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Interview | Beitrag vom 04.05.2020

Sebastian Heinzel über seinen Film "Der Krieg in mir"Die Last der seelischen Trümmer

Sebastian Heinzel im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Sebastian Heinzel sitzt in Wehrmachtsuniform auf einem kargen Bett und blickt melancholisch ins Off. (Ilya Kuzniatsou/Heinzelfilms)
Welche Erfahrungen hat der Großvater im Zweiten Weltkrieg gemacht? Welche davon stecken noch in dem Filmemacher Sebastian Heinzel? Szene aus seinem Film "Der Krieg in mir". (Ilya Kuzniatsou/Heinzelfilms)

Mitte 20 bekommt der Filmemacher Sebastian Heinzel beklemmende Albträume vom Zweiten Weltkrieg. Stecken Traumata seines Großvaters dahinter? Heinzel macht sich mit der Kamera auf die Spurensuche – und findet Rat in der genetischen Forschung.

Stephan Karkowsky: Traumata können vererbt werden. Sie wirken manchmal über Generationen nach. Da ist sich die Epigenetik – also die Wissenschaft, die sich mit solchen Fragen beschäftigt – mittlerweile sicher. Der Filmemacher Sebastian Heinzel ist ein lebendes Beispiel dafür. Seiner Verbindung mit den traumatischen Erlebnissen der Großväter im Zweiten Weltkrieg ist er nun mit der Kamera nachgegangen. Daraus ist ein Dokumentarfilm entstanden: "Der Krieg in mir".

Was die Großväter erzählen - und was nicht

Herr Heinzel, Sie haben als Kind viel mit Ihren Großvätern zu tun gehabt. Es heißt doch immer, die Alten haben nicht gern erzählt vom Krieg. War das bei Ihnen anders?

Heinzel: Ja. Ich bin mit meinem Großvater mütterlicherseits aufgewachsen. Der hat mir schon als kleiner Junge vom Krieg erzählt, und zwar von seiner Zeit als junger Soldat in Russland. Das waren jetzt keine dramatischen Geschichten – dramatisch natürlich schon, weil es der Zweite Weltkrieg ist.

Aber ich erinnere mich, dass mich als kleiner Junge diese Geschichten sehr in den Bann gezogen haben: Ich habe mir eben vorgestellt, was für Abenteuer er wohl dort auch erlebt hat. Über Opa Hans, meinen Großvater väterlicherseits, wusste ich sehr wenig, weil der gar nicht vom Krieg erzählt hat. Dessen Geschichte bin ich ja dann auch im Film nachgegangen, weil auch mein Vater und andere Familienmitglieder sehr wenig wussten.

Da war ich einfach neugierig: Was hat der erlebt? Und wie hat sich das möglicherweise in der Familie ausgewirkt?

Karkowsky: Was waren das für Geschichten, die Sie von Ihrem Großvater mütterlicherseits gehört haben? Ich vermute mal, der hat dem kleinen Jungen nicht das Schreckliche vom Krieg erzählt, oder?

Heinzel: Nein, die schrecklichen Geschichten habe ich dann erst später über andere erfahren. Er hat mir zum Beispiel erzählt, dass er in einer Schlacht war und dass sie dort von den russischen Truppen eingekesselt wurden, aber keine Details. Ich habe mir das dann eben so vorgestellt, dass mein Großvater da irgendwie in der Mitte steht und drumherum sind Panzer und Soldaten. Das fand ich auf eine Art schon beeindruckend, dass ihm so etwas passiert ist.

Mitte 20 kamen die Albträume

Karkowsky: Sie sagen im Film, als Jugendlicher haben Sie über das Thema nicht weiter nachgedacht. Als junger Erwachsener hat es sie dann eingeholt. Warum?

Heinzel: Als ich Mitte 20 war, ist mir bewusst geworden, dass ich sehr häufig vom Krieg träume. Das waren so Szenen aus dem Zweiten Weltkrieg, die oft auch in Russland gespielt haben. Ich habe mich dann gefragt, woher diese inneren Bilder kommen. Das waren auch beunruhigende Albträume, die mich wachgehalten haben. So habe ich mich dann auch mit der Geschichte meiner Großväter stärker auseinandergesetzt. Aber eben auch mit dem Thema generell, wie es möglich ist, dass ein Trauma von einer Generation in die andere übertragen werden kann.

