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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 20.11.2017

Selbstfindung in der MännergruppeLernen über die eigenen Gefühle zu sprechen

Von Ralf Bei der Kellen und Tim Zülch

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Zu Übungen der Selbsterfahrung und Diskussion des Selbstverständnisses der neuen Männer-Bewegung trafen sich am 18. und 19. August 1984 in Rossdorf bei Darmstadt etwa 100 Mitglieder von Männergruppen aus den In- und Ausland.  (picture-alliance / dpa / DB Wattenberg)
Selbsterfahrung erleben: ein Treffen von Männergruppen im Jahr 1984 (picture-alliance / dpa / DB Wattenberg)

Zwischen Softie und Alpha-Tier: Das Männerbild hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert - und so manchen Mann verunsichert. Genau da setzen Männergruppen an.

"Man könnte auch einfach sagen, wenn man diese Sendung hört, Mensch, ich guck' mich mal um, so superzufrieden bin ich gerade nicht mit meinem Leben, bin zwar im Feuerwehrverein drin. Das ist auch immer ganz nett, wenn wir da ein Bier trinken, aber irgendwas fehlt in meinem Leben." 

Ist hier der zweite Stock? Ach, ist schon der dritte! Entschuldigung, guten Tag.

"Ich wollte Euch erzählen, was wir heute und was wir morgen machen."

Ein Jugendzentrum in Berlin Pankow. Lutz Atzert sitzt mit einer Gruppe von zwölf Männern im Kreis. Es ist ein kleiner Raum, einige der Männer sind etwas irritiert über unser Erscheinen. Lutz berichtet von unserer Radiosendung über Männergruppen und dass er uns eingeladen hat. Wir fragen, ob jemand darüber sprechen würde, warum er heute hier ist. Schweigen. Keiner meldet sich. Schließlich erklärt Lutz den Anwesenden den Ablauf einer typischen MRT-Sitzung – Männer-Radikale-Therapie fußt auf der in den 1970er-Jahren in den USA entwickelten Transaktionsanalyse und wurde erst später für Männergruppen weiterentwickelt. In einer Broschüre, die Lutz Atzert uns später gibt, heißt es:

"Bei Männer-Radikaler-Therapie (M.R.T.) handelt es sich um ein strukturiertes Übungsprogramm für Selbsthilfegruppen von Männern. Ziel dieses Programms ist es, verinnerlichte männerspezifische Denk- und Verhaltensmuster (wie: stärker, besser, klüger zu sein), die die Persönlichkeitsentfaltung behindern, in Selbsthilfe und Selbstverantwortung zu erkennen und zu verändern sowie neue Wege insbesondere im Kontakt mit anderen Männern zu erproben."

Reden im Schnelldurchlauf

"Am Freitag, das ist heute, machen wir eine Art Schnelldurchlauf, über die verschiedenen Runden von MRT. Die einzelnen Runden heißen Blitzlicht, Gutes und Neues, dann kommen die Arbeitszeiten in den verschiedenen Ausprägungen und dann gibt es die Abschlussrunde, Gespinste oder Intuition üben, die Grollrunde und die Schmuserunde. Mit dieser Schmuserunde - das ist sozusagen der krönende Abschluss."

"Morgen werden wir also dann die ganze Sache mit Übungen vertiefen. Und werden, so das Universum will, 'ne Gruppe bilden. Und dann werdet ihr Euch selber zusammenraufen müssen." 

"Ja."

Die einzelnen MRT-Sitzungen sind streng strukturiert. Kern sind die sogenannten Arbeitszeiten. Hier berichten die Teilnehmer von einem Thema, das sie beschäftigt.

"Man legt die Hände in die des anderen Mannes und erzählt dem sein Problem. Und am Anfang ist das absurd, man steht da und es gibt kein Tabu in den Themen. Es gibt auch Leute, die fangen dann an, ziemlich da rumzubrüllen, geraten in Wut und manchmal auch leichte Hysterie. Das ist nicht ganz ohne. Und deshalb sollte man die Räume auch immer so wählen, dass man laut sein kann."

Wir treffen Lutz in seiner Wohnung in Berlin Pankow. Es gibt Yogi-Tee, bunte Decken liegen auf Sofa und Stühlen. Das Rentenalter sieht man ihm nicht an. 

