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Thema / Archiv | Beitrag vom 25.10.2013

"Sein Lebenslauf ist voller Brüche"

Die Autorin Kirsten Jüngling über die Nazi-Vergangenheit des Malers Emil Nolde

Moderation: Stephan Karkowsky

Emil Nolde ist einer der bedeutendsten deutschen Expressionisten. (picture alliance / dpa)
Emil Nolde ist einer der bedeutendsten deutschen Expressionisten. (picture alliance / dpa)

Obwohl der Maler Emil Nolde von den Nazis verfolgt wurde, habe er sich "voll und ganz" von deren Propaganda vereinnahmen lassen und sei immer "sehr stark für das Deutsche" gewesen, sagt seine Biografin Kirsten Jüngling. Die aktuelle Nolde-Ausstellung in Wien dürfe diese Frage nicht ausblenden.

Stephan Karkowsky: Der Maler Emil Nolde schuf Aquarelle in leuchtenden Farben, häufig waren es Blumen, verwaschene Landschaften und grell bunte Bibelbilder. Damit wurde er zum Publikumsliebling unter den Expressionisten, er ist es nach wie vor. Nur, das größte Nolde-Rätsel von allen ist bis heute nicht gelöst: Wie konnte Nolde glühender Hitler-Verehrer sein und gleichzeitig von den Nazis als entartet beschimpft und mit Malverbot belegt werden?

Die große Nolde-Ausstellung in Wien blendet diese Frage weitgehend aus, also fragen wir Kirsten Jüngling, sie hat gerade eine neue Nolde-Biografie vorgelegt unter dem Titel "Die Farben sind meine Noten".

Frau Jüngling, guten Morgen!

Kirsten Jüngling: Guten Morgen, Herr Karkowsky!

Karkowsky: Eigentlich war Nolde doch dänischer Staatsbürger, und das bis zu seinem Tod. Hat er sich denn selbst als Deutscher empfunden?

Jüngling: Er ist Däne geworden im Zusammenhang mit dem Versailler Vertrag nach dem Ersten Weltkrieg. Und seinem Gefühl nach war er ohnehin einer aus dem Grenzland, sowohl dänisch als auch deutsch beeinflusst. Und ganz speziell eben von dieser Landschaft an der Grenze zwischen Dänemark und Deutschland.

Karkowsky: Konnten Sie herausfinden, wann Nolde sich den Nationalsozialisten anschloss, und vielleicht sogar, warum?

"Drei ganz unterschiedliche Daten"

Jüngling: Es gibt da selbst, nach seiner eigenen Aussage, mehrere Daten des Eintritts in die NSDAP Nordschleswig damals. Und das reicht also von September 1934 - das hat er gegenüber dem Propagandaministerium angegeben -, dann hat er noch einen Entschädigungsantrag später gestellt, weil er sich als Geschädigter des Nationalsozialismus fühlte, da hat er schon 1933 angegeben, und im Entnazifizierungsbogen er selber 1935.

Das sind also drei ganz unterschiedliche Daten. Wobei in jüngster Zeit gefundene Dokumente 1933 auch nahelegen. Denn er war ja zum zehnten Jahrestag der Bewegung Ehrengast im November in München, da wurde dieser zehnte Jahrestag gefeiert und er war dabei.

Karkowsky: Da hat er auch Hitler selbst sprechen hören.

Jüngling: Er hat ihn erlebt und war tief beeindruckt. Insofern könnte es gut sein, dass er auch 1933 schon eingetreten ist.

Karkowsky: Nun kann man sagen, er war ja beides. Er war auf der einen Seite ein Expressionist, die hat man normalerweise links verordnet. Auf der anderen Seite war er tatsächlich von den Idealen des Nationalsozialismus überzeugt. Hat er nicht protestiert, als dann die Nazis zum Beispiel jüdischen Sammlern das Geld wegnahmen, als das Bauhaus geschlossen wurde, als Paul Klee seine Professur an der Kunstakademie verlor?

Jüngling: Von einem solchen Protest habe ich nie gelesen, nie gehört. Und ich kann es mir auch nicht vorstellen. Er hat sich als nordischer Künstler empfunden und war auch ein ganz großer Kämpfer gegen den Impressionismus, den er vor allen Dingen eben in Frankreich verortete. Und das waren seine geborenen Feinde.

Dazu kam eben auch noch, dass er sich von Kunsthändlern wie Cassirer oder auch von dem Maler und Kunstmanager Liebermann in die Ecke gestellt fühlte, das hat ihn alles mehr zu diesem Germanischen, Nordischen hingetrieben.

Er ist ein sehr widersprüchlicher Mensch, sein Lebenslauf ist voller Brüche. Er ist immer wieder in seine schleswigsche Heimat zurückgekehrt, er hat sich der Lebensreformbewegung angeschlossen und er war mit Leuten befreundet, nach seiner eigenen Aussage, deren Judentum ihn angezogen hat. Gleichzeitig hat er aber antisemitische Äußerungen niedergelegt.

Also, es ist nicht ganz eindeutig abzulesen, aber es häufen sich die Beispiele, dass er doch sehr, sehr stark geglaubt hat ... Wie hat er mal gesagt, seine Kunst sei stark und innig und deutsch. Das ist so typisch für ihn, dieses Hängen an der Heimat.

Er hat sich da voll und ganz auch von der Propaganda vereinnahmen lassen und war immer sehr, sehr stark für das Deutsche. Er hatte gute englische Freunde, muss man auch sagen.

Karkowsky: Sie hören Kirsten Jüngling, Biografin von Emil Nolde. Frau Jüngling, als die Nazis dann die deutschen Museen von der sogenannten entarteten Kunst säuberten, da wurden auch Bilder Noldes abgehängt, und zwar mehr als von jedem anderen Künstler, es waren 1052 insgesamt.

