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Kompressor | Beitrag vom 22.06.2020

Seehofer und die "taz"-Kolumne Ein texthermeneutisches Versagen

Anatol Stefanowitsch im Gespräch mit Timo Grampes

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Innenminister Horst Seehofer während einer Pressekonferenz. (picture alliance / Geisler-Fotopress)
Prüft eine Anzeige gegen die taz-Autorin Hengameh Yaghoobifarah: Innenminister Horst Seehofer. (picture alliance / Geisler-Fotopress)

Der Innenminister spricht mit der Bundeskanzlerin über eine Anzeige gegen eine "taz"-Autorin. Wie konnte es so weit kommen? Offenbar hat kaum jemand die polizeikritische Kolumne sorgfältig gelesen, meint der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch.

"Staatskrise wegen Satire": Diesen Satz hat Hengameh Yaghoobifarah frisch in die eigene Twitter-Biografie geschrieben. Wegen einer Kolumne in der "taz" mit dem Titel "All cops are berufsunfähig" hat Bundesinnenminister Horst Seehofer eine Strafanzeige angekündigt. Auch die Bundeskanzlerin hat sich mittlerweile eingeschaltet: Sie sei dazu mit Seehofer im Gespräch, sagt Regierungssprecher Steffen Seibert.

"Dieser autoritäre Willkürakt ist ein Angriff auf die Pressefreiheit und einer liberalen Demokratie unwürdig", meint der Satiriker Jan Böhmermann dazu.

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"Ich möchte nicht auf die Texte von Hengameh Yaghoobifarah verzichten müssen, weil Hermeneutik einigen Leuten zu anstrengend ist", sagt der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch.

Wie verbreitet ist das "Fascho-Mindset"?

Stefanowitsch sieht in der Debatte starke Defizite in grundlegendem Textverständnis. Gleich zu Beginn der Kolumne stelle Yaghoobifarah eine "ernsthafte Frage", wenn sie schreibt:

"Wenn die Polizei abgeschafft wird, der Kapitalismus jedoch nicht, in welche Branchen kann man Ex-Cops dann überhaupt noch reinlassen? Schließlich ist der Anteil an autoritären Persönlichkeiten und solchen mit Fascho-Mindset in dieser Berufsgruppe überdurchschnittlich hoch."

Die Debatte um "problematische Strukturen" in der Polizei gebe es schon ein Weile. Natürlich müsse man fragen, was mit diesen Strukturen passieren solle. Yaghoobifarah werfe zudem nicht allen Polizeibeamtinnen und- beamten ein "Fascho-Mindset" vor. Sie weise lediglich darauf hin, "dass dort bestimmte Ideologien etwas verbreiteter seien als im übrigen Teil der Bevölkerung – also eine interessante Differenzierung, die sie gleich am Anfang vornimmt."

Kritik an der "taz"-Chefredaktion

Im weiteren Verlauf der Kolumne spielt Yaghoobifarah durch, was es für harmlosere und alternative Berufe für Polizeibeamte gibt und kommt zu der Schlussfolgerung:

"Spontan fällt mir nur eine geeignete Option ein: die Mülldeponie. Nicht als Müllmenschen mit Schlüsseln zu Häusern, sondern auf der Halde, wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind. Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten."

Mit der Müllkippe beschreibe Yaghoobifarah, wie schön es wäre, wenn wir dieses Problem einfach aus dem Blick verlieren könnten, meint Stefanowitsch. Auch die Äußerungen der "taz"-Chefredaktion findet er kritikwürdig. So schrieb die "taz"-Chefredakteurin Barbara Junge: "Menschen, egal welcher Berufsgruppe, als Müll zu bezeichnen, widerspricht fundamental dem Selbstverständnis der taz."

Für Stefanowitsch hätte sie sich klar hinter Yaghoobifarah stellen müssen und die Meinungs- und Pressefreiheit betonen sollen. Stattdessen bezeichne sie die Polizei als eine diskriminierte Menschengruppe. Dabei gehe es in der Debatte vor allem darum, wie die Polizei selbst mit diskriminierten Menschengruppen umgehe: "Diese Umkehr hier vorzunehmen und jede Art von vernünftiger Diskussion an der Stelle abzuschneiden, das ist sicher ein texthermeneutisches Versagen". Die taz habe sich "weit von dem entfernt, was sie einmal sein wollte" – dem Ideal einer obrigkeitskritischen Stimme.

"Ein satirisches Gedankenspiel"

Wer den ganzen Text lese würde, verstehe leicht, worum es gehe, meint Stefanowitsch: Yaghoobifarah setze sich in der Kolumne mit Problemen auseinander, die es immer wieder in der Polizei gebe und frage, wie man sie in den Griff bekommen könne. Es handle sich hier nicht um einen "bitterernsten Kommentar", sondern um ein "satirisches Gedankenspiel".

Dass nun sogar Bundesinnenminister Horst Seehofer sich "nicht zu blöd ist", über eine Anzeige nachzudenken, zeige die texthermeneutische Lehre aus dieser Debatte: Der Text sei im Kontext einer Debatte um Polizeigewalt entstanden und dann "für alle möglichen Zwecke instrumentalisiert worden", sagt Stefanowitsch. Das sei nur schwer zu verhindern. Allein über die URL sei nicht einmal die Debatte in der eigenen Zeitung mehr sichtbar: "Da lässt sich natürlich alles nehmen, aus dem Zusammenhang reißen, und zu einer Staatsaffäre aufblasen", sagt Stefanowitsch.

"Ich glaube, die Lehre muss auch sein, dass wir uns darauf nicht einlassen, dass wir dieses Spiel nicht mitspielen, dass wir uns nicht entschuldigen als erstes für etwas, das diese Autorin nie gesagt hat." Wenn der Text so wichtig sei, dass sich die Bundeskanzlerin mit dem Innenminister darüber austausche, "dann sollten wir den tatsächlich vielleicht alle mal ganz sorgfältig lesen".

(sed)

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