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Studio 9 | Beitrag vom 28.05.2018

Selbstversuch im feinstaubbelasteten StuttgartEine Woche mit Bus und Bahn ins Büro

Von Uschi Götz

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Deutschlandradio-Korrespondentin Uschi Götz wartet auf einen Bus (U. Götz)
Uschi Götz wartet auf einen Bus: Das halbe Mobile Office im Koffer. (U. Götz)

Stuttgart gilt als Staustadt. Unsere Korrospondentin vor Ort steckt auch oft genug fest. Aber obwohl sie oft über überschrittene Feinstaubgrenzen berichtet – aufs Auto verzichtet hat Uschi Götz bisher nicht. Nun macht sie es doch: eine Woche Selbstversuch.

7 Uhr. Meine Woche ohne Auto beginnt. Um 7: 22 fährt mein Bus. Sollten alle Verbindungen klappen, bin ich um 8:45 Uhr in der Stuttgarter Redaktion. Fahrzeit: Eine Stunde zwanzig Minuten, viermal umsteigen.

Mit Rollkoffer, Rucksack und Handtasche ziehe ich an einem Nachbar vorbei. Ob ich verreise, fragt er. Schon lange wohne ich hier, nahe Tübingen, heute stehe ich zum ersten Mal an der Bushaltestelle des Dorfes. Allerdings 15 Minuten zu früh. Ich bin zu leicht angezogen und friere.

Acht Minuten im Bus zur Regionalbahn

Der Bus ist pünktlich, mit mir steigt noch eine Schülerin ein. Acht Minuten dauert die Fahrt bis in den nächsten Ort, dort muss ich in die Regionalbahn umsteigen.

"Nächster Halt Herrenberg", wird angesagt.

In Herrenberg wartet bereits die S-Bahn nach Stuttgart, drei Minuten Zeit zum Umsteigen. Von allen Richtungen rennen Menschen in Richtung Gleis 2. Die S-Bahn ist überfüllt, ich bekomme keinen Sitzplatz und muss sechs Stationen lang stehen. Rennen oder stehen muss ich nicht, wenn ich das Auto nehme, denke ich, außer ich stehe im Stau.

Im Abteil ist es erstaunlich ruhig: viele schlafen, der Rest ist mit seinem Handy beschäftigt. Nomaden der Neuzeit, denke ich und fühle mich noch fremd in dieser Zwangsgemeinschaft.

Halbes Mobile Office im Koffer

Mein Auto ist mein Mobile Office. Gummistiefel, Reisedrucker, sehr viel Technik, Klamotten für verschiedene Anlässe – immer habe ich alles bei mir. Die Hälfte davon habe ich jetzt in meinem Koffer und Rucksack.

Vom Stuttgarter Hauptbahnhof sind es noch fünf Stationen mit der Stadtbahn bis in die Metzstraße, zu Fuß dann noch etwa 500 Meter in meine Redaktion. Wie geplant sitze ich tatsächlich pünktlich um 8:45 an meinem Schreibtisch.

Will ich mit dem Auto pünktlich in Stuttgart sein, muss ich um 5: 30 Uhr im Dorf starten und brauche dann für 45 Kilometer nur etwa 30 Minuten. Komme ich später los, stehe ich garantiert im Stau und brauche nicht selten dreimal so lange – von Tür zu Tür also eineinhalb Stunden.

Raus aus der Blase

Jetzt fahre ich Bus, Regionalbahn, S-Bahn, Stadtbahn. 1 Stunde 20 Minuten hin, genauso lang zurück. Am dritten Tag werde ich routinierter, ich kenne mittlerweile die Stationen, buche Handytickets, schaue in der App, ob die nächste Verbindung klappt. Ich reduziere mein Equipment auf das Nötigste und lerne: Regen bringt einen nicht um.

Ich werde lockerer, packe meinen Laptop auf den Fahrten aus oder beobachte Mitreisende: traurige, müde Menschen sehe ich, auch einige glückliche, vor allem abends aber sehr viele betrunkene und hilfesuchende Menschen.

Als Autopendler lebe ich in einer Blase, der Umstieg auf Bus und Bahn kommt einem Systemwechsel gleich. Im Auto telefoniere ich, checke E-Mails an roten Ampeln und versuche Staus mithilfe des Navis möglichst zu umfahren, bekomme aber sonst nichts mit. Jetzt komme ich wohl dem echten Leben wieder näher. Tröste Kinder, schlage Ärzten aus Afrika Sehenswürdigkeiten in Stuttgart vor und gerate versehentlich mitten in eine Festnahme vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof.

Planung muss sein

Am dritten Abend warte ich eine Stunde auf einen Anschlussbus und nehme mir vor, die letzte Strecke ins Dorf schon bald mit dem Fahrrad zu testen.

Am Abend nehme ich einmal das Rad für den Einkauf. Prompt kaufe ich zu viel für Rucksack und Fahrradkorb, eine Nachbarin nimmt eine Tasche ins Dorf mit. Ich weiß jetzt, dass ich mich als Autofahrerin nahezu gedankenlos fortbewege. Und lerne: ohne Auto muss ich anders planen. Und beim Wetterbericht genauer hinhören, um richtig angezogen zu sein.

Kehre ich am Abend ins Dorf zurück, treffe ich vor den Häusern Leute, die ich Jahre nicht mehr gesehen habe. Mal werde ich für eine Touristin gehalten, ein Nachbar spekuliert, ob ich meinen Führerschein verloren habe. Ungläubig schütteln fast alle den Kopf, wenn ich von meinem Versuch erzähle. Alle fahren hier mit dem Auto zur Arbeit.

Teurer als mit dem Auto

Die Woche ohne Auto ist vorbei. Bis auf zwei Ausnahmen gab es keine Verspätungen oder Zugausfälle, das hat mich wirklich überrascht. 24 Kilometer bin ich in fünf Tagen zu Fuß gegangen, die Fahrten innerhalb von zwei verschiedenen Tarifverbünden haben mich pro Tag knapp 20 Euro gekostet. Das ist deutlich teurer als mit dem Auto. Da komme ich auf etwa 13 Euro pro Tag.

Wäre der öffentliche Personennahverkehr, wie jüngst mal diskutiert, kostenlos, ich würde sofort umsteigen. 

Und hänge nach meinem Selbstversuch trotzdem gleich noch eine Woche dran. Und dann vielleicht noch eine. Und noch eine.

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