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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.05.2017

Science Fiction und FantasyZukunftsliteratur spiegelt die Gegenwart

Beatrice Lampe und Hannes Riffel im Gespräch mit Frank Meyer

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John Hurt in einer Szene des Films "1984" nach George Orwell (Regie: Michael Radford) (imago)
Science Fiction mit Botschaft: Die Dystopie "1984" von George Orwell - hier eine Filmszene mit John Hurt. (imago)

Wo verläuft die Grenze zwischen Science Fiction und Fantasy? Und worin besteht der Unterschied zur "gehobenen" Literatur? Wer Science Fiction und Fantasy bloß für eskapistisches Lesefutter hält, tut ihr unrecht, sagen die Lektoren Beatrice Lampe und Hannes Riffel.

Science Fiction – das sind die Bücher mit dem Raumschiff. Fantasy – das sind die Bücher mit Zauberstab. Aber ist es wirklich so einfach, eine Grenze zwischen den beiden zu ziehen? Und macht man es sich nicht ein bisschen zu leicht, wenn man Science Fiction und Fantasy pauschal als eskapistische Unterhaltungsliteratur ohne Tiefgang abtut und eine scharfe Grenze zur "gehobenen" Literatur zieht?

Darüber haben wir mit Hannes Riffel, seit 2015 Programmbereichsleiter SF/Fantasy bei S.Fischer, und Beatrice Lampe, für Fantasy zuständige Lektorin bei Blanvalet, gesprochen. Lampe betont zwar, ihr Verlag bringe Fantasy und keine Science Fiction heraus. Doch "das Schöne an den beiden ist, dass die Grenzen verschwimmen", wie sie sagt. Beide Genres bedienten sich der Stilmittel des jeweils anderen. "Die Leser freuen sich darüber und mögen es, wenn das Genre sich aufweicht, wenn es sich erweitert und neue Facetten hinzukommen."

Und Riffel sagt: "Wir sollten uns vielleicht darüber im Klaren sein, dass wir es vor allem mit Marketingkategorien zu tun haben. Man möchte einfach den Buchhändlern sagen, wo sie das Buch hinstellen sollen, den Lesern, wo sie es wiederfinden."

Nicht auf den Unterhaltungswert reduzieren

Lampe ergänzt, in Bezug auf Fantasy: "Wenn ein Zauberstab vorkommt, sollte der Zauberstab auch auf dem Cover, im Titel, überhaupt über die ganze Ansprache erkennbar sein."

Hannes Riffel betont jedoch, er bekomme Bauchschmerzen, wenn Science Fiction oder Phantastische Literatur generell auf ihren bloßen Unterhaltungswert reduziert werde. Dies sei eine "Verarmung" ihrer Möglichkeiten. Beatrice Lampe bestätigt, Fantasy-Leser fänden in den Geschichten "einen großen Wert und Nutzen für ihr eigenes Leben wieder".

Ein Nutzen für das Hier und Jetzt? In diesem Zusammenhang zitiert Riffel den Satz eines Kollegen, der sagte: "Gegenwartsliteratur beschäftigt sich mit der Vergangenheit, Zukunftsliteratur mit der Gegenwart. Und das ist ein sehr kluger Satz, wie ich finde, denn die moderne Gegenwartsliteratur ist sehr rückwärtsgewandt, ist sehr oft, wie man ihr vorwerfen kann, mit Nabelschau beschäftigt. Während sich die Zukunftsliteratur mit dem beschäftigt, wo es möglicherweise hingeht."

Tatsächlich hat jede Literatur-Epoche ihre ganz eigene Science Fiction kreiert und spiegelt darin vorherrschende Stimmungen und gesellschaftliche wie politische Strömungen wider: Die utopischen, technik- und wissenschaftsenthusiastischen Romane eines Jules Verne bestimmten das 19. Jahrhundert. Sie wurden später abgelöst von eher pessimistischen, düsteren Blicken in die Zukunft, von Dystopien wie "1984" von Georg Orwell oder "Fahrenheit 451" von Ray Bradbury.

Zwei Buchtipps unserer Gäste aus ihren Verlagen:

Daryl Gerory: Afterparty
Aus dem Amerikanischen von Frank Böhmert, Fischer Tor, 2017, 400 Seiten, 9,99 Euro

George R.R. Martin: Das Lied von Eis und Feuer 01: Die Herren von Winterfell
Blanvalet, 2010, 576 Seiten, 16,00 Euro

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