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Zeitfragen | Beitrag vom 12.07.2021

Selbstbestimmtes SterbenNichts essen und trinken bis in den Tod

Von Bettina Conradi

Eine Vase mit einer vertrockneten Rose und eine Kerze stehen auf einem Tisch. (Unsplash / Andrew Petrov)
Beim sogenannten Sterbefasten wird freiwillig die Zufuhr jeglicher Nahrung und Flüssigkeit eingestellt. (Unsplash / Andrew Petrov)

Schwerstkranke und Hochbetagte, die nicht mehr leben wollen, haben in Deutschland nur wenige Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes Sterben. Eine ist der "Freiwillige Verzicht auf Essen und Trinken", umgangssprachlich auch "Sterbefasten" genannt.

Antons Mutter ist 53 Jahre alt und schwer krank. Brustkrebs. Der Beginn der Therapie war hoffnungsfroh und zunächst erfolgreich, aber jetzt, etwa eineinhalb Jahre nach der Diagnose und Metastasen auf der Haut, in der Lunge, in der Leber und in der Wirbelsäule, ist jede Aussicht auf Genesung zerstört. Die Tage sind bestimmt vom Schmerz. An ein "normales" Leben ist nicht mehr zu denken. Immer hat sie selbstbestimmt gelebt, es ist ihr fester Wunsch, auch selbstbestimmt zu sterben. Sie trägt Suizidgedanken mit sich herum und spricht auch mit Anton, ihrem erwachsenen Sohn darüber und bittet ihn ganz direkt um Hilfe.

"Natürlich wurde es dann echt, aber das Verständnis dafür, dass meine Mutter kein Pflegefall sein möchte, dass das für sie nicht der richtige Weg ist, das Bewusstsein hatten wir schon immer."

Für die Familie, also den Ehemann und die beiden erwachsenen Kinder ist dieser Wunsch zwar bedrückend, doch zugleich ist klar, dass sie sie unterstützen wollen. Aber so einfach ist das in Deutschland nicht. Suizidbeihilfe durch Angehörige ist zwar auch im Jahr 2017 nicht strafbar, aber ein Weg ist damit noch lange nicht vorgezeichnet.

"So zynisch und absurd das klingt", sagt Anton, "natürlich habe ich mich damit beschäftigt. Welche Möglichkeiten hat meine Mutter, sich ein würdevolles Ende zu verschaffen, wie sie es sich vorgestellt hat? Das ist jetzt nicht das Beste für den Browser-Suchverlauf, wenn man sich damit beschäftigt."

Die Reise in die Schweiz als letzter Ausweg?

Als einzige Option scheint eine letzte Reise in die Schweiz zu bleiben, um dort Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen: bekannt, legal, gewissermaßen "renommiert". Die Familie wendet sich an den Verein "Dignitas". Sie bereiten alles vor, sie halten sich bereit, die hohen Kosten und die für die Mutter beschwerliche Reise auf sich zu nehmen. Aber die Bearbeitung des Antrags bedarf Zeit – bis zu drei Monate. Für Antons Mutter beginnt eine quälende Phase der Ungewissheit, die sie zudem unter starken Schmerzen verbringt.

Dann übernimmt ein Palliativmedizinisches Zentrum, das auch mobil arbeitet, die Behandlung von Antons Mutter. Ein echter Lichtblick ist für sie die Beratung durch eine Palliativärztin des Teams, erzählt Anton.

"Sie hat erst mal abgecheckt, wie eigentlich der Lebenswille und wie die Situation meiner Mutter ist. Und hat auch erst einmal so klargemacht: ‚Sie haben abseits von dieser Erkrankung ein schönes Leben, Familie. Wir kriegen Sie so hin, dass wir Ihnen die Schmerzmittel geben, dass Sie keine Schmerzen haben‘ und so weiter. Meine Mutter muss aber relativ eindrücklich deutlich gemacht haben, dass das alles Tropfen auf den heißen Stein sind und dass sie das eben möchte. Und ab dem Moment, wurde sie eben auch unterstützt von der Ärztin. Auch in der Entscheidung, dass es diese Möglichkeit gibt, auf sämtliche Zufuhr von Nahrungsmitteln und Flüssigkeiten zu verzichten und so den Tod, ich nenne es jetzt mal, zu beschleunigen."