Karkowsky: Sie haben darüber dann ein Buch geschrieben und jetzt einen Film draus gemacht. Man sieht da auch Ihrer Spurensuche zu, die sie zu einer Neuro-Epigenetikerin nach Zürich führt. Was haben Sie da gelernt?

Heinzel: Isabelle Mansuy studiert schon seit vielen Jahren, wie es möglich ist, dass ein Trauma von einer Generation in die andere übertragen werden kann. Sie erforscht das an Mäusen und beobachtet, wie diese sich verhalten. Dabei hat sie herausgefunden, dass es über mindestens vier Generationen möglich ist, dass traumatische Erfahrungen übertragen werden. Sie hat mir erklärt, dass nachfolgende Maus-Generationen dies zum Beispiel in Form von depressivem oder asozialem Verhalten zeigen. Das nennt sich Epigenetik.

Begegnung der Kriegsnachkommen

Karkowsky: Sie sind dann zusammen mit Ihrem Vater nach Weißrussland gefahren und sind den Spuren Ihres Großvaters Hans gefolgt, der dort als Soldat der Wehrmacht gekämpft hatte. Wie war das für Sie, als Nachkomme der Täter mit den Nachkommen der Opfer zu sprechen?

Heinzel: Das war für mich erst mal eine große Überwindung. Gleichzeitig war ich sehr positiv überrascht, wie herzlich Menschen mich aufgenommen haben, die den Krieg selber noch als Kinder erlebt haben. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Begegnung dort mit einer alten Frau, die im Krieg verschleppt worden ist und auch in Lagern war.

Ich habe ihr von der Geschichte meines Großvaters erzählt und sie sagte dann zu mir: "Ja, aber dich trifft doch keine Schuld. Du bist die nachfolgende Generation, du warst ja nicht selber dort."

Sebastian Heinzel und Valentina Dimitreyewna sitzen auf einer Couch und blättern in Dokumenten. (Ilya Kuzniatsou/Heinzelfilms)"Dich trifft keine Schuld": Treffen der Generationen. Auf dem Foto in Sebastian Heinzels Hand zu sehen: "Opa Hans". (Ilya Kuzniatsou/Heinzelfilms)

Karkowsky: Hat Ihnen das dabei geholfen, Ihren eigenen Frieden zu finden?

Heinzel: Ich hatte das Gefühl, dass diese Begegnungen einen sehr versöhnlichen und heilsamen Charakter haben, dass die Menschen sich auch gefreut haben, dass ich als Deutscher komme und mich führ ihre Lebensgeschichte interessiere. Ja, ich glaube, das hat etwas sehr Verbindendes.

Viele Traumata liegen noch brach

Karkowsky: Was glauben Sie, was diese Kriegserfahrung unserer Großväter und -mütter insgesamt für die Generation der Enkel bedeutet, also für Menschen in Ihrem Alter?

Heinzel: Ich glaube, es ist so, dass die Generation meiner Eltern und Großeltern oft noch sehr nah dran ist und war am Krieg. Dadurch hatten sie vielleicht auch Schwierigkeiten, sich damit genauer mit auseinanderzusetzen, weil sie selber eben auch so stark davon betroffen sind. Ich sehe die Aufgabe unserer Generation jetzt darin, die seelischen Trümmer noch zur Seite zu räumen, die immer noch vorhanden sind. Auch weil viele Geschichten und viele Erlebnisse und Erfahrungen gar nicht aufgearbeitet werden konnten.

Karkowsky: Haben Sie den Eindruck, neue Therapien, eine Traumatherapie könnte dabei helfen?

Heinzel: Auf jeden Fall. Ich habe mich ja selbst im Film mit Traumatherapeuten getroffen, unter anderem mit dem Amerikaner Peter Levine, der zu diesem Thema viele Bücher geschrieben hat. Ich hatte auch die Möglichkeit, an einem Seminar teilzunehmen, bei dem ich mehr über Traumaheilung erfahren habe. Ich denke, es ist möglich, dass wir für uns selbst Schritte machen können.

Peter Levine spricht bei Trauma von Verlust von Verbindung, und im Grunde geht es bei der Traumaheilung dann darum, Verbindungen wiederherzustellen – zum einen zu sich selbst, aber auch zu Erfahrungen, die abgespalten sind und auch in der Familie noch nicht aufgearbeitet wurden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

"Der Krieg in mir"
ein Dokumentarfilm von Sebastian Heinzel
Deutschland, 2019
83 Minuten, auf DVD und Video on Demand

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