"Ich habe mich schon lange mit Männerthemen beschäftigt und zur Zeit mache ich die Webseite MRT-Männergruppen Berlin und über diese Webseite kommen also Männer mit dem Wunsch auf mich zu, eine Männergruppe zu gründen."

Wichtig: der körperliche Kontakt

Auf dem Kennenlernwochenende im Berliner Wedding gibt Atzert eine Einführung, später organisieren die Männer sich selbst. 

"Also die Motivation in so eine MRT-Männergruppe zu gehen, ist also Selbstbewusstsein zu entwickeln und sich sozusagen selbst zu therapieren. Dieser mangelnde Kontakt zu anderen Menschen, also auch Männer, rührt ja aus der gesellschaftlichen Konkurrenzsituation. Und das soll aufgehoben werden. Eins der wichtigsten Momente von RT ist körperlicher Kontakt. Das heißt, die Männer werden angehalten, sich gegenseitig zu berühren, an der Hand zu halten und so weiter."

Männer, die sich an den Händen halten? Und "Schmuserunden als krönenden Abschluss" veranstalten? Das bedient durchaus ein Klischee, das viele Menschen von den Männergruppen der frühen 1970er-Jahre haben. Tatsächlich stammt das von Lutz Atzert verwendete Konzept aus dieser Zeit. Auslöser für die Männergruppen der 70er-Jahre, die vor allem im studentischen und im linken Sponti-Millieu entstanden, war die Frauenbewegung, die mit der sogenannten "68er-Generation" entstand.

Klaus Theweleit, Autor des Buches "Männerphantasien" (picture-alliance / ZB / Klaus Franke)Klaus Theweleit, Autor des Buches "Männerphantasien" (picture-alliance / ZB / Klaus Franke)
"Wir sind von der Gruppe 'Sanfte Strukturen', das sind Heteromänner gegen Gewalt. Und wir haben in unserer Gruppe 'ne ganz lange Empfindung gehabt, und dann haben wir ein Buch gelesen – und zwar das vom Klaus Theweleit über die Männerphantasien, alle beide Bände und die Fußnoten. Und dann haben wir uns überlegt, welche Fragen wir uns noch auf die von der Frauenbewegung uns vorgegebenen Antworten stellen können."

Der Kabarettist Matthias Beltz überzeichnete Anfang der 1980er-Jahre ein oft geäußertes Vorurteil – nämlich, dass die ersten Männergruppen sich vor allem auf "Befehl" der Frauenbewegung gegründet hätten. Frei nach dem Motto: Wir bewegen uns, jetzt bewegt ihr Euch bitteschön auch! Dass die Männer damals zunächst oft etwas hilflos waren, stimmt allerdings schon.

Eine Reaktion auf die Frauenbewegung?

Ein Psychologe und Leiter von Männergruppen bei ProFamilia in München formulierte es 1986 in einem Beitrag des Bayerischen Rundfunks noch dramatischer:

"Ich denke, dass eine Weile Männergruppen auch vom Konzept her eine Reaktion waren auf eine sehr starke Verunsicherung durch die Frauenbewegung. Und die Männer ja auch in ein sehr großes moralisches Debakel gekommen sind – sie haben sich ohnehin mit ihren Vätern eigentlich nicht identifizieren können, hatten also keine tragfähige moralische Basis und sind dann sozusagen von der Frauenbewegung auf dem linken Fuß erwischt worden eben auch noch als Unterdrücker – was natürlich sehr, sehr berechtigt ist aus der Sicht der Frauen –, was aber die Männer in ein ziemliches Debakel, psychisch, geschmissen hat, wo sie zum Teil fast nicht mehr aufrichtig sein konnten und hätten aus dem Fenster springen müssen."  

"Ärmel aufkrempeln, zupacken, aufbauen! Ja, Vati hat wirklich geschuftet. Von nichts kommt nichts – das ist sein Wahlspruch. Und: Immer sauber bleiben, das lohnt sich." 

"Ich weiß, dass mein Vater kam aus Stalingrad, war dann irgendwie ein paar Jahre in russischer Gefangenschaft. Der war 'ne wandelnde Leiche. Wenn ich mir das heute ansehe, wie die mich behandelt haben: Die konnten mit mir gar nichts anfangen. Meine Mutter war genauso verletzt von den ganzen Vorkommnissen."