"Sterbefasten" heißt es umgangssprachlich

Freiwilliger Verzicht auf Essen und Trinken, FVET, wird umgangssprachlich auch "Sterbefasten" genannt. Es bedeutet, auf Essen und Trinken zu verzichten, mit der Absicht, den eigenen Tod herbeizuführen – eine auf den ersten Blick vielleicht gleichermaßen naheliegende wie abwegige Möglichkeit.

"Es gibt ja diesen Spruch: ‘Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.’ Wenn aber der Körper und die Seele sich trennen wollen, dann braucht man dieses Essen und Trinken nicht mehr."

Christiane zur Nieden war bereits seit vielen Jahren als Sterbe- und Trauerbegleiterin tätig, als sie schließlich ihre eigene Mutter mit 88 Jahren beim freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit begleitet. Trotz des zum Teil beschwerlichen Weges wendet sich zur Nieden gegen die Bewertung des "Freiwilligen Verzichts" als "Verhungern und Verdursten".

"Wenn ich Sie jetzt in einem Aufzug einschließen würde und drei Wochen lang könnten Sie nicht raus, dann würden Sie verhungern und verdursten. Es ist aber ein vollkommen anderer Tatbestand, wenn man sich selbstständig dazu entschließt, weil man nicht mehr möchte."

Der Prozess ähnele einem natürlichen Sterbeprozess, der bei vielen hochbetagten Menschen intuitiv und physiologisch am Ende des Lebens einsetze, wenn Hunger- und Durstgefühl ausbleiben und Essen und Trinken zurückgewiesen werden. Beim "Freiwilligen Verzicht" allerdings steht ein bewusster Entschluss am Anfang, der auch so formuliert wird.

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Sylvana Urban, Ärztin für Palliativmedizin und Leiterin eines Spezialisierten ambulanten Palliativteams in Weimar, erklärt, dass der für diesen Weg umgangssprachliche Begriff des "Sterbefastens" irreführend sei, weil etwa beim Heilfasten das Trinken ja elementarer Bestandteil der Methode sei – hier jedoch wegfalle. Letztlich gehe es beim FVET darum, gerade durch den Verzicht auf Flüssigkeit, ein Nierenversagen herbeizuführen:

"Dass es natürlich durch den Entzug der Flüssigkeit, zu einer Urämie, zur Ansammlung von Giftstoffen kommt, die dann letzten Endes zum Nierenversagen und damit zum Organversagen und zum Sterben führen."

Bei einer dauerhaften Reduktion der Flüssigkeitsmenge auf unter 50 ml pro Tag stellt die Niere ihre Funktion nach und nach ein. Der Verzicht auf Essen und Trinken – trocknet den Körper langsam aus, es setzt ein Hungerstoffwechsel ein, Giftstoffe werden nicht mehr ausgeschieden, es ergibt sich zudem eine Sauerstoffunterversorgung des Gehirns. Langsam entwickelt sich eine Bewusstseinstrübung bis hin zu tiefer Bewusstlosigkeit. 

Nur sehr wenige entscheiden sich für FVET

Diesen Weg ganz allein zu gehen, sei schlichtweg unmöglich und nur nach sorgfältiger Abwägung eine Möglichkeit für schwer Kranke oder hochbetagte Menschen. Es sind nicht sehr viele Menschen, die diesen Weg wählen. Einer Studie in den Niederlanden zufolge, entfallen auf den "Freiwilligen Verzicht" rund zwei Prozent aller Sterbefälle. Der Prozentsatz anderer Studien liegt noch deutlich darunter. Auch Sylvana Urban kann die Menschen, die sie in ihrer zehnjährigen Zeit als Palliativärztin in der ambulanten Versorgung dabei begleitet hat, an etwa zwei Händen abzählen.

"Natürlich muss man als Arzt auch sensibel sein für den Wunsch der Menschen, zu sterben. Und ich höre ganz oft in dem Sterbewunsch eigentlich den Wunsch, so nicht länger leben zu wollen. Wenn man Patienten kennenlernt, führt man ganz intensive Gespräche und entwickelt ein Gefühl dafür, wie der Weg für den Patienten sein könnte oder welchen Weg er sich wünscht. Und es entsteht ja auch eine Beziehung. Und dass ich das vorschlage, ist nicht das richtige Wort. Aber wenn es keinen anderen Ausweg für den Patienten gibt, denke ich auch, dass es ärztliche Pflicht sein kann, auf diesen Weg hinzuweisen."

