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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.07.2007

Sektenexperte Gandow: Scientology wird unterschätzt

Evangelischer Pfarrer warnt vor neuem politischen Extremismus

Moderation: Leonie March

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Blick auf den Eingang des neuen Scientology-Hauptquartiers in Berlin (AP)
Blick auf den Eingang des neuen Scientology-Hauptquartiers in Berlin (AP)

Der Sektenbeauftragte der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, Thomas Gandow, hat staatliche Stellen und Medien scharf für eine zu nachlässige Haltung im Umgang mit Scientology kritisiert. Insbesondere in Berlin werde Scientology immer wieder mit anderen religiösen Gruppierungen verwechselt. Dabei habe man es mit Totalitarismus zu tun, betonte Gandow.

Leonie March: Sie selbst bezeichnen ihre Organisation als Kirche, die Bundesregierung allerdings betont immer wieder, Scientology sei keine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft. Im aktuellen Verfassungsschutzbericht heißt es, Scientology wirke mit verfassungsfeindlicher Zielrichtung auf die politische Willensbildung ihrer Mitglieder ein und diffamiere Kritiker als kriminell und krank. Aus der Organisation auszutreten, ist nicht einfach. Das wurde in den letzten Tagen wieder deutlich, als die 14-jährige Stieftochter der Berliner Scientology-Chefin sich gemeinsam mit ihrem erwachsenen Bruder in die Obhut des Hamburger Jugendamtes anvertraute. Am Telefon begrüße ich nun einen Mann, der für Scientologen ein rotes Tuch ist, Pfarrer Thomas Gandow, den Sektenbeauftragten der Evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg. Guten Morgen!

Thomas Gandow: Guten Morgen.

March: Die beiden Geschwister flüchteten von Berlin nach Hamburg, denn in der Hauptstadt ist zwar seit Jahresbeginn die Deutschlandzentrale von Scientology angesiedelt, Anlaufstellen für Aussteiger gibt es in Berlin aber nicht. Woran liegt das?

Gandow: Das liegt daran, dass hier von staatlicher Seite aus das Problem Scientology über viele Jahre hinweg nicht richtig ernst genommen worden ist. Es gibt keine Möglichkeit in Berlin, bei einer staatlichen Stelle eine solide, grundsätzliche Beratung in Sachen Scientology zu bekommen. Hier besteht ein großer Nachholbedarf.

March: Ist das symptomatisch für den Umgang der deutschen Behörden mit der Organisation, die zwar kritisieren, aber vielleicht auch aus Angst vor der bekannten Klagefreudigkeit von Scientology nicht beherzt genug gegen sie vorgehen?

Gandow: Ich glaube, dass es eher ein Berliner Problem ist, weil hier in Berlin Scientology verwechselt wurde - auch von führenden Politikern - mit irgendwelchen anderen Gruppen, auch mit religiösen Sekten und Vereinigungen, und darum handelt es sich bei Scientology nicht. Die Innenministerkonferenz hat seit Jahren gesagt, dass es sich um politischen Extremismus neuen Typs handelt und dafür ist politische Aufmerksamkeit notwendig.

March: Was würden Sie sich von der Politik wünschen? Ein Verbot von Scientology in Deutschland, oder wenigstens eine bundesweite Beobachtung durch den Verfassungsschutz?

Gandow: Scientology wird bundesweit vom Verfassungsschutz beobachtet. Was ich mir wünschen würde, wäre natürlich eine Diskussion über ein Verbot, aber wir haben ja im Moment eine ganz große Scientologyoffensive und das gesamte deutsche Feuilleton, von der "Deutschen National- und Soldatenzeitung" von Frey bis zur "Süddeutschen Zeitung" und zur "Frankfurter Rundschau", hat Scientology in Schutz genommen und gesagt, wenn Tom Cruise so einer Vernichtungsideologie anhängt, das gehört zur Meinungsfreiheit. Jetzt muss man sagen, wenn die Gesellschaft sagt, Vernichtungsideologie ist Meinungsfreiheit, dann muss auch einem 14-jährigen Mädchen jetzt die Religionsfreiheit eingeräumt werden, denn sie ist religionsmündig, sich von so einer destruktiven Gruppe zu trennen.