Ein deutscher Kriegsgefangener auf dem Marsch in die russische Kriegsgefangenschaft. (picture alliance / Foto: dpa)Deutsche Soldaten waren nach dem Krieg und der Gefangenschaft oftmals traumatisiert. (picture alliance / Foto: dpa)
"Also da war eine ganze Vätergeneration entweder gestorben oder zum Großteil traumatisiert. Traumatisierte Menschen können nicht gut einen Zugang zu ihren Gefühlen herstellen, sie müssen ihn abwehren. Was das für die Jungen, die in den 40er-, 50er-, 60er-Jahren geboren wurden, bedeutet - ja, kann man sich auch kaum vorstellen. Also sehr stereotype Vorstellung von Mann- und von Frausein und eine Erziehung von Kindern, in der einfach kein väterliches Rollenvorbild da war." 

"Lieber Rudi Dutschke wird Vati sagen – und heute? Die jungen Leute? Jammern und Wehgeschrei, passt dies nicht, passt das nicht. Orgasmusschwierigkeiten! Wenn ich so was schon höre! Lieber Rudi Dutschke würde Vati sagen, nun hören sie mir mal ganz gut zu. Was sie hier sehen, ringsherum, das haben wir, wir, ihre Väter, die sie 'Würstchen' nennen, wir haben das hingestellt. Und darum, verstehen sie darum, lassen wir uns von euch nicht sagen, wie wir zu leben haben!" 

Für das Gros der Männergeneration, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland lebte, war das Gebot der Stunde: überleben! Fragen nach Schuld oder gar das Hinterfragen alter Rollenmuster, die diesen Krieg ja erst ermöglicht hatten, standen da hinten an. 

Männer im Dauerstress

"Ich kann doch nicht im Krieg gefühlvoll sein, wenn neben mir Granaten einschlagen und der Kamerad zerfetzt wird, ja? Das heißt, das stumpft ab, und um des Überlebens willens muss ich mich hart machen",

... erklärt Peter Thiel, Familien- und Männertherapeut in Berlin und Leiter einer Männergruppe. Er stellt das "Schweigen der Männer" aber noch in einen geschichtlich sehr viel weiteren Horizont: 

"Männer sind wahrscheinlich, seit es Zivilisation gibt, sozusagen in einem Stress drin, wer ist der Beste, ja? Und, wenn man in einer Konkurrenz steht, dann tauscht man sich mit seinem Gegenüber nicht über intime Dinge aus – weil das ja verletzlich macht, ja?"

Das Schweigen hatte also eine lange Tradition. Erst die Studenten- und speziell die Frauenbewegung brachte diese Fragen aufs gesellschaftliche Tapet. Daraus resultierte viele anstrengende Pionierarbeit – darunter auch einige Experimente, die aus heutiger Sicht eher abwegig anmuten. So schrieb ein Männergruppenmitglied in einem Rowohlt-Sammelband 1980 über seine Erfahrung in einer Berliner Gruppe: 

"Hatte ich zunächst ein eher instrumentelles Verhältnis zur Homosexualität, eine leidige Pflichtübung, um die man nicht herumkommt, damit sich das Verhältnis zu Männern, auch zu Frauen, ändert, so tritt dieser Aspekt zunehmend in den Hintergrund; deutlicher erscheint jetzt der eigene Stellenwert solcher Erfahrungen und Wünsche." 

Studenten der Freien Universität Berlin demonstrieren am 08.07.1966 vor dem Henry-Ford-Bau der Universität gegen das Engagement der Amerikaner im Vietnamkrieg.  (picture alliance / dpa / Joachim Barfknecht)Die Studentenbewegung stellt die klassischen Rollenbilder infrage. (picture alliance / dpa / Joachim Barfknecht)
Nicht selten war das Motto der ersten Männergruppen: Drastische Probleme erfordern drastische Maßnahmen! Volker Elis Pilgrim, promovierter Rechtswissenschaftler, von vielen wegen seines Buches "Manifest für den freien Mann" von 1977 als "Vater der Männerbewegung" gesehen, sagte Mitte der 1980er-Jahre in einem Interview:  

"Meine Erfahrung ist, dass in den Männergruppen wohl schon mal mit einem anderen Mann geschlafen wird, aber kein Mann ist vom Hetero zum Homo geworden, wenn er das nicht vorher schon gewollt hat oder schon war." 

