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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.03.2012

Sehnsucht nach Nähe

David Grossman: "Die Umarmung", Hanser, München 2012, 36 Seiten

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Der israelische Schriftsteller David Grossman. (AP Archiv)
Der israelische Schriftsteller David Grossman. (AP Archiv)

Kein Kuss, kein Sex, sondern eine schlichte Umarmung verspricht den Menschen den tiefsten Trost in existenzieller Unbehaustheit. Diese Sehnsucht beschreibt der 58 Jahre alte israelische Schriftsteller David Grossmann. Entstanden ist eine kurze Parabel mit großer Wirkung.

Es gibt zahlreiche Untersuchungen über die Einsamkeit von Menschen. Und immer wieder sagen Menschen, sie wollten "einfach mal in den Arm genommen werden". Kein Kuss, kein Sex, auch keine Respektsbezeugung - eine schlichte Umarmung verspricht den Menschen den tiefsten Trost in existenzieller Unbehaustheit. Diese Sehnsucht beschreibt der 58 Jahre alte israelische Schriftsteller David Grossmann. Seine Geschichte erinnert in ihrer wortkargen Schlichtheit an den kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry.

Mutter, Kind und Hund gehen spazieren. Das Kind entdeckt, dass es ein "Ich" hat. "Ich hab dich lieb, keiner ist wie du", sagt die Mutter. Für sie ist die Einzigartigkeit ihres Sohnes Voraussetzung, ihn zu lieben, letztlich feiert sie die Individualität. Für den Sohn jedoch ist das beängstigend. "Ich will aber nicht der einzige auf der Welt sein, der so ist wie ich", sagt Ben, "dann bin ich ja ganz allein."

Die Mutter findet die Lösung darin, dass jeder "ein bisschen" auch der andere sei und "ein bisschen er selbst". Und - sie umarmt den Sohn. Diese einschließende Geste ist hier als Geste der Integration verstanden, nicht der Überwältigung - wie die Mutter überhaupt dem Sohn eher nachspürt, als ihm fertige Antworten vorzusetzen. Dass sie einmal, nach Jesus-Art, mit dem Finger Kreise in den Sand malt, zeigt, dass Grossmanns Figuren letztlich Teil einer Parabel sind. Die weichen Bleistiftzeichnungen von Michal Rovner unterstützen diesen Eindruck. Schiefergraue, schlanke Silhouetten bewegen sich auf einem halbrunden Horizont, der "die Welt" markiert.

Richard David Precht hat gerade über die ähnliche Frage "Warum gibt es alles und nicht nichts" geschrieben, er untersucht, woher sich die (individuelle) Vielfalt der Welt, also auch des Ichs, erklärt. Eine gewisse "Ich-Müdigkeit" scheint sich schon bei Kindern breitzumachen, ein Gefühl des Überfordertseins.

David Grossmann hat zuletzt den komplexen Roman vorgelegt "Eine Frau flieht vor einer Nachricht". Darin geht es um eine Mutter, die die angstvoll erwartete Nachricht vom Tod ihres Sohnes durch eine Wanderschaft ausweicht. David Grossmann hat einen Sohn, der Soldat war, durch Kämpfe im Libanon verloren. Schon im großen Roman hatte Grossmann aber den Blick von sich weg hin zur Beziehung einer Mutter zu ihrem Sohn gelenkt - und in dem kleinen Buch "Die Umarmung" macht er es wieder so. Wieder geht es um ein Kind und seine Mutter. Mutter und Sohn stehen im "Irgendwo", wie bei einer Parabel üblich. Gerade durch diese Abstraktion und die Schlichtheit der Geschichte entfaltet "Die Umarmung" jedoch eine tiefe Wirkung, die lange nach der eigentlichen Lektüre fortdauert und berührt.

Besprochen von Gabriela Jaskulla

David Grossman: Die Umarmung
Übersetzt von Michael Krüger
Hanser, München 2012
36 Seiten, 9,90 Euro

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