Für Antons Mutter und für die Familie ist der Kontakt zu ihrer betreuenden Palliativärztin ein großer Lichtblick. Sie fühlen sich mit ihrem Anliegen verständnisvoll beraten, und Antons Mutter fasst ihren Entschluss für einen "Freiwilligen Verzicht" schnell, erzählt Anton.

"Das ist die eine Möglichkeit, die würdevoll, im familiären Rahmen, zeitnah durchgeführt werden kann. Und dann gab es nichts mehr zu überlegen, die Entscheidung gehen zu wollen, wenn es eine Möglichkeit dieser Art gibt, die war gefallen lange vorher.

Jetzt, an diesem Punkt kann sie endlich das Zepter wieder in die Hand nehmen und trifft die Entscheidungen wieder selber. Nicht gehetzt von irgendwelchen medizinischen Schritten. Etwas zu tun. So absurd es klingen mag, aber für sie war das, glaube ich, war das wichtig. Und so reagierte sie auch. Sie war beruhigter als davor."

Kein schneller und leichter Weg zu sterben

Die betreuende Palliativärztin bindet die Familie ein, führt Gespräche mit allen, lässt viel Raum für Fragen. Wenn es bei nahen Angehörigen große Zweifel oder Ablehnung an einem solchen Entschluss gibt, habe sie sich auch schon im Rahmen ethischer Fallbesprechungen mit den Angehörigen und Vertretern unterschiedlicher Disziplinen um Vermittlung bemüht, sagt Sylvana Urban.

"Es hat kein Angehöriger das Recht, sozusagen ein Veto einzulegen und dem Patienten das nicht zu gestatten. Also die Selbstbestimmung des Patienten steht auch bei dem freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit über allem. Aber es ist einfach auch für das Weiterleben der Angehörigen wichtig, eine Akzeptanz und einen Respekt und ein gewisses Einverständnis zu erreichen. Weil praktisch dann ja auch eine Zusammenarbeit notwendig ist und weil klargestellt werden muss, dass der Patient letzten Endes der Bestimmer ist, vor Zeugen nochmal besprochen wird, bevor entschieden wird. Und es gibt ja dann auch so etwas wie vielleicht Schuldgefühle. Und vielleicht gibt es dann, übertrieben gesagt, im Dorf jemanden, der sagt: Wir haben nicht geholfen. Das muss ja alles besprochen und klargestellt sein."

Sterben durch freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken, wird im Rahmen unterschiedlicher Erhebungen als meist friedvoller Weg charakterisiert. Pflegefachpersonen in Oregon gaben bei einer Befragung acht von neun möglichen Punkten, was der Bewertung ‚very good death‘ entspricht. Es ist jedoch kein schneller oder leichter Weg. Abhängig von individuellen Voraussetzungen kann es auch bei schwer kranken oder bereits geschwächten Personen bis zum Tod zwischen sieben und 14 Tagen dauern, manchmal auch länger.

"So eine Entscheidung zu treffen", formuliert Sylvana Urban die Voraussetzungen, "setzt meines Erachtens Mut voraus. Es setzt auch Willenskraft voraus, es setzt Durchhaltevermögen voraus und eine gewisse Geduld. Und man muss im Leben Menschen gehabt haben, die einen begleiten, die einen auch jetzt im Sterben begleiten."

Es braucht juristische Absicherung

Freiwilliger Verzicht auf Essen und Trinken: "Wenn man diesen Begriff im Ganzen sieht", sagt Oliver Tolmein, Fachanwalt für Medizinrecht, "freiwilliger Verzicht steckt da drin. Die Freiwilligkeit. Es muss der freie Wille sein. Es steckt da drin der Verzicht. Das heißt, es muss etwas sein, was ich an sich haben kann. Und dann kommt das Essen und Trinken. Und wenn wir diese, ich würde jetzt mal sagen, Tatbestandsmerkmale, obwohl das ja gar kein Straftatbestand ist, aber wenn wir die haben, dann ist der Jurist glücklich, und dann haben wir da, glaube ich, relativ wenig Probleme."

