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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 01.08.2016

Selbstbewusst und kritischVerschleierte Frauen - jenseits der Klischees

Von Tunay Önder

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Muslimische Studentin mit Kopftuch während des Galaabend im Auswärtigen Amt Berlin zugunsten des Studiengangs „European Studies". (picture alliance / Andreas Keuchel)
Muslimische Studentin während des Galaabend im Auswärtigen Amt Berlin zugunsten des Studiengangs „European Studies“. (picture alliance / Andreas Keuchel)

Seit der Aufklärung steht die freizügig gekleidete Frau für Freiheit. Wer sich heute zu sehr verhüllt, wird oft als rückständig wahrgenommen. Unterdrückt und unfrei - so wird das Klischeebild der Kopftuchträgerin meist gezeichnet. Diese Bilder sind aber trügerisch.

Warum noch mal Kopftuch? Wir hatten die Debatten rauf und runter?

Ja, das stimmt. Ich habe auch vor zwei Jahren schon gedacht: Hey, es muss dazu ein cooles Radiofeature geben und hat dann erst vor einem Jahr hingehauen. Ja.

Wer spricht und gehört wird, hat Macht. Diese Macht aber ist ungleich verteilt. Im schlimmsten Fall – wenn man nicht über sie verfügt – macht sie einen zum Objekt. Zum Objekt der Diskurse. Der Diskurse derjenigen, die sprechen und die gehört werden, derjenigen also, die Macht haben.

Ja, es ist einfach die Unzufriedenheit, wenn man Zeitungen aufschlägt oder wenn man Radio hört – immer dieser einseitige Blick, die einseitige Perspektive auf Muslime, auf muslimische Frauen, auf die Kopfbedeckung.

Ein Beispiel: Die bedeckten muslimischen Frauen in Deutschland. Nicht erst seit dem Aufflammen von Pegida und AfD ist die verschleierte muslimische Frau wieder zum Objekt geworden. Ein Objekt auf das Ängste, Komplexe und Wahnvorstellungen projiziert werden. Das Bild von zwei durchgestrichenen Frauenfiguren in schwarzem Schleier ist das Aushängeschild antimuslimischer Stimmungsmache. In ihrem Anblick verdichtet sich die vermeintliche Gefahr der "Islamisierung des Abendlandes".

Deswegen find ich es einfach wichtig, da eine Balance zu schaffen und zu sagen: Hey, lasst uns doch einfach mal die Frauen selbst, die sich bedecken: Ich will mal deren Stimme hören.

Das Bild der muslimischen Frau – schwarz, stumm und entindividualisiert – kursiert durch die Medien des Landes. Auch deshalb, weil diese Frauen überhaupt keinen Zugang zur Öffentlichkeit, zu Sprachplattformen haben. Die Chancen dafür sind ungleich verteilt.

Da steckt auch gar nicht so ein Riesenunterbau jetzt dahinter.

Aus diesem Grund bloggen und schreiben muslimische Frauen zunehmend auf alternativen Medien. Gegen das Fremdbild, das über sie konstruiert wird. Ich treffe drei von ihnen zu einem Gespräch: Emine Aslan, Linda Brahimi und Daniela Islami.

Wer führt den Diskurs über verschleierte Frauen?

1. Die Diskurshoheit über muslimische Frauen hat die Mehrheitsgesellschaft.

Der Diskurs findet statt in Orten der Wissensproduktion, was weiß ich: im Radio und auch in der Wissenschaft und da sehe ich halt immer Menschen, die über diese Frauen, über Muslime auch im Allgemeinen sprechen, Wissen produzieren und ja, so einen Diskurs schaffen und das finde ich nicht fair.

Emine Aslan: "Wenn man sich zum Beispiel auf irgendein anderes Kleidungstück bei der Frau konzentrieren würde, und würde das auf die gleiche Art und Weise zum Politikum machen, dann hätten wir einen feministischen Aufschrei, wie sonst was. Das hat beim Thema Kopftuch sehr lange gedauert, bis das auch im Mainstream-Feminismus angekommen ist in Deutschland, dass das auch ein Teil der Selbstbestimmung der Frau ist, dass sie das Kopftuch trägt."