"Volker Elis Pilgrim, solche Schriften, die ja aus heutiger Sicht… - da könnte man sagen, das war ja teilweise fast männerfeindlich, also wo die Männer sich selbst als defizitäre Wesen betrachtet haben und jetzt versucht haben, in der Gruppe non-defizitäre Wesen zu werden, also gute Männer zu werden. Das hat ja mit einem emanzipatorischen Charakter von Männergruppen, so wie wir ihn uns heute natürlich vorstellen nichts zu tun", 

… meint Diplom-Psychologe Björn Süfke, Männertherapeut und Autor der Bücher "Männerseelen. Ein psychologischer Reiseführer" und "Männer – Erfindet. Euch. Neu."

Und: viele der bewegten Frauen erkannten die ersten Bemühungen der Männer, vor allem natürlich ihrer Partner, durchaus an – wobei sich ein verändertes Bewusstsein bei den Männern zunächst in sehr kleinen Schritten äußerte, wie die Frau eines Männergruppenteilnehmers in Beitrag des NDR-Fernsehens von 1979 erklärt: 

"Früher so war es einfach an der Tagesordnung, dass ich immer sagte: Du, Klaus, kannste nicht mal bitte machen? - und er hat mir den Gefallen getan. Und das ist heute irgendwie anderes. Heute sieht er, die Wäsche muss gewaschen werden und dann macht er das auch. Und das ist einfach so'n Prozess, der also im Zusammenhang mit der Männergruppe zu sehen ist, aber auch sich aus unserer Partnerschaft heraus entwickelt hat." 

Emanzipation und Politik

Wirklich emanzipiert haben sich diese ersten "bewegten Männer" nur langsam. Aber irgendwann kam die Bewegung in der Politik an. 

"Es kann ja wohl nicht so sein, als ob die Verwirklichung von Partnerschaft und Chancengleichheit etwa allein eine Sache der Frauen wäre; es geht in Wirklichkeit um die Männer, denn viele von ihnen haben noch nicht erkannt, dass sie nicht nur ihr Bewusstsein, sondern auch ihr Verhalten ändern müssen." 

Heiner Geißler, Bundesfamilienminister, im März 1985. 

"Das Leitbild für immer mehr junge Menschen, Jungen und Mädchen, ist eben nicht der Mann als Pascha, der sich als Supermann gebärdet, aber auch nicht der 'Softie', der die Frau als Vormund braucht, nicht wahr?" 

Wenn man sich zeitgenössische Berichte und Artikel durchliest, so scheint es, als hätten manche dieser sogenannten "Softies" verzweifelt versucht, nicht nur die als negativ empfundenen Eigenschaften, sondern gleich alles männliche zu unterdrücken – so wie es der Kabarettist Volker Pispers hier satirisch dargestellt. 

Ein Vater trägt ein Baby an der Brust und schaut dabei auf sein Smartphone (imago stock&people)Für viele eine neue Herausforderung: der Mann als Vater (imago stock&people)
"Du bist ja nicht so einer. Du bist ja nur so'n netter Kerl. Du willst ja nichts von ihr. Na klar willste was! Nur sagen kannste's nicht, sonst fällst du doch aus deiner mühsam antrainierten Rolle als Softie. Lenor-Typen. Und das alles, das ist dann irgendwann bei uns in der Männergruppe einfach so rausgebrochen." 

Aus der von Teilen der 68er-Generation erhofften Revolution der Geschlechterverhältnisse wurde eine langsam voranschreitende Evolution. Bei allem Kopfschütteln, das einen heute angesichts der vielen seltsamen Experimente in Männergruppen befällt, muss man doch die Pionierarbeit anerkennen, die dort geleistet wurde. Langsam begann Mann, den eigenen Weg zu finden zwischen Softie und Macho, zwischen Gefühl und Zielstrebigkeit, zwischen Kommunikation und Schweigen. Diese Aufgabe beschäftigt die Männer bis heute, wobei es den allgemein beschworenen "Neuen Mann" wohl nicht gibt. 

Der neue "Alpha-Softie" 

"Das sehe ich problematisch, einzufordern, so haben die Männer zu sein." 

