Abraham Geiger Kolleg

    Schwerwiegende Vorwürfe gegen Rektor Walter Homolka

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    Walter Homolka mit einem Buch in der Hand, vor einem Buchregal
    Rabbiner Walter Homolka ist Gründer und Direktor des Abraham Geiger Kollegs. © picture alliance/dpa/Wolfgang Kumm
    Von Carsten Dippel · 13.05.2022
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    Am liberalen Potsdamer Abraham Geiger Kolleg gibt es Vorwürfe zu sexueller Belästigung, versuchter Vertuschung und Machtmissbrauch. Im Fokus der Anschuldigungen steht der Ehemann des Rektors, Walter Homolka, der dort auch als Dozent tätig war.
    Wer sich am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam um einen Studienplatz bemüht, an den werden hohe Erwartungen gerichtet. Rabbiner Walter Homolka, Gründer und Leiter des Kollegs, hat es für diese Sendung einmal so formuliert:
    "Wir wollen einen Ansatz zu einem persönlichen Charakter sehen, der diesem Amt angemessen ist.“
    In Kontrast zu diesem selbst gewählten Anspruch stehen die Vorwürfe massiver persönlicher Verfehlungen Homolkas und eines Dozenten am Geiger Kolleg, die die „Welt“ in ihrem Artikel vom vergangenen Freitag öffentlich erhob. Es geht darin um Vorwürfe sexueller Übergriffigkeiten durch den Dozenten und Amtsmissbrauchs Homolkas. Die „Welt“ zeichnet das Bild eines Mannes, der seine Position in zahlreich angehäuften Ämtern und Funktionen offenbar genutzt haben soll, um die schon länger hinter vorgehaltener Hand gemachten Vorwürfe zu vertuschen. An Homolka, so schreibt es die „Welt“, komme im liberalen Judentum hierzulande niemand vorbei. Von einem „Klima der Angst“ wird berichtet. Der so Beschuldigte selbst äußerte sich noch am Freitag. Er ließ über Kanzlerin Anne Brenker verlauten, dass es weh tue, „solche Dinge lesen zu müssen“. Weiter sagt er:
    „Ich habe mein gesamtes Leben in den Dienst des liberalen Judentums gestellt und versucht, Möglichkeiten zu fördern, um sich angstfrei und kreativ mit der jüdischen Tradition auseinanderzusetzen zu können und sich vielfältig in das jüdische Gemeindeleben einzubringen. Alles Engagement findet aber auch Gegner, denen nicht gefalle, was man bewegt. Ich bin in meinen Aufgaben immer bestrebt, das Richtige zu tun, und davon überzeugt, mich auch hier richtig verhalten zu haben. Auf das Verhalten mir nahestehender Menschen habe ich jedoch keinen Einfluss und möchte ihn auch nicht haben. Menschlich betroffen bin ich, wenn dies mein Engagement und meine Arbeit diskreditiert.“

    Ein Klima der Angst

    Rebecca Seidler, die Vorsitzende der liberalen jüdischen Gemeinde in Hannover ist davon sichtlich irritiert:
    „Er vertritt, gerade als Rabbiner eben bestimmte moralische Positionen. Dass er erst handelt, wo er weiß, dass die Presse ermittelt, finde ich hochgradig problematisch. Und dass er aber keinerlei Selbstkritik geäußert hat, im Gegenteil: Sogar auch formuliert, dass er sich einsetzt für ein angstfreies Umfeld. Also ich weiß schon, dass es Personen gibt, die vor seiner dominanten Position, die er eben auch hat ... Er ist ja hoch angesehen, das schafft nicht nur Respekt, sondern eben zum Teil auch Angst.“
    Noch am Freitag forderte Seidlers Gemeinde den Rücktritt Homolkas von all seinen Ämtern. Dem schlossen sich inzwischen weitere Gemeinden an. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat am Dienstag eine Stellungnahme veröffentlicht: Der Dachverband fordert die „vorbehaltlose, lückenlose und völlig unabhängige Untersuchung und Aufklärung der im Raum stehenden Vorwürfe“. Bemerkenswert ist, wie der Zentralrat weiter formuliert. Es heißt:
    „Es geht hier nicht nur um eine strafrechtliche Dimension der Taten, sondern auch um das moralische Verhalten von Führungspersönlichkeiten und Mitarbeitern in jüdischen Einrichtungen sowie den Schutz und die Rechte der Betroffenen. Einem mit Vorwürfen Konfrontierten muss stets eine faire Chance gegeben werden, sich zu verteidigen. Sollten sich die Vorwürfe jedoch als berechtigt erweisen, wäre ein Verbleib in den bisherigen Ämtern und Positionen und in Zukunft auch an anderen verantwortungsvollen Stellen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland ausgeschlossen.“