Emine Aslan ist angehende Soziologin, die derzeit ihren Master an der Goethe Universität in Frankfurt macht. Es stört sie, dass der Diskurs oftmals über muslimische Frauen geführt wird, aber selten ihrerseits initiiert wird.

"Die muslimische Frau müsste selbst bestimmen, wann sie Lust hat über ihr Kopftuch zu reden. Ob es überhaupt notwendig ist, das nochmal zu thematisieren."

Auf ihrem Blog "diaspora reflektionen" klinkt sich Emine deshalb eigenmächtig in den öffentlichen Diskurs ein, und schreibt über ihre Erfahrungen und Einsichten als muslimische Frau mit Migrationsgeschichte, die sich in Deutschland vorkommt, wie in der Diaspora: zur Fremden gemacht und als anders markiert.

"Du hast das Gefühl, du kaust es immer wieder durch. Du kaust immer wieder das Gleiche durch. Egal wie wohlmeinend die Diskurse darum sind, es wird halt immer noch verhandelt. Das finde ich sehr merkwürdig. Dann bist du halt immer hin- und hergerissen, rede ich jetzt überhaupt gar nicht mehr darüber oder versuche ich einfach den Diskurs, der darüber geführt wird, zu verändern."

Zusammen mit anderen Politaktivistinnen organisiert Emine Veranstaltungen an der Universität zum Thema Islamophobie, Rassismus und Feminismus. Es geht ihnen nicht um das Kopftuch an sich, sondern um die Frage, warum das Kopftuch problematisiert wird.

"Also meiner Meinung nach ist das größte Problem für Frauen in Deutschland, die Kopftuch tragen, nicht, dass sie das Kopftuch tragen, sondern, dass sie aufgrund des Kopftuchs, dass sie tragen, gesellschaftlich ausgegrenzt werden. (...) Der Blick der Mehrheitsgesellschaft muss reflektiert werden."

Woher kommt diese Ablehnung der verschleierten Muslima? Ein negatives Islambild existiert ja nicht erst seit dem Auftauchen des sog. Islamischen Staates oder dem "Bataclan-Anschlag" von Paris. Und wie kann man diesen vorurteilsbeladenen Blick verändern?

Linda versteht nicht, warum das Kopftuch wichtig ist

Über diese Frage spreche ich auch mit Linda Brahimi, eine praktizierende Muslima. Sie ist langjährige Studienfreundin meines Blogkollegen Imad Mustafa. Wir treffen uns alle zusammen auf einen Tee.

Linda Brahimi: "...jetzte mache ich mehr deutsch-algerische Verbindungen. Am Anfangs war's nur Französisch, ich konnte ja Algerisch nicht so gut früher. Dann fünfzig/fünfzig Algerisch. Dann hat er Deutsch gelernt, jetzt sind wir so Drittel/Drittel/Drittel."

Linda Brahimi ist mit einer deutschen Mutter und einem algerischen Vater in Deutschland aufgewachsen. Mit ihrem Mann, der auch aus Algerien kommt, spricht sie deutsch, französisch und algerisch. Dass ihr Kopftuch so wichtig wurde, kann sie sich kaum erklären.

"Ja, dieser Problematik stehe ich auch relativ hilflos gegenüber. Ich kann keinem, der das Kopftuch tatsächlich als das Symbol der Unterdrückung ansieht, - was ja ziemlich weit verbreitet ist, die meisten sind sich einig, es wird so gesehen, als das Symbol der Unterdrückung. Wie ich diesen Leuten begreiflich machen kann, dass das eines der einfachsten Sachen auf meinem Weg als Muslimin ist, für mich persönlich, wenn mir, wie gesagt, von außen nicht so entgegengebläut wird, wie kompliziert und wie schlimm und wie schwierig das sein soll. Und ich habe keine Ahnung wie ich das denen klar machen soll. Du kannst ihnen 50.000 Mal sagen: 'mich hat niemand dazu gezwungen, mein Vater hat nie gesagt: 'Trag Kopftuch' und so, ich wollte das selber.' Da ist etwas, was völlig unbegreiflich ist für diese Leute; oder vielleicht wollen sie es nicht verstehen, sie wollen sich nicht öffnen."

