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Tonart | Beitrag vom 18.10.2017

Scope - Jazzfestival in BerlinMusiktouristen statt Puristen

Matti Nives im Gespräch mit Mathias Mauersberger

Der Saxophonist John Coltrane gibt 1965 ein Konzert in Paris. (AFP)
John Coltrane am Saxophon - Inbegriff des Jazz. Das Scope-Festival in Berlin versucht solche Vorstellungen allerdings aufzubrechen. (AFP)

Mit neidischen Augen blicken deutsche Jazz-Fans immer wieder nach Skandinavien. Nun kommt der nordische Jazz nach Berlin: als Zusammenarbeit des Berliner X-Jazz-Festivals und We Jazz aus Helsinki. Wir sprechen mit einem der Initiatoren, Matti Nives.

Mathias Mauersberger: Wie kam es überhaupt zur musikalischen Achse Berlin Helsinki?

Matti Nives: Das Scope Festival begann als Zusammenarbeit des Berliner X-Jazz-Festivals und WeJazz aus Helsinki. X-Jazz gibt es seit 2014, WeJazz ein halbes Jahr länger, und seitdem sind wir gute Freunde. Beide Festivals vertreten eine jüngere Generation und ihre Vorstellungen davon, wie ein Jazzfestival sein sollte. Und so haben wir uns 2016 das erste Mal zum Scope-Festival zusammengetan. Da gab es noch hauptsächlich finnische Musik, jetzt erweitern wir das Spektrum auf skandinavische Musik. Wir wollen einen Querschnitt aus dem vorstellen, was es in Skandinavien gerade an interessantem Jazz und jazzverwandter Musik gibt.

Alles mischt sich

Mathias Mauersberger: Im Grunde ist das Scope Festival kein reines Jazz-Festival. Es spielen auch elektronische Acts, Bands bei denen man sich fragt, ist das nun Pop-Musik, ist das Jazz? Lässt sich eine gemeinsame Handschrift dieser Bands entdecken, vielleicht ein typisch nordischer Sound?

Matti Nives: Der Jazz bildet eher den Hintergrund. X-Jazz und WeJazz, wir beide lassen Scope den Freiraum, sich zu entwickeln. Insofern gibt es tatsächlich Musik, die außerhalb der so genannten "Jazz-Kreise" angesiedelt ist. Was den Klang angeht: Ich glaube, es gibt heute nicht mehr viele regionale Klänge. Es mischt sich alles. Aber natürlich beeinflussen sich die Bands gegenseitig, und so ergibt sich vielleicht ein gemeinsamer Ton von Bands zum Beispiel in Island oder Finnland.

Aber das wird immer weniger, die Bands denken international und wissen, was in der Welt los ist. Und das ist eine sehr heilsame Entwicklung, weil sie den Purismus austreibt. Wenn man auf unser Programm sieht, sind wir eher musikalische Touristen als Puristen. Wir kümmern uns nicht so sehr um Genregrenzen oder einen bestimmten Klang, sondern wollen etwas präsentieren, von dem wir denken, dass es dem Publikum etwas bringt.

Musik wird inklusiver

Mathias Mauersberger: Diese Neigung zum musikalischen Crossover scheint sich auch bei etablierteren Festivals zu zeigen. Bands aus dem Soul, aus dem Pop wird Eingang ins Programm gewährt. Ist das ein Konzept, das auch Jazz-ferne Publikumsschichten anzieht?

Matti Nives: Ja, das glaube ich schon. Für mich als Veranstalter und auch als Hörer ist es ganz normal, nicht auf einen bestimmten Stil begrenzt zu sein. Im Vordergrund steht die Qualität des Programms, die Frage nach dem Publikum ist ein Seitenaspekt. Unser Festival soll für alle offen sein, man muss nicht alle Platten von John Coltrane im Schrank haben oder ein Musikexamen. Der Trend kommt von den Musikern. Die denken heute viel breiter, sie holen sich ihre Inspiration auch außerhalb ihres eigenen Genres. Und so wird die Musik ganz selbstverständlich viel inklusiver.

Ethos des Musikexports

Mathias Mauersberger: Die skandinavischen Länder gelten in Sachen Kulturförderung als besonders großzügig – vorbildlich. Inwiefern profitiert die skandinavische Popszene davon?

Matti Nives: Norwegen ist ein reiches Land, aber ich bin mir nicht sicher, ob das für ganz Skandinavien gilt. Was Finnland angeht: Da gibt es Unterstützung, um Musikern bei Tourneen ins Ausland zu helfen, auch hierher. Ich glaube, die Unterschiede zu Deutschland sind gar nicht so groß. Von hier aus wirkt vieles besser als es in Wirklichkeit ist.

Für kleine Länder wie Finnland oder Island, aber auch für Norwegen und Schweden ist es wichtig, aufstrebenden Musikern die Möglichkeit zu geben, auch vor anderem Publikum zu spielen. Deshalb gibt es in kleineren Ländern ein Ethos des Musikexports. Größere Länder haben nicht so das Bedürfnis, in kleinere Länder zu gehen. Aber Norwegen ist ohne Frage führend darin, seine Künstler zu schätzen und zu unterstützen. Es hat damit einen Standard für Skandinavien gesetzt.

Jazz oder Techno oder Hiphop

Mathias Mauersberger: Sie sind Finne, kennen aber auch die deutsche Szene ein bisschen. Gerade haben Sie gesagt, die Unterschiede sind wahrscheinlich gar nicht so groß, wir idealisieren  auch Skandinavien in Deutschland ein wenig. Dennoch, sehen sie gewisse Unterschiede?

Matti Nives: Ich kenne in Deutschland hauptsächlich die Berliner Szene, weil ich hier einige Jahre gespielt habe. Die Berliner Szene unterscheidet sich gewaltig von der Szene in Helsinki. Die Jazzmusiker in Berlin spielen hier zwar, aber ihren Lebensunterhalt müssen sie woanders verdienen, weil es in Berlin nicht so viele Auftrittsmöglichkeiten gibt. Davon gibt es in Helsinki mehr, und die Veranstalter zahlen auch ein bisschen besser. Da erleben viele Musiker aus Helsinki eine Überraschung, wenn sie nach Berlin kommen und feststellen: Es gibt hier wunderbare Konzertmöglichkeiten, aber es lohnt sich nicht wirklich. Berlin lebt mehr aus dem Moment heraus, es hat den Ruf, dass hier mehr als anderswo vieles improvisiert ist.

In Helsinki ist alles ein bisschen strukturierter. Das ist keine Frage von gut oder schlecht. Es ist nur unterschiedlich. Ähnlich sind sich die Städte darin, dass sich die Genres mischen. Die Konzerte von Scope oder X-Jazz gibt in der ganzen Stadt, nicht nur in Jazzclubs. Und das machen wir von WeJazz in Helsinki auch. Es gibt nicht nur den einen Platz für Jazz oder Techno oder Hiphop. Und das ist gut, weil das Publikum so auch ganz andere Orte kennenlernt. Und umgekehrt. Und das ist sicher eine Gemeinsamkeit von Berlin und Helsinki.

Tonart

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