Ein Patientenverfügungsdokument liegt in einer offenen Schublade. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)Eine Patientenverfügung ist wichtig, doch sie allein sichert einen "Freiwilligen Verzicht" nicht ab. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Um Essen und Trinken einzustellen, bedarf es auf den ersten Blick wenig, eigentlich nichts.  Und doch braucht es Vorbereitungen, um den Weg für alle Beteiligten gut zu regeln. Für Ärztinnen wie Sylvana Urban bedeutet das auch Klärung von Voraussetzungen:

"Ich bin als Arzt verpflichtet, zu überprüfen, ob die Entscheidung für den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit wirklich frei verantwortlich getroffen wird, ob der Patient überhaupt entscheidungsfähig ist, ob er informiert genug ist, ob er sich der Tragweite seiner Entscheidung auch bewusst ist, ob er sich wirklich freiwillig entscheidet und kein sozialer Druck besteht. Und vor allen Dingen muss ich vorher auch klären, ob eine psychiatrische Erkrankung besteht, die ihn vielleicht zu dieser Entscheidung gebracht hat."

Mit einer bestehenden Patientenverfügung allein lässt sich ein "Freiwilligen Verzicht" nicht absichern, da hier nur Fragen der medizinischen Behandlung geregelt werden. Das kann bei Menschen der Fall sein, die künstliche Ernährung erhalten oder erhalten sollen und entscheiden, darauf zu verzichten. Essen und Trinken selbst und damit auch das Anreichen von Nahrung oder Getränken, fällt in den Bereich der Basisversorgung, welche nicht über eine Patientenverfügung geregelt ist.

"Auch nochmal der Hinweis, dass auch der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit dokumentiert werden muss", sagt Sylvana Urban, "dass das damit beginnen kann, dass der Patient nochmal schriftlich seinen Sterbewunsch formuliert und begründet und dass dann auch im Verlauf dokumentiert wird, was sich an Veränderungen ergibt und wie der Weg ist, damit auch nachvollziehbar ist, dass nichts getan wird, um den Patienten in irgendeiner Weise da zu beeinflussen, unter Druck zu setzen oder mit Medikamenten irgendetwas Falsches zu tun."

Eine Patientenverfügung allein reicht nicht

Medizinrechtler Oliver Tolmein bekräftigt das: "Es ist immer gut, zur Patientenverfügung noch etwas dazu zu haben, was beschreibt, in was für einem Kontext das Ganze stattfindet, was mein eigentliches Ziel ist. Und warum ich das irgendwie nicht möchte. Das ist nicht gesetzlich vorgeschrieben, aber das ist was, was allen Beteiligten das Leben oder von mir aus auch Sterben etwas einfacher macht. Und das möglichst vielleicht auch noch mit jemandem besprochen zu haben, was ja bei so einem Prozess wie "Freiwilligen Verzicht" auf Essen und Trinken klassischerweise eher geschieht, als wenn ich mich mit der Pistole in den Kopf schieße."

Trotzdem ist eine Patientenverfügung wichtig, so Tolmein:

"Und ich muss dann den Fall bedenken, der auch nicht selten vorkommt, dass irgendwann in diesem Prozess ich vielleicht meinen freien Willen verliere, ja, dass ich einfach in ein Delir gerate oder Ähnliches und dann nicht mehr frei entscheiden kann. Und für diesen Fall brauche ich eine Patientenverfügung."

Personen mit psychischen Vorerkrankungen haben es in Zusammenhang mit einer Entscheidung für die Beendigung ihres Lebens auch durch einen "Freiwilligen Verzicht" unter Umständen schwerer, weil ihre Freiverantwortlichkeit in Zweifel stehen kann.

"In solchen Fällen könnte es auch sinnvoll sein, ergänzend jemanden zu bevollmächtigen, Entscheidungen zu treffen oder zu verhindern, dass irgendetwas gemacht wird, was nicht im eigenen Sinne ist. Bei Menschen mit beginnender Demenz, bei Menschen unter 18, bei Menschen mit psychischen Erkrankungen, die schubweise verlaufen, bei Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen. Da würde ich, ehrlich gesagt, immer raten, vorher eine relativ genaue Planung zu machen oder sich vielleicht auch vorher mal sogar rechtlich beraten zu lassen."