Linda ist nicht nur sprachbegabt, sondern auch sehr belesen. Sie hat Nietzsche, Kant und Schiller genauso studiert, wie den Koran. Gelegenheit dazu fand sie während ihres Studiums der Literaturwissenschaften, aber auch weil sie nebenher im Antiquariat gearbeitet hat, was bei einigen Kunden für Überraschung sorgte.

"Seit ich da ein Kopftuch getragen habe, kam ab und zu die Frage: Arbeiten sie hier? Und das war vorher nicht. Also ich sitze an der Kasse, habe ein Buch in der Hand, tippe den Preis ein und die fragen: Arbeiten sie hier? Das ist die 'Inkompetenz' ...ich so: ja, dachten sie, ich bin hier eh Putzfrau?"

Linda Brahimi trägt seit einigen Jahren einen Hijab, das ist ein Tuch, das die Haare, den Hals und den Ausschnitt bedeckt.

"Ich kann's nicht so geschickt wickeln, deswegen mach' ich diese einfachen Schläuche, die man nur so drüber ziehe muss und das war's. (...) Meine Mutter hat es mir ja nicht zeigen können, und meine Tanten tragen‘s auch nicht, die könnten mir's zeigen, aber ich hab sie nicht gefragt."

Das Tuch beschreibt sie als eine Banalität, so normal wie für andere die Hose. Kein Statement nach außen, sondern ein persönlicher Ausdruck ihrer religiösen Musikalität.

"Ich trag, glaub ich, seit Jahren, drei vier Kopftücher im Wechsel, und hab vielleicht ein schickes für Weggehen oder so, und ansonsten, ich zieh mich irgendwie an, und dann gucke ich, welches Kopftuch passt, und das war‘s."

Pragmatisch interpretiert Linda auch die Passage aus dem Koran, aus der die Verschleierung der Frau als religiöse Pflicht abgeleitet wird: Das Tuch als ein praktischer Schutz im Alltag, um den weiblichen Körper nicht den Blicken der Allgemeinheit aussetzen zu müssen.

"...die Regel ist ja: Kopftuch tragen oder sein Tuch über sich hinunterziehen, dass man erkannt und nicht belästigt wird. Und das hat sich bei mir ziemlich erfüllt. Es ist wirklich entspannter für mich, jetzt durch die Straßen zu laufen. Nicht, weil man damit jetzt sagen will: 'oh mein Gott, ich war so attraktiv, alle wollten mich', sondern, weil es einfach bei vielen Männergruppen, wenn sie erstmal zusammen sind, ein Prinzip ist, alles, was weiblich aussieht, dumm anzumachen. Das hat nichts damit zu tun, dass man besonders hübsch ist. Und seit Kopftuch gibt es das einfach nicht mehr. Also es führt zu einem Erkennen und eine dann in Ruhe lassen."

Verschleierung in Deutschland versus Saudi-Arabien

2. Verschleierung in Deutschland ist etwas anderes als in Saudi-Arabien

Ich denke, dass ich, wenn ich in Saudi Arabien aufgewachsen wäre, denke ich würde ich eher ein Radiofeature machen über Frauen, die sozusagen kein Kopftuch tragen und dass das total ok ist und dass man dafür Verständnis haben muss oder sollte.

Allahu Ekbar... Oh, mein Ezan-Wecker. Den habe ich geschenkt bekommen.... Allahu Akbar, Allahu Akbar....

Den find ich so cool. Ich habe mich so darüber gefreut. Ich mach ihn mal aus, der ist nämlich lang. Meine Kinder fanden das sehr traurig, dass man das hier nicht hört. Die fanden das so schön in Mazedonien, wenn man den Ezan gehört hat....

Daniela Islami lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in einer fränkischen Kleinstadt. Vor einigen Jahren konvertierte sie zum Islam. Seitdem bedeckt sie ihr Haupt und ihren Körper in der Öffentlichkeit und ist in der muslimischen Gemeinschaft von Bamberg sehr aktiv.

Daniela Islami: "Das Lustige ist, dass ich mit Kopftuch viel sympathischer ausschaue. Früher haben die Leute nicht getraut mit mir zu reden, weil sie gedacht haben, die ist so kühl, bestimmt unfreundlich und unhöflich, und ich kann ja an meinem Gesichtsausdruck nichts ändern, meine normaler Gesichtsausdruck ist halt ein bisschen reserviert und seitdem ich bedeckt bin, denken die Leute, dass ich viel netter bin."

