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Länderreport | Beitrag vom 09.07.2020

Semperoper in CoronazeitenWenn Liebende auf Distanz bleiben müssen

Von Alexandra Gerlach

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Besucher klatschen beim Schlussapplaus am Ende des ersten Konzerts nach der Corona-bedingten Besucherpause in der Semperoper, Dresden. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Robert Michael)
Schlussapplaus nach dem ersten Konzert nach der Corona-Zwangspause in der Semperoper. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Robert Michael)

Die Abstandsregeln erschweren Opernaufführungen ungemein. Doch davon lässt sich die Semperoper nicht entmutigen - der Probenbetrieb läuft wieder. Mit einem Hygienekonzept und viel Fantasie wird wieder Hochkultur produziert.

"Es war wirklich schwierig alles zusammenzuhalten, mental und physisch, weil man sich natürlich gehen lassen konnte in den sieben Wochen ohne ordentliches Training."

Konzentriert steht Tänzer Anthony Bachelier an der Ballettstange und setzt akkurat seine Schritte zum Takt der Musik. Er stammt aus Marseille, ist 26 Jahre alt und gehört seit sechs Jahren zur Tanz-Kompanie der Semperoper. Seit Anfang Mai wird wieder trainiert, jedoch nur eine Stunde am Tag und nur in kleinen Gruppen.

Eine Stunde für Kondition und Motivation

"Am Anfang war es schwierig, es fühlte sich an, als kämen wir aus einer langen Ferienpause, dann hatten wir sieben Wochen, um wieder in Form zu kommen - und nun starten wir in unsere reguläre Sommerpause", erzählt Bachelier.

Nur vier Tänzer, ein Pianist und Ballettmeisterin Sofiane Sylve sind an diesem Tag zum Training versammelt. Stück für Stück und in schneller Abfolge steigern sich Schnelligkeit und Schwierigkeitsgrad der Übungen, denn die Zeit läuft.

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Das Training dauert gerade mal eine Stunde, dann muss gründlich gelüftet werden, gegen das Virus. Ballettmeisterin Sofiane Sylve hat die Tänzer fest im Blick, korrigiert hier und da, zählt, tanzt mit oder schwingt sich rittlings auf einen Stuhl mitten im Probenraum. Neben der Kondition der Tänzer geht es ihr auch um die Motivation:

"Weil wir keine Auftritte haben. Wir werden im September wieder auftreten, also muss man sich darauf vorbereiten. Aber da wir das so lange nicht gehabt haben und sich die Bedingungen im Grunde fast täglich ändern, müssen wir versuchen, die Motivation aufrecht zu erhalten."

Den Tänzern fehlt die Bühne

Denn das Coronavirus hat nicht nur den Trainingsbetrieb der Semperoper-Ballett-Companie empfindlich gestört, sondern schlage auch auf das Gemüt, bekennt der Tänzer Vaclav Lamparter aus Tschechien:

"Es ist wichtig für uns, auf der Bühne zu stehen. Das ist unser Job! In Form zu bleiben ist schwer, aber nicht unmöglich. Aber was wirklich fehlt ist der Auftritt vor Publikum. Es ist besonders frustrierend, wenn man nicht weiß, wann es wieder losgeht, wir wären froh, auf die Bühne zurückzukehren!"

Vier Tänzer trainieren mit Abstand in einem großen Raum. Auf einem Stuhl im Vordergrund sitzt die Tanztrainerin. (Alexandra Gerlach)Die Zeit nach der Corona-Pause beginnt mit kurzen Trainingseinheiten. Nur eine Stunde am Tag sehen sich die Tänzer. (Alexandra Gerlach)

Das hofft auch Ballettchef Aaron Watkin. Der Kanadier erlebt inzwischen seine 14. Spielzeit an der Semperoper und hat hier in den vergangenen Jahren eine internationale Balletttruppe aufgebaut, die weltweit einen exzellenten Ruf genießt.

Alle sind sehr froh, in dieser schwierigen Situation in Deutschland zu sein, sagt Watkin, andernorts seien große und bekannte Tanz-Kompanien durch das Virus in ihrer Existenz bedroht.