Andreas Goosses ist Männertherapeut und aktiv im Forum Männer der Heinrich-Böll-Stiftung.

"Ich bin dafür, dass die Männer für sich gucken können, wo wollen sie eigentlich hin. Auch in dieser Frage, wie sehe ich mich eigentlich, wie definiere ich Identität oder meine Aspekte von Identität, also wie möchte ich das gerne Leben."

"Ich glaube, es ist eine große Verunsicherung da, weil eben tradierte Rollenbilder nicht mehr greifen. Wenn man auf Neuland geht, dann gibt es eben keine Vorbilder. Und deswegen diese Verunsicherung", 

… erklärt der Männertherapeut Peter Thiel. Und die Verunsicherung ist heute immer noch da. Und sie lässt sich soziologisch erfassen. Eine von der Zeitschrift Bild der Frau im Jahr 2013 in Auftrag gegebene repräsentative Studie fand heraus, dass jeder dritte Mann das Gefühl hat, den an ihn gestellten Erwartungen nicht gewachsen zu sein. Bei den Singles war es sogar jeder Zweite. "Jungen und Männer im Spagat" heißt eine 2014 veröffentlichte Studie von Carsten Wippermann, Professor an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München. Ein Spagat, der sich darin äußert, dass sich in den Köpfen der Männer schon viel bewegt hat. Nur mit der praktischen Umsetzung hapert es noch. In der Studie heißt es: 

"Der Mainstream der Männer sieht sich heute eingespannt zwischen traditionellen Pflichten von Männern einerseits, einer Fülle von neuen, weichen, ganzheitlichen Eigenschaften, Aufgaben und Möglichkeiten des Mannseins andererseits. Das Leitbild des neuen Mannes wurde wie ein Container aufgeschüttet mit weiteren Erwartungen und Anforderungen an Männer."

Mittlerweile macht der Begriff "Alpha-Softie" als neues Leitbild für Männer die Runde unter Soziologen. Den selbstbewussten, durchsetzungsstarken Alpha-Mann, der aber zugleich empathisch und kommunikativ ist und sich hingebungsvoll an der Kindererziehung beteiligt. Das klingt ein bisschen nach "eierlegende Wollmilchsau". Viele Männer fühlen sich auch hier wieder überfordert. 

Selbstfindung mit Yoga und Meditation

Am Ortsrand von Bad Belzig, 80 Kliometer südlich von Berlin, liegt das ZEGG. Das Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung. Ein 16 Hektar großes Gelände mit Seminargebäuden, Wohnhäusern, Gästehäusern und einer Gemeinschaftsküche. 

"Wir wünschen Euch guten Appetit und lüften sofort die Deckel. Jaaaah."

Über 100 Menschen leben hier in Gemeinschaft, regelmäßige Workshops und Seminare sind Teil des ökonomischen Konzepts. Sharan Thomas Gärtner und Kolja Güldenberg empfangen uns. Sie leiten das Männer-Jahrestraining. Viermal im Jahr treffen sich die Teilnehmer für ein verlängertes Wochenende. Jedes Training hat ein anderes Thema. Der Krieger, der Heiler, der Liebhaber. Heute findet der letzte Teil des Trainings statt. Der König. 

"Hier siehst du Könige. Über Nelson Madela und Ghandi bis Friedrich dem Großen. Hier unser Altar. Hier arbeiten wir dann halt, machen viel mit Bewegung."

Ein großer Saal mit Holzboden und einer Bühne. Yogamatten bilden einen großen Kreis. 30 Männer nehmen an dem Seminar teil. Links im Raum steht eine Stellwand mit Bildern von Königen, auf der Bühne eine Art Altar. Mit verschiedenen Methoden versuchen die beiden Leiter des Seminars, die Männer zu sich selbst zu führen. Dazu gehören Meditation, Yoga, Naturerfahrung und Schwitzhütten-Rituale.

Das ZEGG-Gelände nahe Bad Belzig (imago/HiPi)Das ZEGG-Gelände nahe Bad Belzig (imago/HiPi)
"Ich heiße Kolja Güldenberg, bin knapp 47 Jahre alt, bin verheiratet, hab eine kleine Tochter, die ich sehr liebe. Ja, und ich bin Sharan Thomas Gärtner, Männercoach. Liebe zum Mannsein ist mein Motto, sozusagen. Ich habe die Männerarbeit ganz zu meinem Beruf gemacht. Das heißt, ich liebe es Räume anzubieten für Männer, weil ich weiß, wir brauchen diese Räume, damit wir Männer neue Wege gehen können."