Außerhalb der muslimischen Community muss sie sich allerdings immer wieder die Frage anhören, ob sie denn nun die misslichen Lebensumstände afghanischer Frauen gut heiße.

"Was mir wichtig ist, dass man, wenn man von Bedeckung spricht, genau formulieren muss: Wo meine ich das? Bedeckung in welchem Umfeld? Und es ist ein Unterschied, ob ich sage, die bedeckte Frau in Syrien, oder in der Türkei oder in Deutschland. Das ist vollkommen unterschiedlich, auch in Amerika oder England, wenn man vergleicht. Und in Deutschland ist es die Tatsache, dass es schwieriger ist, gefährlicher ist und viel mehr Selbstbewusstsein fordert mit Verschleierung auf die Straße zu gehen wie ohne. In muslimischen Ländern ist das wohl andersrum, aber in Deutschland fordert es, dass man ein dickes Fell hat, sehr selbstbewusst ist und sich darauf einstellen muss, ständig provoziert zu werden, und beleidigt und schlechter behandelt und gedemütigt zu werden. Und um das auszuhalten, muss man sehr stark sein."

Ist das Kopftuch eine Geste des Aufbegehrens?

Es scheint, als wäre Emanzipation eine Frage gesellschaftlicher Bedingungen. Dort, wo Frauen dazu gedrängt werden sich zu verhüllen, emanzipieren sie sich, indem sie sich von den Tüchern befreien. Da, wo Frauen unter Druck gesetzt werden ohne Verhüllung ihres Körpers zu leben, ist es ein emanzipatorischer Akt, wenn sie zu ihrer Bedeckung stehen. Denkt man an die Ressentiments, die die Britischen Missionare in Indien zu Beginn des 19. Jahrhunderts, gegenüber der Sari hegten, oder an Frankreichs Kolonien, in denen Musliminnen gezwungen wurden, die Verschleierung abzulegen, dann kann man in der Haltung muslimischer Frauen auch einen anti-kolonialen Ausdruck erkennen. Eine Geste des Aufbegehrens gegen die westliche, säkulare Norm und dessen Kleiderordnung.

"Ich wurde oft gefragt: 'Fehlt dir nichts?' Ich wüsste nicht auf welchem Gebiet? Mir hat nie was gefehlt, das ich vermisse, was ich jetzt nicht mehr tun kann."

Sichtbar muslimische Frauen deuten ihre Verschleierung positiv, sie tragen die Tücher freiwillig und bringen eine ganz ungewohnte Ästhetik der Emanzipation hervor - über alle Widerstände hinweg, egal was die anderen über sie denken.

"Man hat genauso viel Spaß. Wenn man neu Muslim wird, dann denken alle immer: Oh Gott, jetzt ist dein Leben vorbei, du bist immer traurig, einsam und hässlich. Nein?! Muslimische Frauen haben genauso viel Makeup wie nichtmuslimische Frauen, und tragen auch genauso viel an Menge jetzt, die haben genauso schöne und verrückte Klamotten. Man kann auch schwimmen gehen, konnte man schon immer, die Frage war halt: Wie möchte man schwimmen gehen? Im Iran gab es schon immer Frauentage in den Schwimmbädern. Das ist völlig normal. Es ist nicht so, dass einem was fehlt."

Muslimische Frauen werden geordnet wie Objekte

3. Muslimische Frauen werden hierarchisiert

Man macht die Frauen zum Objekt und sagt: Ah ja, da gib es die Guten! Und da gibt es die Schlechten und die werden soundso bewertet und Du ermächtigst dich quasi über eine Gruppe von Menschen.

Neben negativen Markierungen als defizitär, werden muslimische Frauen im öffentlichen Diskurs auch immer wieder eingeordnet und bewertet; eingeteilt in die Gruppe der Tolerierten - die mit bunten Kopftüchern; oder abgeschoben in die Gruppe der Disqualifizierten - die mit schwarzem Schleier.

"Da gibt es sehr viele, die dann sagen: Oh, die trägt Kopftuch und sie raucht. Und das ist mir dann egal, ob sie raucht – ist so oder so schlecht – und dass sie Kopftuch trägt, dann macht sie wenigstens das, immerhin. Da würde ich dann nicht sagen, dann bitte auch nicht rauchen, nur weil man dann ein komisches Bild abgibt."