"In Phasen wie diesen realisiert man erst, was man alles für selbstverständlich gehalten hat. Dass man einfach auftreten kann. Unglücklicherweise lebt unser Beruf davon, direkt mit dem Publikum zu kommunizieren, und wahrscheinlich werden wir die Letzten sein, die auf die Bühne zurückkehren. Ich hoffe, dass das nicht mehr lange so weitergeht, denn das Virus hat das Potential, sehr zerstörerisch zu sein, je länger es dauert. Für die Wirtschaft, für Deine Seele, für alles."

Anna Netrebko in Dresden

Diese Sorge trifft weltweit auch die Opernsängerinnen und Sänger. Ihre Kunst gilt mit Blick auf das Coronavirus und die Ansteckungsgefahr auf der Bühne als besonders problematisch.

Doch am 19. Juni gelingt der Semperoper ein besonderer Coup. Sie bringt die Verdi-Oper Don Carlo in einer kleinen konzertanten Fassung auf die Bühne, mit Weltstar Anna Netrebko an der Spitze: Mit sichtbarer Gesangs- und Spielfreude, ohne großes Bühnenbild, Requisite und Kostüm, mit einem kleinen Kammerorchester von nur acht Musikern - und dennoch großer Intensität und Strahlkraft.

Anna Netrebko gibt - mitten in der Coronakrise - in Dresden ihr Debüt in der Titelrolle der Elisabetta, und Opern-Intendant Peter Theiler ist glücklich:

"Sie wollte diese Elisabetta realisieren, sie will auf die Bühne und das war für uns ein Segen und ein Glück, und wir sind jetzt quasi die ersten, die sich sehr spektakulär zurückmelden, und das in dieser hochkarätigen Besetzung. Wir haben im Moment die - man kann sagen - weltberühmteste Sängerin für vier Tage hier und das ist auch ein toller Auftakt, zu zeigen, dass es einfach geht!"

Konzertereignis als Schlusspunkt vor Corona

Eigentlich hätte die Verdi-Oper Don Carlo in dieser Starbesetzung in diesem Frühjahr in Salzburg zur Premiere und danach in der Semperoper zur Aufführung kommen sollen, doch dann kam Corona und die Spielpläne wurden von jetzt auf gleich zur Makulatur:

"Das hat uns kalt erwischt und angefangen hat es eigentlich mit einem der größten Ereignisse, die wir seit Jahren hier hatten, das waren die Gurre-Lieder, das war auch die letzte Veranstaltung, die wir auf unserer Bühne überhaupt noch zustande bringen konnten. Das war eine gigantische Tat unter Christian Thielemann und mit unser hervorragenden Staatskapelle mit über 120 Musikerinnen und Musikern auf der Bühne, über 300 Choristinnen und Choristen, Solisten, das war wirklich im Grunde ein Konzertereignis, als wäre es irgendwie abzusehen gewesen, dass das ein Schlusspunkt sein soll. Das war am 12. März und dann kam der Donnerschlag!"

Vorzeitiges Ende des Spielbetriebs

Seitdem ist nichts mehr wie es war. Das Opernhaus wurde geschlossen und fast ein Dutzend alternative Spielpläne geschrieben, zunächst in der Hoffnung, dass man im Mai den Spielbetrieb wieder würde aufnehmen können. Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Stattdessen wurde deutlich, dass der Gesang und die damit verbundene Verbreitung der gefährlichen Aerosole besondere Vorsicht und Abstandsregelungen erfordern. Es erfolgte die vorzeitige Beendigung des Spielbetriebes:

"Wir mussten 70.000 Karten, die wir bereits verkauft hatten, rückabwickeln. Die meisten davon waren bezahlt, das ist enorm, das geht in die Millionen."

Die Semperoper Dresden hat Glück, sie gehört dem Land Sachsen. Sie erhält gesicherte Zuschüsse und ist mit normalerweise über 90 Prozent Auslastung vom Erfolg verwöhnt.

Der Intendant spricht von einer "geradezu symbiotischen" Verbindung seines Hauses mit den Touristen und Opernfreunden aus aller Welt, die alljährlich nach Dresden strömen.