Spätestens da hätte er doch begreifen müssen, hier geschieht etwas Ungeheuerliches, das ist nicht mein Verein, da gehöre ich nicht rein. Warum hielt er weiter an Hitler fest?

Jüngling: Er fühlte sich missverstanden. Er hatte das Gefühl, das ist ein Riesenirrtum, und er müsse auf eine ganz andere Weise dagegen angehen. Nicht, indem er sich distanziert, sondern indem er versucht, die Nationalsozialisten zu überzeugen, dass er doch selber schon immer den Thesen der Bewegung entsprechend gedacht und gelebt hat und sich auch so geäußert hat.

Man muss ja auch bedenken, seine Autobiografien sind ja ganz eindeutig in diese Richtung gegangen. Er fühlte sich einfach missverstanden. Er hoffte von Mal zu Mal, dass sich dieses Missverständnis aufklären würde.

Karkowsky: Und dann kam das Jahr 1941, da bekam Nolde Malverbot von den Nazis. In Wien sind ab heute auch die sogenannten ungemalten Bilder zu sehen, die malte Nolde heimlich bis 1945. Sie haben sich so mit diesem Mann beschäftigt, können Sie sagen, wie der das aushielt, als glühender Nazi-Anhänger zu Unrecht, wie er dachte, von den eigenen Leuten verfolgt zu werden?

"Er hatte ganz viele Probleme"

Jüngling: Sicher nicht gut. Also, es ist ihm einerseits psychisch nicht gut gegangen, dann hatte er ja auch in diesen Jahren eine Magenkrebsoperation. Also, er hatte ganz viele Probleme, aber er fühlte sich trotz allem in zwei Gruppen vor allen Dingen geborgen und das waren eigentlich Gruppen, die den Nationalsozialisten nahestanden.

Das war eine Gruppe in München um Putzi von Hanfstaengl, der ja sehr nahe an Hitler dran war, und dann war es in Berlin, waren es zum Beispiel Carl Schmitt oder auch die Frau von Schnitzler, deren Mann dann später auch wegen seiner Tätigkeiten unter den Nationalsozialisten bei den Nürnberger Prozessen auch verurteilt wurde. Also, er hatte schon auch nicht ganz unbegründet Hoffnung, dass sich das irgendwie klären würde.

Karkowsky: Skurril ist auch, dass er - Sie haben das bereits erwähnt - als ehemaliges NSDAP-Mitglied nach dem Krieg einen Antrag stellte auf Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, weil die Nazis ja zahlreiche seiner Bilder, sagen wir mal, in alle Welt verteilt haben. Was ist aus diesem Antrag geworden?

Jüngling: Dieser Antrag ist abgelehnt worden. Ich habe da Unterlagen gefunden, einmal diesen Antrag auf Entschädigung, der ist abgelehnt worden. Und dann gibt es noch seinen Entnazifizierungsfragebogen, dem ist stattgegeben worden.

Karkowsky: Wie würden Sie das dann erklären, dass in der Nachkriegszeit Nolde vor allen Dingen als verfolgter Maler dargestellt wurde und nicht selbst auch als glühender Anhänger des Nazi-Regimes? Liegt das daran, wie Stefan Koldehoff in der "Zeit" geschrieben hat, seine eigene Biografie nachträglich gefälscht hat?

Jüngling: Dass er selber das gemacht haben soll, dafür habe ich keinen Beleg gefunden. Ich habe mir die ersten Ausgaben besorgt und habe die auch wirklich Zeile für Zeile verglichen und habe festgestellt, dass, wenn es Veränderungen gab, dass die aber nicht im politischen Bereich waren, sondern eher im sehr persönlichen.

Zum Beispiel hat er sich sehr freimütig über seine Sexualität geäußert und da hat er ein bisschen was weggenommen. Aber zum Beispiel antisemitische Äußerungen sind drin geblieben. Das hat sich dann geändert nach seinem Tod, als dann sozusagen die damals amtierende Stiftungsdirektion sich ganz schnell darauf verständigt hat, diese antisemitischen Äußerungen rauszunehmen.

Und was mir diesen Eindruck bestätigt hat, das ist das Schreiben des Kunsthistorikers, der eben beschrieben hat, dass er von der Stiftung beeinflusst wurde in seinem ersten biografischen Werk - es ist eigentlich keine Biografie, es ist eher ein Bildband mit einem sehr starken biografischen Teil -, dass er da beeinflusst wurde, diese antisemitische Seite und die nationalsozialistische Seite raus zu lassen.

Karkowsky: Auch auf der Webseite des Wiener Belvedere-Museums wird zur Ausstellungseröffnung heute ebenfalls Nolde nur als verfolgter Künstler dargestellt und nicht als überzeugter Nazi. Kann man das heute noch machen?

Jüngling: Meines Erachtens, nein. Denn man kann es ja anders wissen, und wenn man es anders weiß, muss man auch den Menschen, die diese Ausstellung besuchen, die Möglichkeit geben, auch diese Seite Noldes zu betrachten.

Das bleibt ja unbenommen jedem, die Bilder schön zu finden. Aber wenn man schon Ansätze zu einer Biografie macht, dann sollte man sie auch korrekt machen.

Karkowsky: Der Verfolgte als Nazi. Zu Emil Noldes Weltanschauung hörten Sie seine Biografin Kirsten Jüngling. Ihre Nolde-Biografie trägt den Titel "Die Farben sind meine Noten", sie ist erschienen im Verlag Propyläen und kostet 22,99 Euro.

Frau Jüngling, danke für das Gespräch!

Jüngling: Ich bedanke mich!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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