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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.03.2007

Senioren als Leistungsträger

Peter Gruss (Hrsg.): "Die Zukunft des Alterns", C.H. Beck Verlag, München 2007, 334 Seiten

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Rentner genießen die Ruhe in einem Park (AP)
Rentner genießen die Ruhe in einem Park (AP)

Im Jahr 2050 werden 40 Prozent der Bevölkerung in Deutschland älter sein als 60 Jahre - damit ist auch der Generationenvertrag hinfällig. Die Max-Planck-Gesellschaft hat sich mit dem demographischen Wandel befasst und kommt zu dem Ergebnis, dass die Älteren wieder stärker in die Arbeitsgesellschaft eingebunden werden müssen.

Wir altern. Daran hat sich seit Menschengedenken nichts geändert. Aber wir werden anders altern als vergangene Generationen. Darüber sind sich jene 16 Mitglieder der Max-Planck-Gesellschaft einig, die in diesem Buch verschiedene Aufsätze zum Thema "Altern in Zukunft" versammelt haben: Biologen und Mediziner, Mathematiker und Philosophen, Soziologen, Psychologen und Rechtswissenschaftler.

Die gute Nachricht: betrachtet man die körperlichen und geistigen Möglichkeiten des Menschen, so vermelden die Naturwissenschaftler einhellig, altern muss nicht automatisch Verfall bedeuten. Das menschliche Gehirn ist auch mit 80 Jahren noch lernfähig, ein regelmäßiges Training vorausgesetzt, und zwar geistiges und körperliches Training. Denn ein untrainierter, gar ein kranker Körper beansprucht im Alter zu viel Geisteskraft, um dessen Funktionen zu überwachen, zu viel Aufmerksamkeit im Ganzen. Da bleibt nicht viel fürs kreative Denken.

Nur wer körperlich fit bleibt, hat den Kopf frei zu lernen. Das Gehirn kann bis ins hohe Alter neue Nervenzellen bilden, das haben die Neurobiologen gerade erforscht. Aber Lernen im Alter funktioniert anders als Lernen in jungen Jahren. Junge Menschen können sich in kürzester Zeit neuen Stoff aneignen, viel neuen Stoff. Diese Fähigkeit nimmt ab dem 30. Lebensjahr stetig ab. Ältere Menschen haben dafür andere Lern-Qualitäten. Sie können das Wesentliche leichter vom Unwesentlichen unterscheiden als junge Menschen, wissen also besser, was muss ich unbedingt lernen für einen bestimmten Zweck, und was ist eher "schmückendes Beiwerk". Außerdem sind ältere Menschen im Allgemeinen leistungsfähiger in Sachen Arbeitsorganisation und –disziplin. Und vor allem in punkto "emotionale Intelligenz", denn die ist eine Frage der Lebenserfahrung. Manchmal ist es eben von Vorteil zu wissen, wie man einen Prüfer (oder einen Kunden) günstig stimmt. Summa summarum: es gibt spezifische Fähigkeiten gerade der älteren Generation, die eine moderne Volkswirtschaft sehr gut gebrauchen, auf die sie im Grunde gar nicht verzichten kann.

In der Generation der 60- bis 80-Jährigen, in diesem Buch werden sie die "jungen Alten" genannt, ist im Vergleich zu vergangenen Generationen eine merkliche Verbesserung der Lebensqualität im Gange. Das "gefühlte Alter" dieser Leute , von Soziologen erfragt, liegt durchschnittlich fünf bis zehn Jahren unter dem tatsächlichen, und die Lebenszufriedenheit dieser Altersgruppe ist im Allgemeinen nicht schlechter als die der 40-Jährigen.

Allerdings: wenn diese Altersgruppe in Zukunft länger erwerbstätig bleiben will als bisher (oder muss, aus volkswirtschaftlichen Gründen), dann wird sie sich auch in späteren Lebensjahren beständig weiterbilden müssen. Davon, das zeigt die Statistik, will die Senioren-Generation von heute noch nichts wissen. Bildung steht bei ihr zwar hoch im Kurs, aber eben die der Enkel. Die sollen eine gute Schule besuchen und studieren. An die eigene Qualifikation wird kaum gedacht. Nur zehn Prozent der Teilnehmer an Volkshochschulkursen sind über 65 Jahre alt, obwohl Rentner Zeit genug hätten.

Die Senioren-Generation hat also zweifellos Reserven. Zu einer "forever- young–Euphorie", wie sie die Werbung verbreitet, besteht allerdings kein Anlass, meint die Wissenschaft. Die Gebrechen des Alters werden uns auch in Zukunft ereilen. In Zukunft nur später. Durchschnittlich später. Was wir in diesem Buch erfahren über die Altersgruppe " Neunzig aufwärts", ist wenig erbaulich. Die Probanten klagen über körperlichen Verfall, über "immer mehr Aussetzer im Gehirn" und besonders über Alterseinsamkeit, sie sind eben die letzten ihrer Generation.

Bei den "alten Alten", so werden sie in diesem Buch genannt, nimmt die Lebenszufriedenheit denn auch drastisch ab, es gibt offensichtlich keine Kohärenz zwischen einem langem und einem guten Leben. Diese Buch ist auch ein Appell der Max-Planck-Gesellschaft an die Politik, die Themen "Altersdemenz" und "würdevolles Sterben" endlich ehrlich in Angriff zu nehmen, es handle sich dabei um die "am stärksten beunruhigenden und am wenigsten geklärten Themen dieses Jahrhunderts". Eine Repräsentativ-Untersuchung bei 20- bis 80-Jährigen in Deutschland hat übrigens ergeben, rund 70 Prozent der Befragten würden das Wie und Wann ihres Todes gern selbst bestimmen.

Das Buch ist von Wissenschaftlern verfasst und bestimmt für interessierte Laien. Die Autoren sind mit einem Mindestmaß an Fachtermini ausgekommen. Wer bereit ist, sich darauf einzustellen, findet hier ein gut lesbares Werk.

Rezensiert von Susanne Mack

Peter Gruss (Hrsg.): Die Zukunft des Alterns. Die Antwort der Wissenschaft. Ein Report der Max-Planck-Gesellschaft
C.H. Beck Verlag, München 2007
334 Seiten, 16,90 Euro

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