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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.09.2016

Science-Fiction-Roman: "Follower"Das Ich hat abgedankt

Von Edelgard Abenstein

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Der Schriftsteller Eugen Ruge in der Sendung "Lesart" im Deutschlandradio Kultur (Matthias Horn / Deutschlandradio)
Der Schriftsteller Eugen Ruge im Studio von Deutschlandradio Kultur (Matthias Horn / Deutschlandradio)

Eugen Ruges Big-Data-Roman "Follower" spielt im Jahr 2055. Der Science-Fiction-Roman ist gespickt von hübschen Einfällen und zuweilen ein guter Krimi. Wirklich Neues erzählt er uns aber nicht, meint unsere Kritikerin Edelgard Abenstein.

Dass es unseren Kindern und Enkelkindern besser gehen wird als uns, wagt heute kaum noch jemand zu glauben. Entsprechend düster zeichnen Science-Fiction-Romane, wenn sie glaubwürdig sein wollen, die Zukunft. So auch Eugen Ruges "Follower", der im Jahre 2055 spielt.  

Im Mittelpunkt steht der Handelsvertreter Nio Schulz. Ziemlich verwirrt erwacht er frühmorgens in einem Hotelzimmer in China. Vier Stunden später soll er einem Konsortium für viel Geld eine neue Geschäftsidee verkaufen, das Barfußlaufen. Leider stammt die Idee nicht von ihm, seine Erfindung, die fotoidentische Ganzkörpermaske, die weltweit Kult wurde, hat ihm ein anderer weggeschnappt.

Keine Nationen mehr in der digitalen Welt

Der knapp Vierzigjährige ist allmählich - eine bittere Erkenntnis - zu langsam für die schnelle neue Welt. Smartphone und Tablet sind in die Brille integriert. Programmierbare Elektroden im Gehirn sorgen für die richtige Stimmung. Schulz wünscht sich morgens den Geruch von frisch gemähtem Gras, dabei fiept ständig die Gesundheits-App, sagt, ob er Hunger hat und warnt vor Reisen in europäische Hauptstädte wegen ethnischer Unruhen.

Längst gibt es in der digitalen Welt keine Nationen mehr, der Globus gehorcht den Gesetzen totaler Vermarktung. Das Ich, so die Botschaft, ist kein Souverän mehr. Das Ich - transparent, kontrollierbar bis in den letzten Winkel seines Fühlens - hat abgedankt.

Eingestreut in die Handlung sind Polizeidokumente über die "Zielperson" Schulz, der sich als Enkel der Hauptperson in Ruges gefeiertem Debütroman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" entpuppt. Was sich wie eine finstere Spielart von Stasi-Akten liest, wird durch einen Rückblick auf den Urknall vollends ad absurdum geführt. Um das genetische Material des Enkels lückenlos zu durchleuchten, unternimmt der Geophysiker Ruge einen Exkurs in die Universalgeschichte. Wie zufällig landet er bei dessen Vorfahren. 

Richtig böse wird die Satire nicht

Kein Zweifel, Ruge hat viele hübsche Einfälle. Egal ob es um Reproduktionsmedizin geht - in Kapstadt bringt erstmals ein schwuler Mann ein ihm eingepflanztes Kind zur Welt - um politisch-korrekte Ausdrucksweise - irgendwie kommt dem Helden, ohne zu wissen, was er sucht, die Lieblingssüßigkeit aus der Kindheit seines Großvaters, ein "Negakuss" in den Sinn - oder um Altersrassismus, dem er selbst zum Opfer fällt.

Mit sichtbarem Vergnügen reiht Ruge skurrile Details aneinander, genauso wie die durch Kommas getrennten Halbsätze, Punkte gönnt er seinem Roman immer nur am Ende der vierzehn Kapitel, was auf Dauer beim Lesen ziemlich ermüdet. Karikierend wird die Gegenwart überhöht, aber richtig böse gerät die Satire nicht. Denn im Grunde wird nur in die Zukunft fortgeschrieben, was heute schon der Fall ist.

Zwar zielt jeder gute Science Fiction-Roman immer auf die Gegenwart seines Entstehens. Doch Geschichte wirkt umso eindringlicher, je fremder sie auf uns zurückblickt. Eine wirklich neue "Geschäftsidee", wie es vor einem halben Menschenalter die Erfindung des Internets war, die fehlt dem Roman.  

So ist Follower zwar ein streckenweise kurzweiliger Big-Data-Krimi. Aber mehr als von den Gefahren, die wir aus der Google-Welt schon kennen, erzählt er uns nicht.

Eugen Ruge: Follower
Rowohlt-Verlag, Reinbek 2016
320 Seiten, 22,95 Euro

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