Für Sharan Thomas Gärtner und Kolja Güldenberg ist wichtig, dass es bei dem Workshop nicht darum geht, sich an archaischen Bildern von Kriegern oder Königen zu orientieren, sondern:

"Ganz wichtig für mich, das sind für uns Chiffren. Wir haben kein neues Ideal von Mannsein, wir wollen nicht die Männer zu irgendwas erziehen, wo sie jetzt bestimmte Archetypen verkörpern können, sondern wir nehmen diese Archetypen als Anlass, diese Themen sich anzuschauen. Es fängt an mit den Themen, die man aus der Kindheit mitbringt, bis hin, wie es mir in der Beziehung geht, mit Frauen, mit meiner Vaterschaft und wie ich mich mit anderen Männern fühle. Also viele erleben hier die anderen Männer als eine echte Quelle von Ermutigung von Kraft, von Austausch von Inspiration und wir halten den Rahmen dafür."

Der Autor Robert Bly vertritt in seinem 1990 erschienenen Buch "Eisenhans" die Auffassung, dass vielen Männern ihr Innerstes oft nicht zugänglich sei. Er nennt es den "Wilden Mann", den man suchen und schließlich mühsam ausgraben müsse. Erst dieser Prozess schaffe die Voraussetzung für einen echten gleichberechtigten Dialog zwischen Männern und ihrem Gegenüber. Blys These ist eine der Grundlagen für die Workshops von Sharan Thomas Gärtner und Kolja Güldenberg.

"Es geht nicht darum, der wilde Mann zu sein. Es geht darum, zum wilden Mann in mir, als Qualität, Kontakt zu haben. Das macht mich autonom und frei, heißt aber nicht, dass ich dann meine Frau anbrülle, im Gegenteil. Durch diese innere Autonomie habe ich ‘ne ganz andere Ressource, Frauen auf Augenhöhe unterstützend, solidarisch, liebevoll zu begegnen."

Kein Zurück zum alten Männerbild

Deutlich abgrenzen möchten sich die beiden von Männern, die eine Rückkehr zu einem alten Männerbild predigen, als der Mann sich als Oberhaupt der Familie vieles erlauben konnte, was heute von Frauen aus gutem Grund nicht mehr akzeptiert wird.

"Diese Klage darüber, dass wir Männlichkeit verloren hätten und wieder dahin zurück müssen, die sehe ich als ein großes Symptom dafür, dass tatsächlich eine große Verunsicherung stattgefunden hat, aber die Antwort kann natürlich nicht sein, zurück zu einem alten Männerbild." 

"Es geht darum, diese Dichotomie zwischen Softie und Macho aufzulösen. Da gibt es ja was jenseits davon, wo wir als Mensch in erster Linie Menschen sind und dann aber auch in einer saftigen Männlichkeit in uns integriert ruhen und ein ganz anders Gegenüber sind für Frauen." 

Beim "Training" selbst wollten die Männer lieber unbeobachtet bleiben. Von den Inhalten erzählt haben sie aber doch. Einer von ihnen ist Uwe Schwarz, Diplomingenieur aus Berlin: 

"Wir haben zum Beispiel da 'ne Übung gemacht, die fand ich sehr beeindruckend. Da wurden wir aufgefordert, darüber nachzudenken, welchen Satz wir von unserem Vater zu selten oder gar nicht gehört haben und bei mir war das der Satz, ich bin stolz auf dich. Und dann hat ein anderer Mann hier, hat mir diesen Satz geschenkt. Der hat mich in den Arm genommen und hat mir eine Viertelstunde gesagt, immer wieder, ich bin stolz auf dich. Ich habe Rotzblasen geheult und es war ein Gefühlt der ganz tiefen Befriedigung. Das war so 'ne Übung, die ganz tief rein geht, das war 'ne unglaubliche Erfahrung."