Mit erhobenem Zeigefinger wird auf Frauen gezeigt, die sich mal zu viel, mal zu wenig oder mal zu pompös, dann wieder zu bunt oder zu schwarz, zu reizend oder zu schlampig verhüllt haben. Stets auf der Suche, den Fehler im religiösen Leben der Muslima zu entlarven.

"Was mich halt stört, ist, wenn Leuten, entweder den Bartträgern unter den Männern – den überzeugten Bartträgern – oder eben Kopftuchfrauen, wenn denen dann Heuchelei vorgeworfen wird, weil sie irgendwas nicht ganz richtig machen. Mein Gott, man versucht halt das, was man kann! Und wenn Kopftuch dazugehört, sehr gut. Ich sehe da keine Heuchelei. Ich sehe da, wie jeder andere: manche Sachen laufen gut und manche nicht, fertig."

Emine lehnt die Hierarchisierung muslimischer Frauen ab. Sie empfindet die Einteilung und Bewertung entsolidarisierend.

Emine Aslan: "Oder, was auch sehr oft höre: 'Ja, ja sie ziehen sich total gut an, ich wünschte die Anderen würden sich auch so anziehen, immer diese einseitigen Farben, das finde ich schrecklich.' Und da sage ich auch immer: Sie können mir gerne ein Kompliment machen, aber das berechtigt sie nicht im nächsten Schritt das, was eine andere Frau macht, abzuwerten, herabzuwerten."

Wer spricht eigentlich für wen?

4. Es gibt ein Problem der Repräsentation

Es dreht sich eigentlich immer wieder um dasselbe also wer spricht eigentlich für wen.

Jahrelang waren Migrantinnen und Migranten Gegenstand eines öffentlichen Diskurses und wurden von der Mehrheitsgesellschaft immer im Kontext von Defiziten, Problemen und Gefahren besprochen. Das Problem der Repräsentation ist ein altbekanntes und aktuelles zugleich. Man spricht und urteilt über Menschen mit bestimmten Merkmalen, - sie selber kommen aber kaum zu Wort. Das Repräsentationsproblem kehrt nun auch in der Kopftuchdebatte wieder.

"Ich stell mir das immer so vor, du bist in so einer Arena und außen rum sitzen die ganzen Leute, die meinen alles besser zu wissen als die Frauen, die selber davon betroffen sind. Und irgendwie sitzt du in dieser Arena und darfst mittlerweile mitreden, aber du wirst immer noch besprochen. Früher durftest du noch nicht einmal mitreden, da wurde die ganze Zeit über dich geredet, jetzt darfst du mitreden, aber theoretisch ist es immer noch so ein: ja, aber warum, wieso. Und genau das ist das, wo meiner Meinung nach sehr viele Frauen versuchen gerade auch einfach auszubrechen, einfach eine Selbstverständlichkeit zu werden."

Statt ihre Selbstbestimmung anzuerkennen, prägen islamophobe Vorurteile das öffentliche Bild der verschleierten Muslima. Sie gelten als unterdrückt, konservativ, undurchschaubar, nicht vertrauenswürdig, anti-demokratisch, unemanzipiert, zurückgeblieben, fremdbestimmt, fundamentalistisch, radikal, aggressiv, beängstigend. Diese Vorurteile gegenüber muslimischen Frauen finden sich auch unter Feministinnen.

"Der Mainstream-Feminismus in Deutschland und Europa ist in seiner gegenwärtigen Phase vor allem anti-islamisch", schreibt die englische Philosophin und Feministin Nina Power in ihrem Buch "Die eindimensionale Frau". Die gläubige islamische Frau sei zur Antithese einiger konservativer Feministinnen geworden. Die selbstbestimmt bedeckte, muslimische Frau stelle nicht nur die Selbstgewissheit des Mainstream-Feminismus in Frage, sondern auch das weitverbreitete Konzept von Freiheit: Freiheit reduziert auf die Wahlmöglichkeit zwischen konkurrierenden Produkten auf dem freien Markt. Emine sieht das ähnlich.

