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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.06.2009

Schwierige Lage der Lokalzeitungen

Kongress in der Akademie der Wissenschaften Berlin

Von Michael Meyer

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Zeitungsstapel (Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper)
Zeitungsstapel (Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper)

Nicht nur die großen Blätter, auch die kleinen Lokalzeitungen leiden derzeit unter sinkenden Auflagen und zurückgehenden Werbeeinnahmen. Gerade junge Leute müssten wieder stärker an Zeitungen herangeführt werden, forderte deshalb Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen in Berlin auf dem 35. Bundeskongress der Deutschen Lokalzeitungen.

Die Lokalzeitungen verzeichnen im ersten Quartal 2009 Umsatzrückgänge von 5 bis 10 Prozent – die Lage ist zwar nicht so dramatisch, wie bei den überregionalen Zeitungen, aber die lokalen Blätter merken durchaus, dass es geht tendenziell bergab geht. Daher steuere man dem so gut wie es nur geht entgegen, sagt Martin Wieske, Geschäftsführer des Verbands der Lokalzeitungen:

"Da wird schon seit längerem mit Auflagenschwund und Anzeigenrückgang uns zu kämpfen haben, nicht erst seit dem die Automobilkrise und sonstigen Krisen ausgebrochen sind, beschäftigen sich die Redaktionen intensiv damit, ihre Blätter zu relaunchen, Inhalte zu verbessern, junge Leute miteinzubeziehen, es gibt Leserbeiräte, es gibt Leserreporter, die unterwegs sind, da gibt es meiner Ansicht nach unwahrscheinlich viel Motivationen auch."

Allerdings: Das Bild ist sehr unterschiedlich in den einzelnen Regionen. Während zum Beispiel in den meisten westlichen Bundesländern die Ertragslage der Lokalzeitungen noch recht komfortabel ist, sind in den östlichen Ländern in den letzten Jahren einige Titel aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung verschwunden oder haben nur deswegen überlebt, weil sie sich zu größeren Einheiten zusammengeschlossen haben, wie etwa in Mecklenburg-Vorpommern. Dort kommt beispielsweise der Mantelteil der "Ostseezeitung" aus Lübeck von der dortigen Lübecker Zeitung. Solche Modelle sind journalistisch fragwürdig, und führten langfristig, so meinen Branchenbeobachter, zu Qualitätseinbußen.

Ein für die Verleger auch nach Jahren immer noch aktuelles Thema ist die Reform der Pressefusionskontrolle, die Zusammenschlüsse von Zeitungshäusern untersagt, wenn sie auf demselben Markt agieren und gemeinsam mehr als 25 Mio EUR erzielen würden. Beim Verband der Lokalzeitungen hat man in dieser Frage eine zweischneidige Meinung, sagt Martin Wieske:

"Auch unser Verband setzt sich hier für moderate Änderungen ein, aber wir müssen immer beachten, dass es hier zwei Interessenlagen gibt, die einen möchten und müssen auch in Zukunft vor einer Übermacht größerer Häuser geschützt werden und andere Häuser fühlen sich derzeit in ihrer wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeit beschränkt. (…) Wir müssen aufpassen, dass Regionalketten nicht zu sehr in den lokalen Markt eingreifen."

Wie das in einigen östlichen Bundesländern bereits der Fall ist. Es gibt aber auch positive Beispiele von kleinen bis kleinsten Lokalzeitungen. Die "Sindelfinger/Böblinger Zeitung" etwa, in der Nähe von Stuttgart, hat eine Auflage von rund 15.000 Exemplaren – eine lächerlich kleine Zahl für jeden Verleger einer überregionalen Zeitung. Das Lachen vergehe den meisten jedoch, sagt Chefredakteur Jürgen Haar, wenn sie erfahren, dass das Unternehmen 500 Mitarbeiter hat und die Zeitung Gewinn macht. Erfolgsgeheimnis sei, so Haar, dass man den Lokaljournalismus ernst nehmen und pflegen müsse:

"Wir wissen, die Menschen haben heute viele Möglichkeiten, sich Informationen zu besorgen, aber wir als Lokalzeitung haben den großen Vorteil, dass wir Informationen haben, die bislang niemand hat. Und mit diesem Pfund wuchern wir und wir setzen natürlich ganz stark auf das Lokale,…, wir verkörpern als Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung den Heimatbegriff und tun natürlich alles, dass die Leute sagen: Ich brauche meine SZ/BZ, damit ich die Dinge erfahre, die ich wissen möchte."

Problem ist nur: Die Jungen unter 30 können mit dem Heimatbegriff nicht viel anfangen und nehmen kaum noch die Lokalzeitung zur Hand. Wenn die Eltern die Lokalzeitung nicht mehr lesen, werden es die Kinder und Jugendlichen auch nicht tun, meinte Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen und forderte daher eine Stärkung der Lesekultur – außerhalb des Internets. Die von vielen Internetnutzern als "Holzmedien" verspotteten Zeitungen und Bücher hätten eben doch eine andere Wertigkeit, so von der Leyen:

"Wenn ein Kind erst mal am Buch gefesselt ist, ist das stärker als Fernsehen, ist das stärker als Internet auf die Dauer und es ist natürlich der direkte Weg in Tageszeitungen eines Tages."

Dennoch tun sich die Lokalzeitungen schwer mit der Suche nach den jungen Lesern: Kinderseiten, Kinderzeitungen, Zeitung in der Schule – all diese Maßnahmen haben bislang nicht in größerem Maße dazu geführt, dass vermehrt Jugendliche zur Zeitung greifen. Die Suche nach einer geeigneten Zukunftsstrategie geht also weiter.

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