Sich gemeinsam mit anderen Männern auf eine solche oder eine ähnliche Reise einzulassen, braucht Mut. Das Training in Bad Belzig spielt mit den Bildern, die wir Männer – meist schon recht verschüttet – in uns tragen. Sollten sich Männer – in Männergruppen – ein Stück Wildheit zurückholen um die Stärke zu finden, die sie brauchen, ihren Weg zu finden? Einige Feministinnen kritisieren solches Vorgehen und befürchten einen Backlash zu alten Formen der Männlichkeit. Doch letztendlich sind es nur Vehikel, die Männern ermöglichen, Zugang zu den eigenen Gefühlen zu bekommen. Und darüber sprechen zu können. Björn Süfke:

"Gefühle sind ein psychologischer Grundmechanismus und wir Männer haben nicht weniger von ihnen. Was wir eben, auf Grund unserer Sozialisation weniger haben, ist, dass diese Gefühle unserem Bewusstsein zugänglich werden, weil sie eben unterdrückt werden. Wenn man Männer auf Deutsch gesagt einfach allein lässt, und sie sollen sich über diese Dinge jetzt eben austauschen, dann stoßen Sie eben tatsächlich oft an die Grenzen Ihrer Möglichkeiten, weil sie diese Auseinandersetzung nicht von Kind auf gelernt haben, dieses Sprechen über Gefühle."

Und da braucht es eben professionelle Anleitung – oder die Hilfe einer Männergruppe. Sebastian Ansorge ist Teilnehmer der Männergruppe, die Andreas Thiel leitet. Er hat solche Situationen oft erlebt. 

Das Ende des Schweigens

"Gerade jetzt, letzte Woche waren zwei Neue da, die reden dann noch nicht so viel, teilen nicht so viel Persönliches mit, so ging es mir auch. Am Anfang eher so zurückhaltend und wenn ich dann was sage, dann mit viel Herzklopfen sozusagen. Es ist für uns Männer immer noch nicht so einfach, weil wir nicht so aufwachsen, auch heute nicht."

"Das ist ja häufig auch so'n Missverständnis auch von Frauenseite dann, weil die Frauen diese Aspekt von männlicher Sozialisation aus ihrem eigenen Empfinden nicht kennen, die können sich nicht vorstellen, wie schwierig es ist für einen Mann über eigene Gefühle zu sprechen. Nicht nur, es sich zu trauen, sondern überhaupt zu einem Inhalt durchzudringen. Das können die sich nicht vorstellen, deswegen denken die: Warum sagt der nichts?"

"Es ist ja manchmal sogar so, dass wenn der Mann schweigt, ist alles in Ordnung, wenn die Frau aufhört zu sprechen, dann gibt es 'nen Problem, ja? Wenn die Frau schweigt, dann stimmt irgendetwas nicht. Und das hängt glaube ich auch damit zusammen, dass das am Arbeitsplatz nicht gewünscht ist. Die meisten Berufe sind ja nicht so, dass man über sich ständig spricht. Das heißt, Mann mit Doppel-n ist mit seinem Kram alleine und auch nicht gefragt, sich zu artikulieren."

An einem Punkt haben viele Männer in den letzten Jahren ihr Schweigen aufgegeben und sich untereinander immer stärker auch über ihre Emotionen ausgetauscht: beim Thema "Vaterschaft". 

Ein Mädchen läuft ihrem Vater entgegen. (Imago Stock & People)Männer wollen auch bei der Erziehung der Kinder mehr Verantwortung übernehmen. (Imago Stock & People)
Immer mehr Väter beteiligen sich immer stärker an der Erziehung ihrer Kinder – was nicht zuletzt der Einführung des "Gesetzes zum Elterngeld und zur Elternzeit" 2007 geschuldet ist. 

"Seitdem gibt’s 'nen Wandel. Da wurde auch viel dran diskutiert, das hat also nicht nur 'ne finanzielle Substanz gebracht, sondern auch 'ne 'wie wird das in der Gesellschaft so diskutiert und verhandelt', hat's 'ne Substanz gebracht –und es hat eben auch 'ne Sicherheit für die Männer gebracht, weil sie hatten etwas, wo sie sich drauf stützen konnten, es ist plötzlich ihr Recht. Und das muss ich nicht alleine durchsetzen, sondern das steht mir zu", 

… kommentiert Klaus Schwerma, der selbst seit den 1970er in Männergruppen aktiv war. Heute engagiert er sich beim Bundesforum Männer, einem Dachverband für Organisationen, die hierzulande in der Jungen-, Männer und Väterpolitik aktiv sind. 

