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Fazit | Beitrag vom 11.02.2021

Sciences Po in ParisSexualisierte Gewalt erschüttert eine Institution

Von Christiane Kaess

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Eingang zur Universität Sciences Po in Paris (picture alliance / Abaca / Lionel Urman)
Eingang zur Universität Sciences Po in Paris: Dort gibt es zahlreiche Zeugnisse von sexualisierter Gewalt gegen Studentinnen. (picture alliance / Abaca / Lionel Urman)

Nach dem Skandal um den Politologen Olivier Duhamel ist das Ansehen der französischen Hochschule Sciences Po beschädigt. Ihr Direktor Frédéric Mion trat am Mittwoch zurück. Nun berichten immer mehr Studentinnen von sexualisierter Gewalt.

Vor dem alten Gebäude im 7. Pariser Arrondissement mit der goldenen Inschrift Sciences Po über der hohen Eingangstür schwanken nach Frédéric Mions Rücktritt die Emotionen zwischen Erleichterung und Sorge.

"Die Mobilisierung hat funktioniert", freut sich die Studentin Ambre, "auch wenn Mions Rücktritt so spät kam und er bis zu den letzten Enthüllungen gewartet hat, um endlich zu kapitulieren."

Ihre Kommilitonin ist nicht so erleichtert. Das Vertrauen in die so berühmte Hochschule ist erschüttert: "Die Verwaltung macht nichts. Sie verheimlicht diesen Fall."

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Anderen geht es nicht nur um den Rücktritt Mions. Der Schock über die zahlreichen Zeugnisse von sexualisierter Gewalt auch an der bisher altehrwürdigen Sciences Po sitzt tief.

"Es geht um diese alltäglichen Banalisierungen im Umgang. Bestimmte Wörter oder Gesten. Eine Definition von Einvernehmlichkeit bei sexuellen Handlungen, die sehr vage ist."

Die Studentinnen und Studenten hatten in den letzten Tagen massiv Druck gemacht, damit Direktor Frédéric Mion sein Amt niederlegt. Zu schwer wiegen die Hinweise, dass Mion über die Vergehen von Olivier Duhamel Bescheid wusste und sie verschleierte.

Erlebnisberichte unter #Scienceporc

Dazu kam ein Hashtag in den sozialen Netzwerken: "Scienceporc" – ein Wortspiel mit dem Wort "Porc", also Schwein. Darunter offenbarten Studentinnen Erlebnisse wie diese:

"Ich wurde von einem Typ von Sciences Po in Grenoble in meinem ersten Jahr dort vergewaltigt und habe darüber die Verwaltung informiert. Sie haben mir alles Mögliche vorgeschlagen, um sich um mich zu kümmern. Aber nichts, was ihn betrifft – ein Ausschluss oder etwas anderes oder generelle, präventive Maßnahmen. Um es kurz zu machen: Ich finde das sehr schlimm."

Die Feministin Anna Toumazoff hat mit dem Hashtag Opfer von sexualisierter Gewalt an der Hochschule dazu aufgerufen, zu erzählen. Sie sagt, sie habe hunderte Reaktionen bekommen und stellt bei diesen ein Muster fest:

"Eine gewisse Straffreiheit für den Vergewaltiger, der letztendlich niemals sanktioniert wird. Opfer, die zum Schweigen gebracht werden – durch eine gewisse Haltung oder durch direkte Aufforderung dazu."

Die Anschuldigungen bringen Bewegung in die Vorfälle. An der Sciences Po in Toulouse wurden Vorermittlungen wegen Vergewaltigungsvorwürfen eingeleitet. Direktor Olivier Brossard verspricht Sanktionen für den mutmaßlichen Täter:

"Er wird das Gebäude nicht mehr betreten dürfen. Das Recht zwingt uns aber dazu, ihm zu erlauben, dass er weiter Zugang zum Fern-Unterricht hat."

Eine Form der sozialen Akzeptanz für Vergewaltigung

Auch am Sciences-Po-Campus in Grenoble und in Straßburg gibt es Ermittlungen. Sarah Durieux, Direktorin des französischen Ablegers der Online-Plattform "change.org", sieht die Probleme der sexualisierten Gewalt in den Strukturen vieler Einrichtungen:

"Man will eher die Institution schützen als das Opfer. Das heißt, es passiert in allen Institutionen. Ich hatte erwartet, dass man als Verantwortlicher der Sciences Po sagt: 'Ich muss die volle Verantwortung übernehmen.' Außerdem haben wir, wenn eine Frau oder ein Kind vergewaltigt wird, eine Form von sozialer Akzeptanz. Das trägt auch dazu bei, dass die Opfer nicht gehört werden."

Frédéric Mion brachte vor seinem Rücktritt als Direktor der Sciences Po noch ein ganz anderes Argument in Sachen Verantwortung in der Affäre um den ehemaligen Hochschullehrer Olivier Duhamel. Er verstehe, dass in dieser noch nie da gewesenen schrecklichen Situation sich verschiedenste Forderungen bis hin zum Rücktritt an ihn richteten, sagte er in einem Interview mit dem Campus-eigenen Medium Sciences Po TV. Aber das sei jetzt nicht die Frage:

"Zurückzutreten hieße, dass ich zugeben würde, auf irgendeine Weise selbst Komplize gewesen zu sein bei diesen schrecklichen Machenschaften, die wir nun kennen, und Sciences Po eine Teilverantwortung hätte an dieser Tat. Und ich glaube, das ist absolut unmöglich."

Hierarchie und Elite-Denken

Sexismus oder sexuelle Übergriffe und deren Vertuschung – sie ziehen sich durch die ganze Gesellschaft. Das wird nun immer wieder in den zahlreichen Diskussionen zum Skandal um Duhamel betont. Weil dabei Machtstrukturen eine große Rolle spielen, scheint die prestigeträchtige Sciences Po mit ihrer Hierarchie und ihrem Elite-Denken aber auch ein geeigneter Nährboden gewesen zu sein.

Virginie Le Guay, stellvertretende Politikchefin der Zeitschrift "Paris Match", beobachtet den Skandal seit langem und verurteilt den Umgang von Frédéric Mion und der Sciences Po mit der Affäre um Olivier Duhamel und den Anschuldigungen der Studierenden. Sie spricht von Heuchelei derjenigen, die etwas wussten, aber nichts sagten:

"Es ist frappierend, dass diejenigen, die über das Recht lehren – ich erinnere daran, dass Duhamel Rechtsdozent war – und auch Frédéric Mion, also diejenigen, die das Recht respektieren sollten, es in dieser Affäre komplett verhöhnt haben."

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