Selbst wenn die Freiwilligkeit des Entschlusses nicht in Zweifel steht, sollten Vorgehen, Form der Begleitung, auch mögliche Komplikationen genau besprochen werden, für Sylvana Urban ist das elementarer Bestandteil der Vorbereitungen:

"Es muss vereinbart werden, wie z.B. die Schmerztherapie weitergeführt wird, welche Bedarfsmedikamente vielleicht eingesetzt werden. Er muss wissen, welche Probleme auftreten können, wie der Verlauf einfach sein kann, Wie man bei Problemen dann reagiert. Die Angehörigen müssen Bescheid wissen über Pflegemaßnahmen, die notwendig sind. Komplikationen wären zum Beispiel, dass Phasen des Schlafes mit der zunehmenden Müdigkeit sich abwechseln, vielleicht doch mit Unruhephasen oder mit Phasen der Verwirrtheit. Das Extreme wäre, dass ein Mensch in seiner Verwirrtheit dann vielleicht Essen und Trinken einfordert. Wie geht man damit um? Das muss besprochen werden."

Dem Sterben entgegenleben

"Da gibt's dann eben manche Menschen, die essen dann nochmal zusammen was oder essen nochmal einmal richtig schön zusammen. Was auch immer. Das Lieblingsessen. Trinken nochmal...Keine Ahnung. Ein Glas Sekt… Ist auch völlig egal. Ich neige ja zu sowas. ´– dass ich das eigentlich ’nen schönen Gedanken finde. Aber das hätte überhaupt nicht zu meiner Mutter gepasst. Diese Möglichkeit zu sehen und das anzugehen und dann zu sagen ‚Ja, es gibt jetzt die Möglichkeit… – aber Morgen.‘ Also das ist halt – das hätte überhaupt nicht gepasst. – Ja, das war keine leichte Situation für mich, weil ich einen Anruf bekommen habe, dass es ganz gut wäre, nach Hause zu kommen, weil Mama jetzt nichts mehr isst und nichts mehr trinkt."

Antons Mutter verzichtet sofort nach der Aufklärung auf Essen und Trinken. Anton und seine Schwester ziehen temporär im Haus der Eltern ein, um ihre Mutter mit begleiten zu können. Das erste Mal seit dem Auszug seiner Schwester vor elf Jahren, leben sie wieder eine längere Zeit unter einem Dach.

"Wie ging es uns? Mama war am anfangs sehr, sehr ruhig. Viel geschlafen. Aber kräftemäßig auch sehr schnell abgebaut, muss ich auch sagen. War ich überrascht davon. Sie war natürlich gebeutelt von dieser ganzen Zeit davor, hatte natürlich auch schon körperliche Merkmale, so diese, diese Metastasen auf den Händen, die hat man ja gesehen und an den Füßen. Auch am Zahnfleisch.

Also wir haben auf jeden Fall jeden Tag mindestens einmal Besuch von diesem Team bekommen. Unglaublich unterstützend, unglaublich liebevolle Menschen, ohne dabei zu nahe zu kommen. Bin ich bis heute unfassbar beeindruckt bei dem Gedanken einfach daran."

Sylvana Urban betont die Bedeutung der Angehörigen: "Für uns sind die Angehörigen immer wichtige Team-Mitglieder, und wir passen einfach auch gut auf die Angehörigen auf, kümmern uns manchmal ganz genauso intensiv um die Angehörigen wie um die Patienten. Sicherheit zu geben, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und einfach unsere Erfahrung weiterzugeben und sie auch zu sensibilisieren, was dann für die Patienten in dem Augenblick gerade das Richtige ist."

In den ersten Tagen ist die Entscheidung reversibel

In der Regel tritt bei Menschen, die sich für einen freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken entscheiden, ein mögliches Hungergefühl schnell in den Hintergrund und verschwindet sogar vollständig. Anders beim Durst. Durst könne allerdings zusätzlichen Anlass bieten, die Entscheidung erneut zu thematisieren. Gerade in den ersten Tagen gebe es einen Weg zurück. Das auch immer wieder deutlich zu machen, sei wichtig, denn im Leben wie im Sterben gebe es Ambivalenzen, eine Tür müsse offenstehen, auch zurück zu gehen. Pflegerisch kann auch mit starkem Durst lindernd umgegangen werden, weiß Sylvana Urban:

"Durstgefühl entsteht gar nicht so sehr dadurch, dass der Körper keine Flüssigkeit bekommt, sondern durch Mundtrockenheit. Und man kann z.B. durch eine ganz gute und regelmäßige Mundpflege einem Durstgefühl regelrecht vorbeugen. Und auch da kann man besprechen: Wie soll das passieren? Welchen Geschmack mag der Patient?"