March: Das heißt, das ist falsche Toleranz gegenüber Scientology sowohl von der Politik als auch von den Medien?

Gandow: Ja. Es wird die geistige Auseinandersetzung, die immer wieder beschworen wird, wird nicht geführt. Es muss doch erlaubt sein, Scientology zu kritisieren. Es muss doch jemand sagen können, ich finde das nicht gut, wenn Scientology den deutschen Widerstand missbraucht. Es muss möglich sein für jeden, Scientology zu kritisieren ohne Angst und auch auszutreten ohne Angst, und dazu muss der Staat wenigstens die Informationen vorhalten - und der Staat, das heißt hier konkret: Der Berliner Senat.

March: Auf der anderen Seite kann man sich Informationen auch einfach zum Beispiel im Internet ansehen, wenn man auf die Homepage geht, da steht die Zielrichtung eigentlich ziemlich genau drin.

Gandow: Ja, und es ist auch bekannt, dass Scientology die totale Vernichtung der Psychiater und der Psychiatrie will. Von daher kann ich überhaupt nicht verstehen, dass es Leute gibt, die der Scientology Ideologie etwas abgewinnen können oder die nicht empört sind darüber, welche publizistische Möglichkeit Scientology immer wieder eingeräumt bekommt.

March: Heißt, die Bewegung wird in Deutschland immer noch unterschätzt?

Gandow: Die Bewegung wird von unseren Feuilleton-Koryphäen vollkommen unterschätzt und es ist offensichtlich politisch nicht korrekt, wenn man darauf hinweist, dass es ganz große Ähnlichkeiten mit der Nazi-Ideologie gibt. Hier sollen Menschen vernichtet werden, hier soll die Meinungsfreiheit außer Kraft gesetzt werden und eins der Hauptziele von Scientology, nachdem alle Kritik beseitigt ist, ist es, jede andere Ideologie, jede andere Weltanschauung zu beseitigen. Es muss endlich zur Kenntnis genommen werden, dass wir es hier mit Totalitarismus zu tun haben.

March: Nun sind Sie, Herr Gandow, Sektenbeauftragter der evangelischen Kirche. Welche Rolle spielen die Kirchen in der Auseinandersetzung mit Scientology?

Gandow: Die Kirchen halten sich sehr zurück. Es handelt sich ja auch bei Scientology nicht um eine konkurrierende Religionsgemeinschaft, sondern eben um eine politische Bestrebung. Ich bin aber der Meinung, dass die Kirchen sich mit Scientology intensiver auseinandersetzen müssen, genauso wie mit der NPD oder mit dem Nationalsozialismus, weil Scientology eine Gefahr für die Religionsfreiheit ist, denn die Meinungsfreiheit, die Religionsfreiheit soll abgeschafft werden, wenn es nach Scientology geht.

March: Und Scientology nennt sich ja Kirche.

Gandow: Scientology nennt bestimmte Zweige seines Konzerns Kirche und das auch oft nur, um bessere Wirkungsmöglichkeiten zu erhalten. In manchen Ländern ist damit ein steuerbefreiter Status verbunden, in Deutschland ja nicht. Und gegen diese Werbung ist es schwer, etwas zu machen, weil der Begriff Kirche nicht geschützt ist. Es müssten die Religionsgemeinschaften sich wirklich überlegen, wie sie in einer Art freiwilliger Selbstkontrolle hier einen dicken Strich zu pseudoreligiösen Gruppen ziehen können. Ich halte es für reinen Betrug, wenn Scientology sich Kirche oder Religion nennt.

March: Können die Kirchen denn Aussteigern helfen, wenn das schon der Staat nicht tut?

Gandow: Wir haben ganz begrenzte Mittel. Natürlich wenden sich Aussteiger an mich, weil sie auch meine klare Meinung zu Scientology kennen, aber ich habe keine Hilfsmöglichkeiten und hier müssen Möglichkeiten durch staatliche Stellen, etwa durch ein Jugendamt, geschaffen werden. Das kann in Berlin nur ganz langfristig geschehen und so lange wie es die Möglichkeit hier nicht gibt, muss ich Aussteigerinnen und Aussteiger an die qualifizierte Stelle in Hamburg mit Frau Caberta verweisen.

March: Thomas Gandow war das, Pfarrer für Sekten und Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

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