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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.02.2012

Sehnsucht nach Bewusstlosigkeit

Tor Ulven: "Dunkelheit am Ende des Tunnels", Droschl Verlag, Graz 2012, 136 Seiten

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Schreibt über die Schattenseiten des Lebens: der Norweger Tor Ulven (AP)
Schreibt über die Schattenseiten des Lebens: der Norweger Tor Ulven (AP)

Der Norweger Tor Ulven wurde nur 41 Jahre alt, 1995 nahm er sich das Leben. Der vorliegende Erzählungsband ist sein letztes Buch zu Lebzeiten, das dunkel funkelnde Zeugnis eines depressiven Menschen, für den es nicht einmal Licht am Ende des Tunnels gibt.

Tor Ulven wurde 1953 in Oslo geboren, er machte eine Ausbildung als Kranführer, er war bildender Künstler und debütierte 1977 mit Gedichten. Sein einziger Roman war von Beckett, Robbe-Grillet und Claude Simon beeinflusst. Er lebte im Osloer Vorort Ǻrvoll, nach einem Nervenzusammenbruch verließ er seine Wohnung kaum mehr und nahm sich am 18. Mai 1995 das Leben.

Das vorliegende Buch heißt im Original "Vente og ikke se" ("Warten und nicht sehen"; 1994), die deutsche Ausgabe wurde nach einer Erzählung aus dem Buch benannt: "Dunkelheit am Ende des Tunnels". Depressiver geht es kaum noch, dieser Autor steckt schon im Tunnel, und am Ende erwartet ihn nicht einmal Licht, sondern die gleiche Finsternis, die im Tunnel schon herrscht. Ulven schreibt, wie Joy Division spielte. Er philosophiert über das Zusammenhanglose des Daseins. In all seinen Geschichten, die eher Texte sind, wird das Eine sichtbar: Das Gefühl zu leben ist paradox, einerseits gibt es die Freude an der konkreten Wirklichkeit, andererseits die klare Einsicht der Vergänglichkeit.

Der Tod ist allgegenwärtig, aber mit einer Schönheit des Verwesens kokettiert Ulven nicht. Der Autor dieser Geschichten ist nur noch Geist. Der Körper ist längst abgestorben, er ist eine zu vernachlässigende Größe, selbst im Tod hat er keine Klasse: "Eine verfallene Seele wirkt irgendwie stilvoller als ein verfallener Körper." Daher seine Sehnsucht nach dem Nichts, dem Nicht-Sein, irgendwo sehnt er sich nach der Bewusstlosigkeit, wie sie eine Tanne im Wald hat.

Tor Ulven gilt in Norwegen als "Autor der Autoren". Seine Texte sind keine Fingerübungen, sondern Versuche. Was geht? Wie genau kann man etwas beschreiben, das unbeschreiblich scheint? Was kann man sprachlich fixieren, was einem im Grunde nur durchs Hirn weht? Symptomatisch dafür die Passage in der Geschichte "Das Meer": Es sei möglich, sagt er, mit offenen Augen und Ohren sich an Dinge zu erinnern, die man gesehen und gehört hat, während man gleichzeitig das Zimmer sieht, in dem man sitzt, und das Geräusch von Flugzeugen hört.

Die Radikalität, mit der er die Möglichkeiten der Sprache, der Fantasien, der Albträume ausreizt, ist ein Vorbild für junge norwegische Schriftsteller wie Bjarne Breiteig ("Von nun an"), der über ihn sagte: "Nach der Lektüre von 'Dunkelheit am Ende des Tunnels' war die Welt anders. Sie gibt einem Mut, die unerträglichsten Dinge zu denken. Ulven hat in mir etwas bewirkt, was Ibsen nicht geschafft hat. Er ist der größte Autor, den Norwegen je hatte." In seiner absoluten autobiografischen Sichtweise ist Ulven vermutlich auch ein Vorbild für Karl Ove Knausgårds sechsbändiges Projekt "Min kamp".

Tor Ulven, der "Autor der Autoren", hat das große Publikum nie erreicht. Aber darauf kommt es nicht an, interessanter ist die Frage, ob er ein Scharlatan oder ein Künstler ist. Wer ihn wirklich liest, wird erkennen: Er ist ein Künstler.

Besprochen von Peter Urban-Halle

Tor Ulven: Dunkelheit am Ende des Tunnels. Geschichten
Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel
Droschl Verlag, Graz 2012
136 Seiten, 19 Euro

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