Ein Kulturwandel

Zwar werden vom Gros der berechtigten Männer – wenn auch regional sehr unterschiedlich - noch immer nur die zwei Vätermonate genommen. 

"Und trotzdem war das ein immenser … ja, es war ein Kulturwandel." 

Und dieser zieht bzw. zog bei vielen jungen Vätern etwas nach sich – nämlich ein intensiveres Nachdenken über Vaterschaft – und damit auch über das eigene Mannsein. Denn, so die Hoffnung einiger Beteiligter, durch die Vernetzung der Väter würden vielleicht neue Beziehungen zwischen Männern – und auch eine neue Kultur des Sprechens über das Vater- bzw. Mannsein – sich ganz organisch ergeben. Andreas Goosses fordert hingegen konkrete Angebote für Männer.

"Es ist leider so, das erlebe ich in der Praxis, dass Männer sehr lange auf der Suche sind, bis sie wirklich Anlaufstellen finden wo sie auch wirklich 'ne professionelle Beratung erhalten. Um Geschlechterverhältnisse zu verändern, da braucht es Räume und da braucht es auch Unterstützung."

Nahm man in den frühen Männergruppen das Patriarchat und ein neues Mannsein in einer neuen Gesellschaft in den Blick, so hat sich Männerarbeit und mit ihr die Männergruppen heute ausdifferenziert. Es gibt nach wie vor therapeutische Gruppen, aber es gibt auch Gruppen von Vätern, von verlassenen Vätern, es gibt Workshops zu Männergesundheit und Männergruppen, die die Alpen mit dem Mountainbike überqueren.

Genaue Zahlen, wie viele Männergruppen es hierzulande gibt, existieren nicht. Ein Referent der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland schätzt, dass zwischen 3000 und 5000 Männergruppen allein in Kirchengemeinden existieren. 

Das vielleicht zentrale Anliegen der Männergruppen ist aber immer noch, dass Männer mit Männern über ihr Mannsein sprechen, über ihr Selbstverständnis, ihre Ängste, ihre Wünsche. Denn das Schweigen der Männer gibt es noch immer. 

Es gibt also noch viel zu tun – sowohl im Politischen als auch im Privaten. Für Björn Süfke bleiben die Männergruppen – egal, mit welchem Schwerpunkt – ein wichtiger Bestandteil der Bewusstwerdung von Männern – auch im 21. Jahrhundert. Für Klaus Schwerma vom Bundesforum Männer ist die Bilanz von über 25 Jahren Mitarbeit in einer Männergruppe ganz klar eine positive: 

"Also, es hat mir Ressourcen eröffnet – in meinem eigenen Umgehen mit mir selber. Und damit vielleicht auch mit anderen. Ich hoffe …"

"Ich sage immer ein bisschen flapsig auch zu meinen Männern, wenn ich sie gerne für die Männergruppe motivieren will, dann sage ich immer: Gehen Sie lieber in die Männergruppe, als zu mir zu gehen. Das ist einfach besser. Hier haben Sie nur die Erfahrung und die Expertise von einem, da haben Sie die Erfahrung und die Expertise von sieben, acht anderen Männern. Die Wahrscheinlichkeit, dass da was Wertvolles für Sie dabei ist, ist sehr viel höher als bei meinem Gesabbel hier." 

"‘Ne Männergruppe ist eine Auszeit, ist wie 'nen Flug nach Mallorca, vielleicht noch ein bisschen schöner, nicht ganz so warm vielleicht. Also das ist 'ne Form von Psychohygiene, könnte man sagen."

"Was können Sie gewinnen? Das ist ganz einfach – sie gewinnen sich selbst. Sie haben buchstäblich ein eigenes Selbst zu gewinnen. Das ist auch meiner Sicht mindestens genauso eine Auseinandersetzung wert wie Gleichbezahlung und das Wahlrecht zu erlangen. Wie's auf Seiten der Frauen war." 

Und irgendwann kommt sicher auch der Tag, an dem man(n), wenn man bei Google nach "Männergruppe" sucht nicht als erstes "Männergrippe" vorgeschlagen bekommt.

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(Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch, 08.09.2017)

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