"Wenn du einmal den Diskurs hast über die muslimische Frau mit Hijab, die vermeintlich unterdrückt ist und dann reproduzierst du auf der anderen Seite als Gegenstück dazu die europäische, emanzipierte nicht-muslimische Frau. Wann ist es ok, wenn eine Frau sich auf diese Art und Weise inszeniert und wann ist es nicht ok. Wer entscheidet darüber, wann wieviel Haut eine Frau zeigen darf und wann nicht. Das ist eigentlich das, wo dieser patriarchale Dimension in beiden Diskursen sichtbar wird. Auf der einen Seite äußert es sich halt nur anders als auf der anderen Seite. Auf der einen Seite ist er nochmal rassifiziert und wird von sehr vielen weißen nicht-muslimischen Frauen mitgetragen und auf der anderen Seite wird er einfach unsichtbar gemacht, vor allem durch die Industrie, durch den Kapitalismus."

Diesen Zusammenhang erklärt der französischsprachige Philosoph Alain Badiou sehr anschaulich. Er nennt das Kopftuchverbot ein kapitalistisches Gesetz, das versucht über die Enthüllung der Weiblichkeit zu verfügen.

Zitat von Alain Badiou: "Eine junge Frau muss schon zeigen, was sie zu bieten hat. Sie muss ihre Waren feilhalten. Sie muss zeigen, dass die Zirkulation von Frauen einem verallgemeinerten Modell folgt und nicht einem beschränkten Austausch. Es galt mal als selbstverständlich, dass es ein unantastbares Recht der Frau ist, sich einzig vor der Person ihrer Wahl auszuziehen. Doch nein. Es ist unabdingbar, in jedem Augenblick an das Ausziehen zu erinnern. Die muslimische Frau, die nicht zeigt, was sie zu bieten hat, gilt in kapitalistischen Gesellschaften als Spielverderberin. Sie versucht zu verdecken, was sie auf den Markt bringt; sie ist also keine loyale Marktteilnehmerin, die ihre Waren nicht feil hält, die weder Brüste noch Beine zeigt, sondern sich sogar noch einen Schleier überzieht."

Die Vorstellung, dass man sich daheim herausputzt und schmückt, und sich außerhalb des Hauses eher zurückhält, mag einigen merkwürdig erscheinen. Für Daniela ist das Merkwürdige eher die Emotionalität, mit der manche Feministinnen auf kopftuchtragende Frauen reagieren.

Daniela Islami: "Und ich glaube tatsächlich, dass es keine bewusste Einstellung ist, sondern dass ganz viel unbewusst ist von dieser Ablehnung. Und dass es deswegen auch sehr lange dauern wird bis man mit dem Thema gelassener umgeht. Mich hat total irritiert, dass es enorm emotional aufgeladen ist, vor allem, wenn man mit Frauen redet. Es betrifft sie nicht, sie kennen niemanden, den das betrifft. Es beeinflusst keinen Teil von ihrem Leben und trotzdem stresst es sie."

Alain Badiou verweist auf eine bemerkenswerte Paradoxie, die sich in Frankreich zeige. Er schreibt:

"Die besondere Wut so vieler feministischer Damen auf so wenige kopftuchtragende Mädchen ist merkwürdig. Sie bettelten den armen Präsidenten Chirac an im Namen des Gesetzes hart gegen sie durchzugreifen. Zwischenzeitlich ist der prostituierte weibliche Körper allgegenwärtig. Überall wird die erniedrigendste Pornografie verkauft. Teenager-Zeitschriften überbieten sich Tag für Tag mit Ratschlägen zur sexuellen Zurschaustellung des Körpers."

Daniela Islami, die katholische Theologie studiert, erklärt sich die Wut mancher Feministin auf bedeckte muslimische Frauen aus der christlichen Kulturgeschichte heraus.

"Ich habe eine ganz spezielle Theorie bezogen auf Deutschland. Und zwar ist in Deutschland das Kopftuch ein Symbol gewesen, dass die Frau nun in die Ehe eingeht, unter die Haube kommt. Also man war frei als junges Mädchen, war frei die Haare offen zu lassen und sobald man geheiratet hat, hat man die Haare nicht mehr zeigen dürfen und unterstand dann voll und ganz dem Mann. XX Und es hat Jahrhunderte gedauert, um sich davon zu befreien. Also Jahrhunderte. Und wir sprechen ja jetzt öfter vom kulturellen Gedächtnis und ich glaube, dass das in dem kulturellen Gedächtnis in Deutschland tief verankert ist. Also: Abhängigkeit vom Mann symbolisiert durch Kopftuch, durch Bedeckung der Haare."

