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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.10.2008

Sentimentales Porträt eines eigenwilligen Fußballers

Dietmar Schott: "Ich danke Sie! Der Fußballer Willi 'Ente' Lippens", Klartext, Essen 2008, 250 Seiten

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Willi Ente verband Show mit Effizienz und war deshalb Zuschauerliebling. (Stock.XCHNG / arkos arkoulis)
Willi Ente verband Show mit Effizienz und war deshalb Zuschauerliebling. (Stock.XCHNG / arkos arkoulis)

Dietmar Schott porträtiert in seinem Buch den sonderbaren, aber sehr erfolgreichen, altgedienten Fußballer Wilhelm Lippens, wegen seines ungewöhnlichen Gangs "Ente" genannt. Er beschwört damit selige Zeiten einer scheinbar besseren Fußballwelt herauf, verschießt aber früh sein Pulver und reiht nur noch Anekdote an Anekdote.

Der alt gediente Hörfunkmoderator Dietmar Schott beschwört in seinem Buch Fußballzeiten herauf, die es nicht mehr gibt, vielleicht sogar nie wirklich so gegeben hat. Einleitend schreibt Schott, "muss ich gestehen, dass die Recherche auch für mich manchmal zu einer geradezu sentimentalen Reise wurde".

Dass es einmal einen "besseren" Fußball gab, versucht er durch die Nacherzählung der Karriere des Wilhelm "Ente" Lippens zu beweisen. Er stellt ihn als die geborene zirzensische Attraktion auf und neben dem Fußballplatz aus, belegt das auch durch viele Schwarzweiß-Fotos.

Bereits auf dem kleinsten Dorfacker habe Lippens als Knirps den besonderen Kick durch die Zuschauer bekommen. Wenn er merkte, dass sich die Leute amüsierten, baute er eben noch einen Kringel mehr in sein Spiel ein. Tore schoss der Rechtsfuß trotzdem.

Effizienz und Show: Das waren nach Schotts Ansicht auch die Schlüssel zum Erfolg seines Freundes "Ente", der den Spitznamen seinem eigenartigen Watschelgang verdankt. Schott erzählt unzählige Anekdoten mit immergleicher Pointe: Clown "Ente" war und ist und wird immer der Allergrößte bleiben. Leider bleibt Lippens Schotts einziger Zeuge für diese "besseren Zeiten".

Dass sich der Fußball verändert hat, liegt auf der Hand. Aber eigenwillige, kauzige Typen wie Stefan Effenberg, Mario Basler oder Frank Ribéry gibt es in den Stadien bis heute.

Ein Länderspiel für die Holländer
Schwungvoll steigt Dietmar Schott mit Lippens' Kindheit im Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre ein: Die fünfköpfige Familie lebt im niederrheinischen Kleve. Beim wöchentlichen Badetag in der Wanne aus Zink kommt Willi immer als letzter dran. Geld ist knapp. Jeder Pfennig wird drei Mal umgedreht, deswegen kann Willi Rechnen in der Schule am besten. Sonst zählt nur noch Fußball. Erst ist der Vater, ein grundsolide wirtschaftender Gemüsebauer, jedoch strikt dagegen, später "schielt er beim Dorfplatz heimlich durch die Zaunlatten", um die großen Künste seines Sohnes zu beobachten.

Weil der Vater, im Krieg von den Nazis misshandelt, einen holländischen Pass hat, ist auch der Sohn Holländer. Als Bundestrainer Helmut Schön Lippens in den 70er Jahren in die deutsche Nationalelf holen will, lehnt "Ente" das Angebot ab, weil es dem Vater das Herz gebrochen hätte. Stattdessen macht er ein Spiel für die Niederlande, wird dort aber von den Mannschaftskollegen als "Deutscher" geschnitten.

Natürlich folgt noch die Geschichte, die den Titel des Buches liefert. "Ich verwarne Ihnen", sagte ein Schiedsrichter und zeigte dem "begnadeten Linksaußen mit dem rechten Fuß" die Gelbe Karte. "Ich danke Sie", entgegnete Lippens und flog vom Platz.

Schott erzählt, was "Ente", der "Bauer aus Kleve", für ein bodenständiger Charakter ist. Als Profi spielte er nur für drei Klubs: Rot Weiß Essen, Borussia Dortmund und Dallas Tornado. Das Abenteuer in der amerikanischen Profiliga, auf das er sich vor allem wegen der vielen Dollars einließ, beendete Lippens jedoch nach sechs Monaten. Er hatte Heimweh nach Essen.

Auch die geplante Einlage mit Sepp Maier fehlt nicht. Als der Essener Stürmer dem Bayern-Keeper vorschlug, dass dieser ihm im Meisterschaftsspiel den Ball zuwerfen sollte, er würde ihn garantiert brav zurückspielen, habe Maier dankend abgelehnt, weil er Schlitzohr Lippens nicht über den Weg traute.

Glanz in den Augen
Mit dem Porträt über "Ente" Lippens hat sich Dietmar Schott an eine Aufgabe gewagt, an der er unterm Strich scheitert: In die Jahre gekommener Sportreporter trifft in die Jahre gekommenen Ex-Kultfußballer. Beide mögen sich, verstehen sich blendend, haben dieselbe Art von Mutterwitz. Was soll daraus werden? Eine launige Schnurre, 200 Seiten stark?

Schon nach 20 Seiten hat Schott leider sein Erzähl-Pulver verschossen. 170 folgen noch. Jetzt wird nur noch Anekdote an Anekdote gereiht. Vierzig Jahre alte Spiele werden, inklusive Statistik, genau nachgeschildert. Schott fügt auch noch aus den Archiven die Spielbewertungen und Kommentare der Zeitungskollegen hinzu.

Willi Lippens' schwieriger Charakter, seine Selbstsucht, sein Geltungsbedürfnis, sein ausgeprägter Geschäftssinn werden zwar erwähnt. Aber dann lässt der Autor sofort wieder die Armee der alten Weggefährten aufmarschieren, die immer "einen verräterischen Glanz in den Augen haben". Außerdem ist das Buch leider schlecht redigiert, strotzt vor orthographischen und grammatischen Fehlern.

Ganz am Schluss fragt Schott Lippens, ob es für ihn schwierig gewesen sei, mit seiner Popularität umzugehen. Warum ist ihm diese Frage nur so spät eingefallen?

Rezensiert von Thomas Jaedicke

Dietmar Schott: Ich danke Sie! Der Fußballer Willi "Ente" Lippens
Klartext, Essen 2008
250 Seiten, 16,95 EUR

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