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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.01.2015

Selbstfahrer-Autos im Testbetrieb"Sicherer als herkömmliche Fahrzeuge"

Der Informatiker Raúl Rojas im Gespräch mit Ute Welty

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(picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Im eigenen Auto wie im Taxi fahren: Ein Selbstfahrer-Versuchsauto der Freien Universität Berlin (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

Von einem Computer gesteuerte, selbstfahrende Autos - sieht so das Verkehrsmittel der Zukunft aus? Der Informatiker Raúl Rojas glaubt daran: Auf lange Sicht seien diese Autos sicherer und kostengünstiger.

Seit dem 1. Januar kurven fahrerlose, von einem Computer gesteuerte Autos durch mehrere britische Städte. Zunächst nur im Testbetrieb, aber der Informatiker Raúl Rojas, Professor für Künstliche Intelligenz an der Freien Universität Berlin, glaubt, dass dieses Fortbewegungsmittel eine Zukunft hat.

"Ich denke, dass die technischen Voraussetzungen zum Teil schon gegeben sind", sagte er. "Man muss aber viel testen. Man muss viele Millionen von Kilometern fahren, so dass die Menschen am Ende sehen, es ist wirklich sicherer als bis jetzt." Zum Beispiel dadurch, dass die computergesteuerten Autos anders als menschliche Fahrer ständig miteinander kommunizierten. "Wenn die Autos an die Kreuzung kommen, dann weiß ein Auto, was zuerst fährt, wer der nächste ist. Die können sich koordinieren."

Car-Sharing leicht gemacht

In einem selbstfahrenden Auto könne man seine Zeit besser nutzen, betonte Rojas. Man könne während der Fahrt arbeiten, lesen oder schlafen. Außerdem seien die autonomen Autos letztlich billiger. "Mit dem selbstfahrenden Auto kann man das Auto teilen: Das Auto kann jemanden abholen, mich abholen, dann den Nachbarn abholen, noch eine dritte Person abholen", so der Berliner Informatiker. "Ich glaube, dieser Kostenvorteil wird am Ende entscheidend sein."


 

Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: "Spirit of Berlin" ist nicht der Name eines neuen Parfums, es ist der Name eines selbst fahrenden Autos. Diesen Prototyp hat Raúl Rojas entwickelt, Professor für Informatik an der FU Berlin. Sein Spezialgebiet ist die künstliche Intelligenz, und bekannt geworden wurde Raúl Rojas mit seinen Fußball spielenden Robotern. Wie gesagt, entwickelt hat er jetzt auch ein selbst fahrendes Auto, und damit liegt er voll im Trend. In diesem Jahr werden solche Autos in vielen Ländern getestet. Guten Morgen, Herr Rojas!

Raúl Rojas: Ja, guten Morgen!

Welty: Ihr selbst fahrendes Auto sieht von außen aus, als hätten ein sehr kleiner Kleinwagen und ein Tarnkappenbomber einen ziemlich bösen Unfall gehabt. Warum dieses Design?

Rojas: Ja, Sie beziehen sich wahrscheinlich auf unser erstes Fahrzeug, wo wir alles draußen an der Karosserie untergebracht hatten, aber in unseren neuen Fahrzeugen haben wir alle Sensoren, alle Laserscanner, Videokameras versteckt in der Karosserie. Und von außen erkennen Sie nicht mehr, ob das Auto ein normales Auto oder irgendein selbst fahrendes Auto ist.

"Ein selbst fahrende Auto ist wie ein Taxi"

Welty: Also Sie haben am Design noch mal Hand angelegt?

Rojas: Ja, klar, weil was die Autoindustrie am Ende haben möchte, sind Autos, die von außen genau dasselbe städtische Gefühl vermitteln, nur dass die Steuerung nicht mehr von einem Menschen dann gemacht wird, sondern von dem Computer.

Welty: Das heißt, ich muss mir das Fahren in einem selbst fahrenden Auto wie vorstellen?

Rojas: Ich sage immer, ein selbst fahrendes Auto ist wie ein Taxi. Sie steigen ein und Sie sagen einfach dem Computer oder dem Navigationssystem: Ich will von Mitte in Berlin zum Brandenburger Tor fahren oder zum Olympiastadion ...

Welty: ...das schaff ich auch zu Fuß.

Rojas: Ja, aber in diesem Fall kriegen Sie eine beliebige Straße in der Stadt gefahren, und Sie brauchen selber nicht zu fahren. Das Auto ist ein Taxi, nur der Taxifahrer ist ein Computer.

