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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 21.09.2017

Science-O-MatWie Parteien zur Wissenschaft stehen

Von Philip Banse

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Eine Frau steht vor einer Bildtafel mit Hologrammen, die verschiedene Stufen in der Evolution des Menschen zeigen. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)
Wie die Parteien zu wissenschaftlichen Programmen und Thesen stehen (z.B. Evolutionstheorie), untersucht der Science-o-Mat. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)

Sollen Antibiotika in der Massentierhaltung weiter eingesetzt werden? Dürfen Dieselfahrzeuge in Innenstädten fahren, wenn die Grenzwerte überschritten sind? Welche Partei vertritt da welche Meinung? Das kann jeder testen - mit dem Science-O-Mat.

These 1: Dieselfahrzeuge in Innenstädten: Das Fahren von Fahrzeugen, die wissenschaftlich begründete Abgasgrenzwerte überschreiten, sollte in Innenstädten verboten werden.

15 solcher Aussagen zum Thema Wissenschaft präsentiert der Science-O-Mat. Nutzer können klicken "Stimme zu!", "neutral" oder "Stimme nicht zu!".

These 3: Antibiotika in der Massentierhaltung: Um die Wirksamkeit von Antibiotika bei der Behandlung von Menschen zu erhalten, soll der Einsatz in der Massentierhaltung stark eingeschränkt und reglementiert werden.

"Wir haben uns die Wahlprogramme angeschaut, um Fragen auszusuchen, die vielleicht nicht in den Parteiprogrammen schon vorhanden sind. Denn wenn man sich für sowas interessieren würde, könnte man das direkt selber finden. Wir wollten Fragen finden, die nicht möglicherweise schon woanders beantwortet worden sind."

Vladislav Nachev ist Biologe und Verhaltensforscher an der Humboldt Universität in Berlin und gehört zur Redaktion des Science-O-Mat , die aus einer Handvoll Wissenschaftlern besteht. Die Idee eines Wahl-Wegweisers zu wissenschaftspolitischen Fragen hat ihre Wurzeln im "March for Science", einer internationalen Großdemonstration vom Frühjahr dieses Jahres für Forschung und Wissenschaft und gegen "alternative Fakten". Bei einer anschließenden Konferenz kam dann die Idee zum Science-o-Mat.

These 11: Masernimpfung: Eine verpflichtende Masernimpfung für Kinder und Erwachsene sollte eingeführt werden.

Neun Parteien und ihre Beziehung zur Wissenschaft

Weil die Redaktion nicht nur Positionen aus den Wahlprogrammen abfragen wollte, hat sie eigene Fragen formuliert und alle Parteien gebeten, diese zu beantworten:

"Das haben viele Parteien nicht sofort gemacht, das war auch schwierig zum Teil, alle Antworten zu bekommen. Einigen haben sogar bis zur Veröffentlichung des Science-o-Mat keine Antworten geliefert."

Doch die Reaktion nimmt auch jetzt noch Antworten von Parteien entgegen und arbeitet sie ein.

"Im Moment haben wir neun Parteien dabei. Ich habe die Liste hier vor mir. Das sind die CDU, CSU, die Grünen, FDP, Piraten, SPD, Linke, AfD, Humanisten, Partei für Gesundheitsforschung."

These 12: Homöopathie: Die Erstattung von homöopathischen Behandlungen durch die gesetzlichen Krankenkassen soll untersagt werden.

Die Physiker Reinhard Remfort und Nicolas Wöhrl arbeiten sich in ihrem Podcast "Methodisch inkorrekt" am Science-O-Mat ab.

Reinhard Remfort: "Die Ergebnisse staatlich finanzierter Forschung sollen als Publikationen kostenlos öffentlich zugänglich sein."

Nicolas Wöhrl: "Neee!!! Das ist ja hanebüchen! Wo kommen wir denn da hin?!?!"