Doch so wie es war, wird es sobald nicht wieder sein. Stattdessen ist gewiss, dass es auf unbestimmte Zeit zu gravierenden Veränderungen im Spielbetrieb kommen muss, um diese Art der Kultur überhaupt wieder möglich zu machen.

Zwei Schauspieler stehen auf einer Probebühne und üben ihren Text. (Alexandra Gerlach)Proben - mit Mundschutz - für die Revue "Wie werde ich reich und glücklich". (Alexandra Gerlach)

"Ich habe Angst! Ich habe Angst vor der Verkommenheit!"

"Na, sitzt doch, Matthias!"

"Ja, langsam rieselt der Wahnsinn."

Seit 38 Jahren ist Kammersänger Matthias Henneberg an der Semperoper tätig. Die Revue "Wie werde ich reich und glücklich" stand kurz vor der Premiere, als das Coronavirus zur Schließung der Semperoper führte. Nach Wochen des Stillstands wird nun wieder geprobt.

"Wir probieren mit Masken, es sind ja szenische Proben, wo es nicht auf das Singen ankommt, wo es auf das Einstudieren von Gängen und Abläufen ankommt. Wir probieren immer mit Masken, da wir uns natürlich auch zum Teil etwas näher kommen; das lässt sich nicht ganz vermeiden und wir versuchen nun, daraus das Beste zu machen", sagt Henneberg.

"Wir sind froh, dass wir arbeiten können"

Regieassistenz und Souffleuse haben alle Hände voll zu tun, um den Sängerinnen und Sängern die Abläufe der Szene wieder in das Gedächtnis zu rufen. Nach so langer Zeit ist vieles weggerutscht, dennoch zeigt sich Spielleiter Manfred Weiss zufrieden:

"Es ist nicht angenehm, aber wir sind, glaube ich, alle froh, dass wir arbeiten und dass wir an dem Stück weitermachen können. Wir haben eine ganz gute Stimmung, wir versuchen Spaß dabei zu haben, aber es ist schon sehr, sehr seltsam, das muss man einfach sagen."

Spielleiter, Regieassistentin und Soufleuse sitzen in einer Reihe im Publikum und blicken Richtung Bühne. (Alexandra Gerlach)Kurz vor der Premiere wurde der Spielbetrieb wegen des Virus abgebrochen. Nun müssen alle Abläufe neu einstudiert werden. (Alexandra Gerlach)

Das Spiel wird erschwert, da auch die Requisiten wegfallen müssen, wie Intendant Peter Theiler erläutert:

"Die wechseln ja die Hand und können Überträger sein von Infektionsviren. Insofern ist ein Theaterspiel gar nicht mehr möglich. Es ist auch Distanz zu halten. Stellen Sie sich mal ein Liebesduett vor, auf 1,50 Meter Distanz. Oder respektive, wenn sich zwei Sänger ansingen, müssen sechs Meter Distanz gehalten werden. Der Sänger darf auch nur geradeaus singen."

Im Falle des konzertanten Don Carlo war es somit ein Glück, dass die Titelpartie des schmachtenden Infanten mit Netrebko-Ehemann Yusif Eyvazov besetzt werden konnte. Die Abstandsregeln durften entfallen, die Arien gerieten dramatisch anrührend. Eine Quasi-Privatvorstellung für die jeweils nur rund 300 Gäste, die an den vier Abenden eingelassen und mit großem Abstand im Zuschauerraum verteilt wurden:

"Große Klasse, ich fand es eine ganz große Leistung."

"Es waren besondere Rahmenbedingungen, die es besonders gemacht haben, dabei gewesen zu sein."

Theater braucht das Publikum

Mit Hilfe ihres Hygienekonzeptes kann die Semperoper nun kleine Abende mit Lied, Kammermusik und Orchesterkonzerten auf die Bühne bringen. Außerdem werden die "Wohnzimmerkonzerte" ihrer Ensemblemitglieder und ältere Produktionen im Internet gestreamt. Keine Dauerlösung, meint Intendant Theiler skeptisch:

"Denn Theater ist etwas, was lebendig sein muss, was live ist, das man unmittelbar erleben muss. Das kann man einige Wochen machen, aber dann ist es genug mit der Streamerei. Theater ist unmittelbar und braucht Publikum!"

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