Anton erinnert sich: "Man sprüht dann teilweise mit so einer kleinen Wasserflasche so ein bisschen Feuchtigkeit in den Mund und macht, mit vielleicht so Kokosöl, um einfach diese Schleimhäute feucht zu halten, das haben wir immer gemacht. Ich glaub mal noch zum Kühlen, so ein kleines bisschen, man nimmt so Eiswürfel oder sowas."

"Wir fordern die Familien auch immer auf, miteinander zu reden, einfach zu erzählen, vertraute Stimmen, was vorzulesen", erklärt Palliativmedizinerin Urban. "Die vertraute Serie im Fernsehen kann laufen, die vertrauten Geräusche. Die Familie ist im Zimmer auch des schwerstkranken oder sterbenden Patienten. Und wovor viele Menschen auch Sorge haben: Ganz bewusst Körperkontakt: in den Arm nehmen, sich einfach mal mit ins Bett legen, einfach Nähe, körperliche Nähe geben."

Den Abschied gestalten

Diese letzte, allerletzte gemeinsame Zeit ist in besonderer Weise endlich. Sie ist aber auch eine Zeit, die aktiv gestaltet werden kann. Es gibt Familien, die gemeinsam Fotos ansehen, Stationen oder Konflikte der gemeinsamen Beziehung besprechen oder sogar aufarbeiten, Familiengeheimnisse lüften.

"Und dann gab's so ‘ne Art Hoch, auf das wir auch vorbereitet wurden, wo so eine innere Unruhe bei ihr entstand, wo sie nochmal in den Garten wollte und nochmal im Wohnzimmer auf dem Sessel sitzen und man mit ihr dann eben, gestützt natürlich, dorthin gegangen ist."

Der Garten am Haus hat Antons Mutter immer viel bedeutet. Einen letzten Besuch dort hat Anton in wertvoller Erinnerung.

"Und da sind wir hingegangen. Auch zu viert saßen wir dann nochmal draußen und natürlich nur kurz, Kommunikation war dann schon nicht mehr viel. Es war viel, viel Gefühl, viel. Kurze Ansagen. Und das hatte dann nochmal viel, viel Schönes auch, wenn sie da so saß, als ... ja, kleiner Schatten dieser eigentlich starken Persönlichkeit, auch körperlich bis zur Erkrankung, ja, sehr fitten und gesunden Person.

Also es ist dieses klassische Verabschieden, so wie ich mir das im Film vorgestellt hatte oder im Buch wahrscheinlich. Das ist dann schon passiert. Und natürlich ist man dann auch verzweifelt, und mir war schon auch klar, dass mir etwas fehlen wird. Das wurde in der Phase halt schon klar, weil dann irgendwann natürlich auch die Kommunikation nachgelassen hat, aber trotz alledem hat man eben die Chance genutzt, auch nochmal Sachen anzusprechen, für die man dankbar ist – und das ist einiges.

Irgendwann gibt es dann aber auch den Moment, an dem man sich tatsächlich verabschieden muss. Dann hat meine Mutter eben nur noch geschlafen und es war klar, es wird dann in der Nacht passieren, dass das Herz aufhört zu schlagen. Es hat nochmal so drei Tage, glaube ich, gedauert, bis meine Mutter dann eines Nachts dann verstorben ist.

Gegen sämtliche Verabschiedungen hätte ich, also liegt auf der Hand, getauscht, wenn das nicht passiert wäre, diese Krankheit aber für diese Möglichkeit, sich so zu verabschieden, so eine Nähe am Ende des Lebens zu spüren und das Sterben und Gehen als solches wahrzunehmen – so schwer das ist, rückblickend hat mich das, glaube ich, vor anderen emotionalen Schäden auf jeden Fall bewahrt.

