Schweizer ist ein prophetisches Genie, spiritueller Führer und planeta­ri­scher Heils­bringer.

Am schönsten auf den Begriff gebracht hat es mal wieder der Beckenbauer Franz, unsere steuerflüchtige Take-it-easy-Koryphäe aus Kitzbühl.

Franz nannte die waltenden Zustände bei der Fifa "Unebenheiten"...

Und das trifft exakt in dem Sinne zu, indem auch das Matterhorn, in dessen Nähe Sepp Blatter einst zur Welt kam, eine alpine Unebenheit ist.

Nur nölige Kleingeister legen ja an Blatter, diese Ikone prä-geriatrischer Unbe­schol­ten­heit, rein mensch­li­che Maßstäbe an.

Der linientreue Ziehsohn des sauberen Vorgängers João Havelange hält die Fifa für "ein­fluss­rei­cher als jedes Land der Erde und jede Religion"...

Und insofern das stimmt, spielen weder der Papst noch popelige Staatenlenker in der Blatter-Liga. Der FIFA-Präsident ist eins drüber.

Und deshalb muss man Blatters dreisten Kritikern eines vorwerfen:

Dass sie mit ihm umspringen wie mit irgend­einem macht­be­ses­sen-irrlichternden Mafiosi in Funk­ti­o­närs-Anzug, obwohl er doch als spiritueller Führer und planeta­ri­scher Heils­bringer anzu­spre­chen wäre.

Wobei, was heißt hier 'planetarisch'?

Zwar ist Blatter der Liebling aller almosenbedürftigen Komoren-haften Klein- und Kleinstverbände im Weltfußball, doch für ihn gilt: Die Welt ist nicht ge­nug.

Ein Hirn wie seines erwägt, dass künftig auch auf an­deren Pla­ne­ten ge­kickt wer­den könnte. Merke mit Blat­ter: "Wir hätten dann nicht nur eine Welt­meis­ter­schaft, son­dern in­ter­planetare Wettbe­wer­be."

Superstar Neymar schießt die Erdlinge in der Galaxy-Arena auf dem Mars zum Endspiel-Sieg gegen Neptun und Blatter vergibt die folgende Universum-Meisterschaft direkt an die Sonne... Katar ging da­mals ja auch:

Bitte schön! Das sind die Dimensionen, die das prophetische Genie Blatter dem gemei­nen ir­di­schen Sports­freun­d erschließt.

Aber Blatter denkt nicht nur weiter ins All hinaus als der Weltgeist-Philosoph Hegel nach vier Fla­schen Rotwein. Nein, er hat auch überragende diesseitige Vorzüge:

Sein Geschäfts-Ethos hat die Fifa reicher ge­macht als viele Weltkonzerne. Seine Standfestigkeit bei verleumderischen Nachfragen stellt selbst den tapferen Radler Lance Arm­strong in den Schatten. Im Gegensatz zum grummelnden Formel-1-Impressario Bernie Ecclestone zeigt Blatter, dass man als Ego­ma­ne auch in der Ü-78-Klasse das Stilmittel schmelzender Leut­se­lig­keit einsetzen kann.

Und wie er den piefigen Verwaltern der politischen Kor­rektheit, die immer noch fa­seln, Fuß­ball sei ein Sport und kein durch und durch schmieriges Geschäft, unentwegt den Götz von Berlichingen macht − wow!

Dazu diese guruhaft sonore Stimme, dieser Augenaufschlag der Unschuld, diese kecke Alters-Sinn­lichkeit...

... die ihn dazu bewegte, den Fußballfrauen auf dem Spielfeld kürzere und engere − falls überhaupt noch − Hosen anzuempfehlen. Warum eigentlich wurde diese mannhafte Idee so leichtfertig ver­wor­fen?

Sogar gynäkologisch-anthroposophisch weiß sich Blatter auszuzeichnen. Sein Hinweis, dass Unge­borene im Mutterleib nicht mit den Händen, sondern mit den Füße strampeln − ach was, strampeln, Blat­ter sagte: "kicken" −, sollte unser Menschenbild endlich korrigieren: Wir werden nicht erst zum Fußball geboren, wir werden bereits zum Fußball gezeugt.

Es stimmt einfach nicht, dass der Weltfußball die Blattern hat. Blatter hat den Weltfußball... noch für eine ganze Amtszeit. Amen.

Mehr zum Thema:

FIFA - Blatters schwache Gegenspieler
(Deutschlandfunk, Themen der Woche, 30.5.2015)

FIFA-Skandal - Warum die Sponsoren Blatter "gescheit" machen werden
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 30.5.2015)

FIFA - Die UEFA hätte Blatter die Legitimation entziehen können
(Deutschlandfunk, Kommentar, 28.5.2015)

FIFA - Das System Blatter: Geben und Nehmen
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 28.5.2015)

FIFA-Skandal - "Die Fußballwelt ist seit gestern eine andere"
(Deutschlandfunk, Interview, 28.5.2015)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Nachspiel

Trabrennsport Neues Publikum für leere Bahnen
Hooksiel 2019 Zieleinlauf. (Deutschlandradio / Heinz Schindler)

Im ländlichen Raum muss sich der Trabrennsport neu erfinden. Die kleinen Bahnen haben durch die Ausfälle ihrer Veranstaltungen Verluste, die sie kaum ausgleichen können. Die Pandemie sorgt zudem für Nachwuchsproblem in diesem Sport.Mehr

FernschachSchachspiel über alle Grenzen hinweg
Schachfiguren aus Holz stehen auf einem Schachbrett. (picture alliance / dpa / Hauke-Christian Dittrich)

Schach kann man auch aus der Ferne spielen. Früher zog sich eine Partie schon mal über mehr mehrere Jahre und hin, vernetzt geht es längst schneller. Der Einsatz von Computern macht Onlineschach weniger attraktiv – doch es gibt einen Ausweg.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur