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Konzert / Archiv | Beitrag vom 07.03.2017

Seglerhauskonzert der RSBDie Bettdecke vor 150 Jahren

Aufzeichnung aus Berlin-Wannsee

Seglerhaus am Wannsee (VSaW Archiv)
Seglerhaus am Wannsee (VSaW Archiv)

Ein Zeitalter wird besichtigt: Musik aus der europäischen Welt vor 150 Jahren spielten Solisten des RSB bei ihrem Seglerhauskonzert am 5. März, von den norwegischen Fjorden reichte das Spektrum bis zur walzernden Donau.

1867: Russland verkauft Alaska an die USA, in Japan wird der letzte Shogun entmachtet, Alfred Nobel lässt eine Erfindung namens Dynamit patentieren und Preußen und Österreich gehen endgültig getrennte Wege: Otto von Bismarck wird Kanzler des Norddeutschen Bundes und Franz Joseph I. König von Ungarn. In Berlin gibt es bereits einen Reichstag, allerdings fehlt noch das dazugehörige Reich. Darum wird sich der "Eiserne Kanzler" in den kommenden Jahren kümmern – dass den Franzosen das nicht gefällt, tut wenig zur Sache, denn sie sind den (Nord-) Deutschen militärisch unterlegen. In diesem Jahr, 1867, gründet sich am Rande der entstehenden deutschen Hauptstadt jener Seglerverein, in dessen prachtvollem Haus dieses Konzert stattfand: Solisten des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unternahmen einen Streifzug durch die Epoche der Gründerzeit. Nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch kulturell und nicht zuletzt musikalisch wurden hier in der Tat Dinge ge- und begründet, die uns bis auf den heutigen Tag begleiten.

1867: Französische und amerikanische Maler schockieren die Kunstwelt mit luftig bemalten Leinwänden, um derentwillen heute die Reisebusse vor den Museen parken – der "Impressionismus" entsteht. Mit Goethes "Faust I" erscheint Band Eins von Reclams Universal-Bibliothek; zur selben Zeit veröffentlicht Karl Marx Band Eins seines monumentalen Hauptwerks "Das Kapital". Leo Tolstoi denkt über "Krieg und Frieden" nach, Henrik Ibsen schreibt das dramatische Gedicht "Peer Gynt", das vor allem dank der etwas später entstandenen Musik von Edvard Grieg weltberühmt wird.

1867: Johann Strauss Junior bedenkt die neu entstandene österreichisch-ungarische Monarchie mit einem Stück, das den verbindenden Fluss auf so geniale Weise besingt, dass Johannes Brahms bedauert, diesen "Donauwalzer" nicht selbst geschrieben zu haben. Unterdessen arbeitet der Rhein-Mystiker und Bismarck-Fan Richard Wagner dem kommenden Deutschen Reich entgegen: Im Oktober 1867 vollendet er im Luzerner Exil die Nationaloper "Die Meistersinger von Nürnberg", um sich direkt danach den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zuzuwenden: "Liebe Fräulein Bertha! Ich habe gestern noch vergessen, eine Bettdecke zu bestellen. Nämlich von dem gleichen Rosa-Atlas – mit weiß gefüttert – wattiert – sehr weich…"

Seglerhaus am Wannsee, Berlin
Aufzeichnung vom 5. März 2017

Edvard Grieg
"Morgenstimmung" aus der Schauspielmusik zu "Peer Gynt"

Giuseppe Verdi
Zwei Sätze aus dem Streichquartett e-Moll

Richard Wagner
Trauermusik über Motive aus Carl Maria von Webers Oper "Euryanthe" WWV 73

Amy Beach
Pastorale für Bläserquintett op. 151

Franz Lachner
Andante und Allegro moderato aus dem Nonett F-Dur

Johann Strauss (Sohn)
"An der schönen blauen Donau", Walzer op. 314

Solisten des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin:
Ulf-Dieter Schaaff, Flöte
Thomas Herzog, Oboe
Peter Pfeifer, Klarinette
Ingo Klinkhammer, Horn
Alexander Voigt, Fagott
Susanne Herzog, Violine
Franziska Drechsel, Violine
Carolina Montes, Viola
Peter Albrecht, Violoncello
Hermann Stützer, Kontrabass

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