Freizügigkeit vermittelt Fortschritt

Der tiefsitzenden Annahme, dass Bedeckung und Unterdrückung miteinander zusammenhängen, beschäftigt auch die beiden Kulturanthropologinnen Christina von Braun und Bettina Matthes.

In ihrem Buch Verschleierte Wirklichkeit zeigen die Autorinnen, warum der Schleier negative Assoziationen auslöst.

"Der Schleier ist nicht nur ein Kleidungsstück, das verhüllt, er ist auch ein uraltes Symbol für das Geheime, das sich dem Blick entzieht. Die westliche Kultur hat das Geheime immer als Aufforderung verstanden, zu neuer Erkenntnis zu gelangen. Die öffentliche Entblößung des Frauenkörpers wurde zum Beleg für ein Wissen um die 'nackte Wahrheit'. Seit der Renaissance und durch die gesamte Wissensgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts hindurch war der entblößte Frauenkörper eine Symbolgestalt für Erkenntnis, Entdeckung und technische Innovation. "

Aus diesem Grund vermittelt die Freizügigkeit weiblicher Kleidung den Eindruck von Fortschritt und Emanzipation, so wie die Frau in Eugène Delacroix' Gemälde "Freiheit für das Volk" aus dem Jahre 1830: barbusig und barfuß ist die Marianne zur Symbolgestalt der Freiheit geworden.

Die Autorinnen von Braun und Matthes zeigen, dass mit diesem Bild von Freiheit gleichsam ein Gegenbild geschaffen wurde. Auf der einen Seite die freizügig gekleidete, emanzipierte Frau, auf der anderen Seite, die verschleierte, unterdrückte Frau, die daneben nicht anders als rückschrittlich und bedrohlich erscheinen kann.

Gleichzeitig verweisen sie mit dem Titel des Buches bereits darauf, wie sehr diese eindrückliche Symbolik die Wirklichkeit verschleiern kann.

"Die entblößte westliche Frau erscheint in der Gegenüberstellung mit der vermeintlich unterdrückten Kopftuchträgerin viel emanzipierter als sie wirklich ist. Durch die Fixierung auf die Muslimin werden ungelöste Probleme des eigenen Emanzipationsprozesses wie zum Beispiel geschlechtersegregierter Arbeitsmarkt, Lohngefälle zwischen Mann und Frau, häusliche Gewalt verdeckt gehalten."

"... und wenn das wahr ist oder wenn Teile davon wahr sind, dann ist es natürlich schwierig, etwas, was sich über Jahrhunderte in Gesellschaften etabliert hat: Bedeckung gleich Unterdrückung, alles Sehen, zu Allem Zugang haben gleich Freiheit, aus dem kollektiven Unterbewusstsein rauszukriegen. Das ist sehr kompliziert und ich habe auch keinen Ansatz wie man das auf intellektueller Basis lösen kann."

Mehr als nur ein Stück Stoff

5. Ist Religiosität jenseits der Christlichen Norm unerwünscht?

Wenn ich in die Klassenzimmer schaue, sehe ich überall Kreuze und wieso sollte eine Frau mit Kopftuch dann nicht auch Lehrerin werden.

Mehr als das Stück Stoff scheint manchmal die Sichtbarkeit des Glaubens an sich zu irritieren. Die unübersehbare Religiosität junger Muslima, die in einer Gesellschaft leben, die sich an einem extrem säkularen Ideal orientiert. Es scheint schwer nachvollziehbar, dass junge Menschen, die in Deutschland sozialisiert wurden, einen religiösen Weg einschlagen und entscheiden, sich zu bedecken. Dabei ist die religiöse Bedeckung auch unter Christen in Deutschland gar nicht so ungewöhnlich. Im bayerischen Umland unterrichten immer noch schwarz bedeckte Nonnen an Schulen. Aber das hat bisher zu keiner hitzigen Debatte geführt wie es angesichts der Kopfbedeckung bei muslimischen Lehrerinnen der Fall war.