Trotz alledem möchte ich das einfach nicht romantisiert wissen. Trotz alledem musste meine Mutter, die den Wunsch hatte, selbstbestimmt zu gehen, über einen längeren Zeitraum auf Lebensmittel verzichten, und ich glaube, dass auch bei aller Schmerzfreiheit ... Das ist halt trotzdem alles andere als ein Spaziergang für alle Beteiligten."

Ist FVET Suizid oder nicht?

Notwendige Schmerzmedikamente können das Bewusstsein am Lebensende Schwerstkranker stark dämpfen. Nach sorgfältiger Indikationsstellung kann durch Palliativmedizinerinnen auch eine so genannte Palliative Sedierung angezeigt sein: Starke Ängste und Unruhe können auf diese Weise in den letzten Lebenstagen medikamentös behandelt und ein ruhiges Sterben ermöglicht werden.

Menschen ohne Vorerkrankungen oder Medikamente, die sich für einen "Freiwilligen Verzicht" entscheiden, können durch die Ausschüttung körpereigener Endorphine, die auch im Rahmen des natürlichen Sterbeprozesses stattfindet, Linderung und Beruhigung erfahren.

Selbst wenn im Fall des freiverantwortlichen und geplanten freiwilligen Verzichts auf Essen und Trinken der Ausgangspunkt ein Sterbewunsch ist, also eine suizidale Absicht am Anfang steht, ist umstritten, ob man ihn als Suizid definieren soll.

In Deutschland hat der Patientinnenwille oberste Priorität, Suizid ist erlaubt, die Beihilfe zum Suizid ist straffrei und auch "geschäftsmäßige" inzwischen juristisch unproblematisch, nachdem das Bundesverfassungsgericht im Frühjahr 2020 den §217 für verfassungswidrig erklärt hat.

"Insofern ist die Begleitung eines freiwilligen Verzichts auf Essen und Trinken, grundsätzlich erst einmal, wenn es ein freiwilliger Verzicht auf Essen und Trinken ist, völlig unproblematisch, rechtlich gesehen", erklärt Medizinrechtler Tolmein. "Man muss allenfalls dokumentieren, dass es wirklich der Wille dieser Person ist, dass sie einen freien Willen entfalten kann und dass man nicht am Schluss doch noch eine tödliche Spritze gesetzt hat."

"Das Vorverlegen des natürlichen Sterbens"

"Freiwilligen Verzicht" war und ist jedoch eng verwoben mit der oftmals weltanschaulich und emotional sehr aufgeladenen Debatte um Suizid und Sterbehilfe und wird deshalb meist vor diesem Hintergrund bewertet. Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin empfiehlt, den "Freiwilligen Verzicht" als Handlung ‚sui generis‘ also als ‚eigene Kategorie‘ zu definieren, – zu deutlich unterscheide er sich von einem Suizid oder Behandlungsabbruch. Das ist auch für Palliativmedizinerin Urban eine zentrale Haltung:

"Für mich ist der Freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit das Vorverlegen des natürlichen Sterbens. So sieht es auch die Bundesärztekammer. Und so sieht es auch die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin. Also kein Suizid – und damit natürlich auch die ärztliche Begleitung, keine Begleitung bei der Selbsttötung, sondern eine Form der Sterbebegleitung."

Durch einen geschlossenen Vorhang sind die Silhouetten verschiedener Pflanzen auf einem Fensterbrett zu sehen. (Unsplash / Steinar Engeland)Hat sich ein Schwerstkranker für das Sterbefasten entschieden, wird der Abschiedsprozess meist gemeinsam mit den nahen Angehörigen gestaltet. (Unsplash / Steinar Engeland)

Durch den Verzicht auf Essen und Trinken kommen letztlich physiologische Prozesse des natürlichen Sterbens in Gang, was dementsprechend als "natürlicher Tod" im Totenschein notiert werden dürfe – so empfiehlt es bei klarer Ausgangssituation auch die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin. Fasste man jedoch den "Freiwilligen Verzicht" als Suizid, gälte er in rechtlicher Hinsicht eigentlich als ein aufklärungsbedürftiger Unglücksfall und es müsste eine Obduktion folgen. Rechtsanwalt Oliver Tolmein erläutert den hier wichtigen Hintergrund:

"Man will verhindern, dass Leute geheim getötet werden und man das nicht merkt und es deswegen auch nicht verfolgen kann. Aber trotzdem kann man diesen Automatismus ‚Suizid‘ oder ‚Freiwilliger Verzicht auf Essen und Trinken‘ gleich Obduktion, den kann man durchbrechen und den sollte man auch durchbrechen."

