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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.02.2012

Seltsam schwebende Kunstlieder

Schorsch Kamerun: "Hanns Eisler - Hollywood Elegien", Hörspielpark, Berlin 2011, 1 CD, 54 Minuten

Von Tobias Lehmkuhl

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Schorsch Kamerun, Golden Pudel Club-Gründer und Sänger der Goldenen Zitronen. (picture alliance / dpa)
Schorsch Kamerun, Golden Pudel Club-Gründer und Sänger der Goldenen Zitronen. (picture alliance / dpa)

Für seine Hörspielarbeiten wurde Schorsch Kamerun bereits mit dem Preis der Kriegsblinden ausgezeichnet und für sein Hörspiel "Hanns Eisler - Hollywood Elegien" war er für den Radiopreis "Prix Italia" nominiert. Jetzt ist sein Stück über die "Stadt der Engel" als CD herausgebracht worden.

Musik: "Diese Stadt hat mich verwirrt"

Diese Stadt, das ist Los Angeles, die Stadt in der so viele deutsche Künstler während des Zweiten Weltkriegs Zuflucht fanden, unter ihnen auch der Komponist Hanns Eisler. Er hatte schon vor dem Krieg Filmmusiken geschrieben und, nach langen Querelen um eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis, seit 1942 eine ordentliches Auskommen in Hollywood gefunden. Eine seiner Filmmusiken wurde sogar für den Oskar nominiert. Zur gleichen Zeit entstanden die, zum Teil auf Texten Bertolt Brechts basierenden "Hollywood Elegien", seltsam schwebende, schwermütige Kunstlieder. Schorsch Kamerun hat aus ihnen ein Hörspiel entwickelt.

Musik mit Einsprechern: "Die Stadt ist nach den Engeln benannt."

"Hanns Eisler - Hollywood Elegien" ist kein Hörspiel, wie man es erwarten würde. Es hat keine Handlung, kaum Personal. Zwei Schauspieler unterhalten sich da über ihre Chancen in der Traumfabrik der vierziger Jahre; ein Produzent taucht auf, Filmschnipsel aus jener Zeit werden eingespielt. Im Zentrum steht Eislers Musik, seine Lieder, denen sich Kamerun auf höchst respektvolle Weise nähert - auch wenn er im Verbund mit Felix Kubin einige Stücke entfremdet und in ein gänzlich neues Gewand gesteckt hat.

Kameruns "Hollywood Elegien" sind eigentlich eine Revue, deren einzelne Elemente nach assoziativen und rhythmischen Prinzipien angeordnet sind. Zwar werden bestimmte Themen angesprochen, die Scheinhaftigkeit der Filmwelt etwa oder die Skepsis der Neuen Welt gegenüber den Emigranten aus der Alten Welt, Kamerun aber geht es nicht darum, Neues zu diesen Themen zu sagen. Wenn er etwa einen Filmproduzenten über die Emigranten sich echauffieren lässt, dann geht es ihm vielmehr um den Sound der Zeit:

"Sie sind alle Diebe, Alte-Welt-Gauner, nichts als Bücherkünstler, sie stehlen das Geschäft, sie berauben Amerika, denn das wichtigste Geschäft Amerikas ist das Geschäft."

Beim Hören der "Hollywood Elegien" kommen einem Raymond Chandler, Nathanael West oder F. Scott Fitzgerald in den Sinn, ihre schwülen, zugleich zauberhaften und zuweilen grotesken Abgesänge auf Los Angeles und seine Filmwelt. Schorsch Kamerun hat in den Elegien Hanns Eislers nun eine musikalische Entsprechung zu dieser Prosa gefunden. Auch Eislers Lieder sind Abgesänge.

Die Trauer über den Verlust der Alten Welt steckt in ihnen, und daneben das Befremden über die Neue Welt. Man spürt in ihnen das gleißende kalifornische Licht, diese extreme Helligkeit und Klarheit, die immer wieder irritierend auf Europäer wirkte. Eisler, so scheint es, war sich bewusst, dass hier, am Pazifik, eine neue, eine andere Art von Kunst und Kultur im Entstehen begriffen war, eine, die bald die europäische Kultur überwölben und dabei neue Schatten werfen würde.

"Neue Menschen in L.A. verhalten sich wie altes Ägypten, voll bröckelnder Pyramiden. Sie kommen nie wieder, zerfallen immer mehr, bis der Wind sie schließlich als verschlissene Filmrollen über die Wüste bläst. Auch die, die vorher das Gegenteil versprachen. Auch Du."

Auch dank so hervorragender Sprecher wie Irm Hermann oder Peter Gavajda, hat Schorsch Kamerun ein so kurzweiliges wie anregendes Hörspiel geschaffen. Dabei verbindet er das vermeintlich bedeutungsschwere Kunstlied mit der scheinbar so oberflächlichen Form der Showrevue. Eine ausgesprochen amerikanische Herangehensweise könnte man meinen - aber wer fragt bei guten Ergebnissen schon danach, wie sie zustande gekommen sind:

"Frag nicht nach meiner Herkunft, frag nicht nach meiner Zukunft, frag niemals. Frag nicht, was ich dachte, nicht nach meiner Sprache, nicht, was ich dachte. Frag nicht nach, bitte frag nicht nach."

Schorsch Kamerun: Hanns Eisler - Hollywood Elegien
Mit Angie Reed, Irm Hermann, Josef Ostendorf und anderen
Hörspielpark, Berlin 2011
1 CD, 54 Minuten, 12,00 Euro

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