Daniela Islami: "...also man kann sich auch nicht auf jüdisch-christliche Tradition berufen und dann nur die christliche Tradition bedienen. Also wenn da überall noch jüdische Symbole wären, dann könnte man so argumentieren, tut es aber nicht. Wir haben die Weihnachtsbäume an den Schulen, die Adventskränze, und ich habe da auch nichts dagegen. Aber die Argumentation ist nicht schlüssig, warum dann die Muslime keine religiösen Symbole haben dürfen. Die Frage ist tatsächlich: Wie definiere ich? Wenn man hier das Kopftuch verbietet, mit der Begründung, dass es ein religiöses Symbol ist, dann muss man das in den Schulen aber erlauben, weil in den Schulen sind religiöse Symbole erlaubt, definitiv."

Religiöse Symbolik scheint also toleriert zu werden, solange es um die christliche Religion geht? Das zeigt sich vor allem, wenn es die Unterschiede in der Religionsfreiheit an Schulen zu rechtfertigen gilt. Der Eindruck der bleibt: Religiosität jenseits der christlichen Norm ist unerwünscht.

"Es gibt ja Bundesländer, wo das nicht so ist, und wo man sagt, bei uns sind grundsätzlich keine Kreuze erwünscht und ähnliches, dann kann man mit der Diskussion kommen. Aber was ist das Ziel in unserer Gesellschaft?"

Wenn wir argumentieren: die Frauen werden unterdrückt. Wie bekomme ich sie aus dem Unterdrückungsverhältnis raus? Am besten durch Bildung. Was passiert, wenn ich die, die unterdrückt werden, sage, du darfst das nicht anziehen, die machen ihre Schule nicht weiter, bekommen keine Bildung und können sich nicht befreien. Du kannst ja nicht sagen: Befrei dich erst mal. Das ist ja kein logisches Argument: Ich will dich befreien, in dem ich dich verhindere, dass du die Mittel zur Befreiung bekommst. Die Leute, die so argumentieren, wollen die ja gar nicht befreien. Die wollen einfach keine Kopftücher sehen.

Gebote, die befreien sollen und doch bevormunden

6. Mediendiskurse beeinflussen die gesellschaftliche Realität

Also wenn man sagt, ja diese Frauen sind unterdrückt, kann man damit auch wirklich Wirklichkeiten also Realitäten schaffen und Zugänge versperren. Dieses Sprechen wirkt sich materiell dann aus. XXX Also dass man wirklich mit Abwertungen mit Ängsten den muslimischen Frauen gegenüber tritt und dies sich wiederum in Gesetzen manifestiert oder eben Zugänge erschwert werden.

Was Frauen wie Emine, Daniela oder Linda als unterdrückend empfinden, ist genau diese gesellschaftliche Sanktionierung, die sich an die äußere Erscheinung, an die Kleidung richtet: mit Geboten oder Verboten, die befreien sollen, aber faktisch weiterhin bevormunden. Was es bräuchte, wäre eine größere Vielfalt von selbstbewussten und autonomen Frauen in der Öffentlichkeit. Das Bild der starken und unabhängigen Frau darf nicht nur für Frauen reserviert sein, die eine bestimmte Kleiderordnung einhalten.

Emine Aslan: "Muslimische Frauen müssen einfach in jeden Beruf reinkönnen, in den sie wollen, und da muss man strukturell sehr viel machen. Es ist auch Repräsentationssache: Wo sehe ich muslimische Frauen. Wenn ich nach England gehe, sehe ich muslimische Frauen an Bankschaltern, muslimische Frauen mit Kopftuch als Polizeibeamtinnen. Hier kann man sich das gar nicht vorstellen. Das ist hier ganz neu, entwickelt sich. Und wenn du ein Bild in der Gesellschaft als Normalität an verschiedenen Positionen vertreten hast, dann verändert sich dadurch auch ein bisschen der Diskurs und wird ein stückweit mehr zur Normalität. Ich würde nicht sagen, dass die diese Repräsentation das ganze Problem löst - in England gibt‘s auch noch sehr viel Probleme mit Rassismus natürlich. Aber das ist auf jeden Fall ein Weg dahin. Also nur mit dem Diskurs an sich wird man nichts verändern können."

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