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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 18.11.2008

Selbstmord auf Anweisung

Die US-Sekte "Tempel des Volkes" trieb vor 30 Jahren 900 Mitglieder in den Tod

Von Ralf Geißler

Massenselbstmord in Jonestown, 20.11.1978 (AP Archiv)
Massenselbstmord in Jonestown, 20.11.1978 (AP Archiv)

Der Amerikaner Jim Jones war ein mitreißender Prediger und Scharlatan. In den sechziger Jahren versprach er seinen Anhängern den Kommunismus unter christlichem Vorzeichen und bot sich als Wunderheiler gegen Krebs an. Seine Sekte Peoples Temple wuchs schnell auf einige hundert Mitglieder. Vor 30 Jahren ordnete Jones den Massenselbstmord seiner Anhänger an. Mehr als 900 Menschen kamen dabei im Urwald von Guyana ums Leben.

Es ist noch früher Morgen, als die Polizei von Guyana den Ort des Grauens erreicht: Mitten im Regenwald bedecken unzählige Tote den Boden. Darunter dutzende Kinder. Die meisten vergiftet, einige von ihnen erschossen. Dazwischen liegt auch der leblose Körper von Jim Jones - Anführer der Sekte "Peoples Temple". Er hat seine Anhänger am 18. November 1978 in den Tod geführt.

"Ich will, dass ihr werdet wie ich. Ihr sollt mich nicht anbeten, sondern so sein wie ich. Furchtlos, mutig, mitleidvoll, liebend. Und zu allumfassender Barmherzigkeit fähig. Ihr sollt werden wie ich, und noch größer. Und wer mir nicht folgen mag, der fahre zur Hölle und belästige mich nicht."

Jim Jones, geboren 1931, glaubt schon als junger Mann an seine prophetische Begabung. Mit 25 Jahren gründet er in Indianapolis den Peoples Temple. Dort dürfen Schwarze und Weiße gemeinsam Gottesdienste feiern. In den USA eine kleine Revolution. Weil Jones davon überzeugt ist, Weltgeschichte zu schreiben, lässt er viele seiner Reden auf Tonband mitschneiden.

"Die rassistischste Einrichtung Amerikas ist die christliche Kirche. Unablässig lehrt sie die Menschen, sich gegenseitig zu hassen."

Jones predigt von vollkommener Harmonie. Er zitiert Jesus und Karl Marx, Martin Luther King und Lenin. Hunderte Amerikaner geraten in seinen Bann. Doch schon früh mehren sich Gerüchte, es gehe im Peoples Temple nicht mit rechten Dingen zu. Aussteiger berichten von sexuellen Übergriffen und der Misshandlung von Kindern. Als eine staatliche Untersuchung droht, verschwindet Jones im Sommer 1977 mit rund 1000 Anhängern quasi über Nacht in den Dschungel von Guyana und gründet dort Jonestown.

Für Außenstehende sieht Jonestown wie eine bäuerliche Kommune aus. Die Sektenmitglieder legen im Regenwald Felder an. Doch wer nicht genug arbeitet, wird mit Elektroschocks traktiert. Wer dem Sektenführer Jones nicht gehorcht, den lässt er mit Drogen gefügig machen. Die Regierung Guyanas beobachtet das Treiben der Sekte immer kritischer. Jones nimmt deshalb Kontakt mit der sowjetischen Botschaft auf, die tatsächlich einen Diplomaten nach Jonestown schickt.

"Im Namen der sowjetischen Botschaft überbringe ich tief empfundene Grüße dieser ersten sozialistischen und kommunistischen Gemeinschaft der USA in Guyana und in der Welt."

Doch ein Umzug des Peoples Temple in die Sowjetunion scheitert. Derweil äußern sich in den USA immer mehr besorgte Angehörige in der Presse. Der kalifornische Abgeordnete Leo Ryan beschließt deshalb, im Herbst 1978 nach Guyana zu fliegen, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Noch vor seinem Abflug droht Sektenführer Jones Ryan, er werde kein einziges Mitglied gehen lassen.

"Solltet ihr den Fehler machen herzukommen, um einen von uns mitzunehmen, dann werden wir das nicht zulassen. Ihr werdet sterben."

In so genannten Weißen Nächten probt Jones mit seiner Sekte den Massenselbstmord. Alle müssen aus einem Kessel Limonade trinken, von der Jones behauptet, sie sei vergiftet. Das Ritual wird regelmäßig wiederholt.

Als der Abgeordnete Ryan Mitte November 1978 Jonestown erreicht, wird er freundlich vom Sekten- Führer empfangen. Trotzdem sprechen Ryan 16 Mitglieder an, die zurück in die USA wollen. Jones wertet das als Verrat. Er lässt Ryan und die Aussteiger zum Flughafen verfolgen. Dort kommt es am 18. November 1978 zur Schießerei, bei der Ryan und fünf weitere Menschen getötet werden. Da der Sekte nun auch in Guyana ein Verbot droht, fordert Jones seine Anhänger in der selben Nacht zum kollektiven Selbstmord auf.

"Wer zur Hölle ist nicht bereit für eine Weiße Nacht? Was hieltet ihr davon, heute Nacht zu sterben?"

Zuerst töten die Sektenmitglieder die Kinder. Sie geben den Babys Giftspritzen und trinken dann eine Limonade mit Valium und Zyankali. Einige Mitglieder versuchen noch zu fliehen. Doch die meisten von ihnen, werden von Wachmännern erschossen. Mehr als 900 Menschen sterben an jenem Tag im Dschungel von Guyana. Es ist bis heute eine der größten Sektentragödien in der Geschichte.

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