    Erste Vorwürfe wurden harsch zurückgewiesen

    Im Jahr 2019 hatte ein Student des Kollegs Anzeige bei der Potsdamer Staatsanwaltschaft erstattet. Er gab an, ein Video von einem Dozenten am Kolleg und Ehemann von Walter Homolka, erhalten zu haben, in dem der Dozent masturbierte.
    Jonathan Schorsch, Professor für Jüdische Geistesgeschichte an der School of Jewish Theology in Potsdam, ist der Lehrer, dem sich der Student, der jenes Video von Homolkas Ehemann erhielt, anvertraute. Bei einer Institutsratssitzung im Dezember letzten Jahres schlug Schorsch Alarm, stieß in der Runde jedoch auf Unverständnis und Zurückweisung. Es ging, so berichtet er, hoch her. Homolka habe die Vorwürfe rüde vom Tisch gewischt.
    "Es war mir klar, ziemlich schnell, dass diese Vorwürfe sind seriös und potentially criminal", sagt Schorsch. "Und ich fühlte, dass ich etwas tun musste.“

    Zweifel an der Unabhängigkeit der internen Untersuchungskommission

    Die Staatsanwaltschaft Potsdam hatte seinerzeit das Verfahren bezüglich des Videos aus „mangelndem öffentlichen Interesse“ eingestellt. Das Abraham Geiger Kolleg trat am Montag dieser Woche in einer Stellungnahme den in der „Welt“ erhobenen Vorwürfen entgegen und widersprach der Darstellung, nicht ausreichend auf die Vorfälle reagiert zu haben. In der Stellungnahme des Kollegs heißt es:
    „Das Abraham-Geiger-Kolleg hat unmittelbar nach Kenntniserlangung des ersten Vorwurfs gegen einen Mitarbeiter des Kollegs im Dezember 2020 unverzüglich die notwendigen Maßnahmen zur Aufklärung des Vorfalls ergriffen und den festgestellten Verstoß geahndet. Es wurde eine unabhängige interne Kommission eingesetzt, dem betroffenen Studenten wurde ein umfassendes Gesprächsangebot unterbreitet, das dieser gemeinsam mit einer von ihm gewählten Vertrauensperson auch angenommen hat. Dem Mitarbeiter gegenüber wurde eine Abmahnung ausgesprochen, der Lehrauftrag, in den er bis zur Kenntnis des Vorfalls eingebunden war, wurde ihm entzogen. Das Bekanntwerden eines zweiten Falles sexualisierter Belästigung im Februar 2022 durch den gleichen Mitarbeiter im Kontext der Universität Potsdam führte zur sofortigen Beendigung des Arbeitsverhältnisses dieses Mitarbeiters zum 28.02.22.“
    Doch wie unabhängig kann eine Kommission sein, deren Mitglieder direkt von Walter Homolka abhängig sind, fragt sich Jonathan Schorsch.
    „Das Problem: Wie war es möglich, dass alle diese Dinge geschehen?", sagt Schorsch. "Weil die Strukturen alle kontrolliert sind von Homolka und es ist sehr schwierig, etwas dagegen zu tun. Herr Homolka fühlte, er war untouchable.“

    Ein Vorzeigeprojekt ist kein Freifahrtsschein

    Das von Walter Homolka 1999 gegründete Abraham Geiger Kolleg bietet neben dem Leo Baeck College in London die einzige liberale Rabbinerausbildung in Europa an. Dass viele Jahrzehnte nach der Shoah überhaupt wieder Rabbiner und Kantoren in Deutschland ausgebildet werden konnten, daran war lange Zeit kaum zu denken. Es ist ein viel beachtetes Vorzeigeprojekt. Das Verdienst Homolkas dürfe jedoch nicht dazu führen, die Augen vor den strukturellen Problemen zu verschließen, sagt Schorsch:
    „Er hat ein tiefes, weites Netzwerk gebaut von Leuten, am meisten Nichtjuden, die ihn lieben und vertrauen und die ihn begeistert hat. Vielen Leute haben diese Muster geholfen, nichts tun wollten, nichts sehen wollten und auch eben jetzt: Leute sagen, aber er hat so viel gut getan, er hat so viel für die jüdische Gemeinde getan! Ja, das ist wahr. Aber das hat nichts zu tun mit der anderen Seite, beide existieren. Auch das Schlechte, das er getan hat, muss Konsequenzen haben. Das war seine Entscheidung.“

    Anonyme Meldungen sind jetzt möglich

    Nur ein Anstoß von außen habe den Stein entscheidend ins Rollen bringen können, sagt Schorsch, dem die Betroffenheit im Gespräch anzumerken ist.
    Der Zentralrat der Juden in Deutschland fordert nun, „Belästigung und Machtmissbrauch institutionsübergreifend“ zu untersuchen. Eine Anwaltskanzlei soll beauftragt werden, eine „umfassende Prüfung der Vorwürfe durchzuführen“. Das Abraham Geiger Kolleg verwies auf Nachfrage des Deutschlandfunks auf die bereits am Montag erfolgte Stellungnahme. Dort wird unter anderem angekündigt:
    „Wir gehen diesen Vorwürfen nunmehr unverzüglich nach und werden sofort und gemeinsam mit allen Zuwendungsgebern des Abraham Geiger Kollegs die notwendigen Schritte zu einer externen, unabhängigen und sorgfältigen Evaluation aller relevanten Sachverhalte beraten und einleiten. Dabei wird auch eine vollständig anonyme Meldung etwaiger Vorfälle zu gewährleisten sein. Es gilt, auch darauf möchten wir hinweisen, für Herrn Homolka die Unschuldsvermutung. Vorverurteilungen verbieten sich zum jetzigen Zeitpunkt.“
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