Wie groß ist die Missbrauchsgefahr?

Nicht ganz vergessen dürfe man dennoch die Gefahr des Missbrauchs durch Dritte.

"Wer schützt jetzt eigentlich davor, dass diese Verfügungsgewalt nicht missbraucht wird? Und zwar nicht von der Person selber, die sterben möchte, sondern von anderen, die jemanden in den Tod treiben, drängen, vielleicht aktiv sogar töten und das als Suizid erscheinen lassen. Und da hat man natürlich immer, wenn man eine Abgrenzungsproblematik hat, auch ein juristisches Handeln, was kontrolliert, unter Umständen: War das jetzt wirklich was, was erlaubt ist? Ich glaube, da kommen wir auf gar keinen Fall davon weg, weil, je geringer wir diesen Bereich machen, desto größer ist das Risiko, dass Menschen sterben, die nicht selber sterben wollen."

Christiane zur Nieden hat ihre eigene Mutter beim "Freiwilligen Verzicht" begleitet, die mit 88 Jahren nicht krank, aber "lebenssatt" war und ihr Ende selbst bestimmen wollte. Die Zeit beschreibt sie als wertvoll, liebevoll, voller Leben. Sie hat ein Buch darüber geschrieben. In der Folge wurden sie und ihr Mann, Palliativmediziner im Ruhestand, zu einer inoffiziellen Anlaufstelle für Menschen auf der Suche nach Beratung und Begleitung zum so genannten Sterbefasten. Manchmal, so sagt sie, bekämen sie drei bis vier Anrufe pro Woche.

"Und wir haben auch beim letzten DGP-Kongress vorgeschlagen, dass man Anlaufstellen für Sterbefasten schafft, wo die Menschen anrufen können, zumindest ihre Fragen stellen. Sterben hat mit Schwäche, mit Nicht-mehr-ansprechbar-Sein oder mit auch aufkommenden Ängsten, mit so vielen Dingen zu tun.  – Manchmal kommen die Menschen dann auch auf die einfachsten Dinge nicht, weil sie so unter Stress sind durch die Tatsache, dass da jemand stirbt, den sie lieben. Und dafür ist so eine Anlaufstelle gut."

Es fehlt an gesellschaftlicher Offenheit

Zwar hat das Bundesverfassungsgericht den Menschen die Möglichkeit zugesichert, sich bei Sterbewünschen und Suizid begleiten lassen zu können, dennoch fühlen sich viele damit allein. Es mangelt an gesellschaftlicher Offenheit und oft auch an familiärem Dialog.

"Im Grunde sind es fast immer die Kranken oder Verzweifelten selber, die anrufen, selten die Angehörigen. Es ist so, dass wir viele schon haben davon überzeugen können, dass es noch andere Möglichkeiten gibt oder auch viele wirklich nicht wissen, z.B. von der Palliativmedizin oder halt eben auch auf Palliativmediziner stoßen, die halt andere Werte haben und Sterbefasten moralisch verurteilen."

Christiane zur Nieden und ihr Mann sind der Überzeugung, dass die Begleitung eines "Freiwilligen Verzichts" in vielen Fällen auch allein aus familiären Ressourcen heraus möglich sei, – vorausgesetzt, es bestehe eine Möglichkeit der Rückversicherung und Besprechung von Fragen an professioneller Stelle. Oftmals komme es nach genauer Information gar nicht zur Durchführung eines "Freiwilligen Verzichts".

"Oft ist es so, dass die dann sagen: ‚Wissen Sie, dieser Gedanke, zu wissen, dass ich da einen Ausweg habe, der lässt mich jetzt weiterleben.‘"

"Das gute Sterben ist in unserer Gesellschaft, egal auf welchem Wege es stattfindet, eine ausgesprochen schwierige Sache", sagt Oliver Tolmein, "und wahrscheinlich schwieriger als in irgendwelchen früheren Gesellschaften und Gesellschaften, die noch etwas weniger komplex sind, als unsere es heute ist."

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