Welty: Sie sagen, das selbst fahrende Auto ist wie ein Taxi – hätte mich das selbst fahrende Auto also auch in der Silvesternacht nach Hause gebracht, sprich: was ist mit Alkohol am Steuer?

Unterwegs schlafen, lesen, arbeiten

Rojas: Ja, natürlich, die Idee ist, dass die Menschen, die im Auto sitzen, nur Passagiere sind. Sie brauchen sich nicht mehr um das Auto zu kümmern: Da kann man schlafen, da kann man arbeiten, kann man sich um etwas anderes kümmern, nicht um das Fahren. Und außerdem, da die Computer so viele Sensoren dann steuern, werden diese Fahrzeuge am Ende viel sicherer sein als herkömmliche Fahrzeuge.

Welty: In Deutschland ist es bis jetzt nicht möglich, ein Tempolimit auf Autobahnen durchzusetzen. Wie wollen Sie den Anhängern von "freie Fahrt für freie Bürger" das selbst fahrende Auto schmackhaft machen?

Rojas: Ich denke, was am Ende entscheidend sein wird, ist, dass man die Zeit anders nutzen kann, dass man eben im Auto arbeiten kann oder lesen oder schlafen kann, und außerdem, dass es billiger wird. Weil was wir immer sagen, ist, mit dem selbst fahrenden Auto kann man das Auto teilen. Das Auto kann jemanden abholen – mich abholen, dann den Nachbarn abholen, noch eine dritte Person abholen. Wir teilen uns die Kosten der Fahrt, und so bezahlen wir am Ende viel weniger, als wenn wir selber ein Auto hätten. Und ich glaube, dieser Kostenvorteil wird am Ende entscheidend sein.

Welty: Sie sagen, das selbst fahrende Auto ist sehr sicher. Aber auf der anderen Seite machen ja nicht nur Menschen die Fehler, sondern auch die Technik, und vor allem IT tut nicht immer das, was sie soll.

Selbstfahrer-Autos machen den Verkehr sicherer

Rojas: Ja, aber ich denke, dass sieht man bei Flugzeugen. Die Fehlerrate, das heißt, die Unfälle bei Flugzeugen sind viel niedriger als bei dem Verkehr auf der Straße. Und solche Zahlen, solche Sicherheit kann man auch erreichen, wenn man zum Beispiel Autos hat, die miteinander kommunizieren, die sind ständig in Kontakt miteinander. Und wenn die Autos an die Kreuzung kommen, da weiß schon ein Auto, wer zuerst fährt, wer der Nächste ist. Die können sich koordinieren, etwas, was Menschen nicht per Telepathie machen können. Die Autos, die Computer der Zukunft werden das machen können, und so wird das Fahren sicherer sein.

Welty: Aber auch am Flugzeug oder mit dem Flugzeug hat es zum Teil unter Autopilot fatale Unfälle gegeben. Und wenn ich mir angucke, wie mein Computer manchmal reagiert, dann weiß ich nicht, ob ich das in einem Auto haben möchte.

Rojas: Na ja, man braucht natürlich ein zweifaches System oder ein dreifaches System, das heißt zwei Computer, drei Computer, die sich um das Steuern kümmern, und es gibt natürlich diese Frage, ob die Autos wirklich am Ende sicherer sein werden, als sie es heute sind. Ich denke, dass die technischen Voraussetzungen schon zum Teil gegeben sind. Man braucht aber viele Tests, man muss viele Millionen von Kilometern fahren, sodass die Menschen am Ende sehen, es ist wirklich sicherer als bis jetzt.

Weniger tödliche Autounfälle in Europa

Welty: Wie sicher ist die Technik rund um das selbst fahrende Auto, denn es braucht ja eine Menge Datenverkehr über Start, Ziel, Strecke und so weiter?

Rojas: Man braucht viele Voraussetzungen. Eine Voraussetzung ist, dass man die Karten der Städte hat. Man braucht dann einen Computer, der diese Daten verarbeiten kann, und man braucht auch im Auto selbst viele Komponenten, die miteinander kommunizieren. Das ist eine technische Herausforderung. Die Autoindustrie arbeitet schon seit vielen Jahren daran, diese Komponenten sicherer zu machen, arbeitet daran, die Unfälle auf der Straße zu reduzieren. Das ist auch gelungen, in Europa sind die tödlichen Unfälle stetig zurückgegangen, und das will man auch in der Zukunft fortsetzen.

Welty: Der Informatikprofessor Raúl Rojas über sein selbst fahrendes Auto, und ich wünsche immer eine Handbreit Abstand vor der Stoßstange. Vielen Dank fürs Interview!

Rojas: Bitte!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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