Natürlich sind die beiden dafür, dass staatlich finanzierte Forschungsergebnisse für alle frei im Netz stehen sollten – da sind sich übrigens auch alle Parteien einig, die beim Science-O-Mat mitgemacht haben. Bei all ironischer Gaudi stören sich die beiden Naturwissenschaftler an einem Prinzip der Wahl-o-Maten, das ihnen beim Science-O-Mat besonders störend auffällt:

Reinhard Remfort: "Ich fand den Science-o-Mat schwierig, muss ich sagen."

Nicolas Wöhrl: "Ja, geht mir auch so. Ich finde, die Fragen sind zunehmend schlecht auf Ja oder Nein zu reduzieren. Allerdings ging mir das bei dem Wahl-o-Mat auch schon so."

Vladislav Nachev: "Bei unserem Science-O-Mat geht es hauptsächlich darum, wie die Parteien ihre Antworten begründen."

Sagt Redaktionsmitglied Vladislav Nachev. Denn am Ende des Science-O-Mat, bei der Auswertung bekommen Nutzer auch die Antworten der Parteien zu lesen.

Die Parteien antworten in ihren eigenen Worten

Zum Beispiel: Die These...

Das Fahren von Fahrzeugen, die wissenschaftlich begründete Abgasgrenzwerte überschreiten, sollte in Innenstädten verboten werden.

... beantwortet die AfD so:

"Konflikt zwischen Gesundheits- und Wirtschaftsfragen; Thema wurde in der Partei noch nicht abschließend behandelt."

Die These...

Die Erforschung erneuerbarer Energien, ihrer Grundlasttauglichkeit und die Verfügbarkeit für die Bevölkerung soll gefördert werden.

... beantwortet die SPD mit den Worten:

"Die Energiewende ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir werden deshalb die Forschung unterstützen, um eine effiziente Nutzung von erneuerbaren Energien weiter voranzubringen."

Andere Antworten sind dagegen sehr differenziert und faktenschwanger. Je mehr man liest, umso mehr wird die eigene

Position dadurch differenzierter und klarer. Auch bei Fragen, über die man sich vorher nicht so viele Gedanken gemacht hat und die man nach Intuition beantwortet hat. Beim Lesen der verschiedenen Positionen, denkt man vielleicht doch mehr darüber nach und hat am Ende eine stärkere Position.

Kein Wahl-O-Mat ist total verlässlich

Bisher hätten mehrere Zehntausend Menschen den Science-O-Mat absolviert, sagt Redaktionsmitglied Vladislav Nachev, das ist wenig im Vergleich zum Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung, der zählte vor gut einer Woche zehn Millionen Nutzer. Doch für Vladislav Nachev ist der Science-O-Mat ein Erfolg, der inspiriert:

"Eine interessante Idee wäre, dass man all diese Wahl-O-Maten in einem bündelt, so dass man dann auch bestimmte Themenbereiche genauer erfragen kann, so dass sich da ein möglichst detailliertes Bild ergibt."

Aber auch dann gilt: Alles nur Versprechen. Welche davon umgesetzt werden, wie verlässlich eine Partei also ist, das geht bisher aus keinem Wahl-O-Maten hervor.

"Ja, das ist für mich auch eine der wichtigsten Fragen, denn sie können alles versprechen, um das Interesse zu wecken und Wähler zu überzeugen, aber im Moment gibt es keine Mechanismen, die wirklich verfolgen, ob das Versprochene wirklich geliefert wird. Natürlich ist klar, dass Parteien auch in Koalitionssituationen geraten, wo die Interessen der anderen Parteien entgegengesetzt sind, so dass das ein Grund sein kann, dass nicht alle Punkte aus dem Programm zustande kommen."

Das Projekt DeinWal.de misst immerhin, wie Fraktionen in der Vergangenheit abgestimmt haben. Wenn man das jetzt noch vergleichen würde mit dem, was sie vorher versprochen haben, wäre das ein Modell für den Science-O-Mat 2021:

"Aber diese Statistik fänden wir alle interessant, so dass man wirklich ein Instrument hat, mit dem man die Ziele und die Umsetzung verfolgen kann."

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