Freispiel, vom 17.06.2021, 22:30 Uhr

SchwerpunktWie wir wohnen

Transparente gegen den Verkauf von Häusern und Wohnungen in Berlin. (imago images/Bildgehege)
Transparente gegen den Verkauf von Häusern und Wohnungen in Berlin. (imago images/Bildgehege)

Wohnen ist ein Menschenrecht, das seit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 durch unterschiedliche Abkommen der Vereinten Nationen bestärkt wurde. Staatenpflichten, wie sie aus den Menschenrechten abgeleitet werden, sind nicht gleichbedeutend mit einem individuell einklagbaren Rechtsanspruch. Trotzdem verpflichtet es den Staat das Recht auf Wohnen zu achten, zu schützen und, sofern möglich, fortschreitend zu gewährleisten. Aktuell verändert sich in Großstädten der Wohnungsmarkt rasant, was auch die Art und Weise des Zusammenlebens in den Stadtgesellschaften beeinflusst. Die sozialen Konsequenzen der Mietsteigerung machen das Thema "Wohnen" zu einer virulent-politischen Frage. In diesem Schwerpunkt sind Hörstücke aus dem Bereich der Radiokunst zusammengestellt, die sich mit dem Wohnen in deutschen Großstädten auseinandersetzen.

Carmen Gräf, Martin Daske und Burkhard Schmid fragen in Ihrem Feature Kiez und Kies ganz unterschiedliche Akteurinnen und Akteure im Streit um den richtigen Umgang mit Wohnraum. Sie beginnen ihre Recherche mit dem "Sound der Gentrifizierung", dem Rattern des Rollkoffers. Denn wenn Touristen mit Rollkoffern anrücken, dann ist klar: Ein Kiez ist angesagt. Wird ein Stadtteil von den Koffern und ihren Besitzern regelrecht überrollt, nennt man das Gentrifizierung. Und die bringt Konflikte. Eine Bestandsaufnahme der unterschiedlichen Positionen.

Das preisgekrönte Hörspiel Der Kauf von Paul Plamper (u.a. mit den Stimmen von Sandra Hüller und Milan Peschel) erzählt eine fiktive Geschichte. Mitten im oben angesprochenen Schlachtfeld der Gentrifizierung kämpfen zwei Paare um die 40 um eine Wohnung. Die einen sind damals in das alternativ angehauchte Bauprojekt eingestiegen, das ihnen heute diese schöne Wohnung ermöglicht. Das andere Paar hat sich just in eben diese Wohnung vernarrt und will sie kaufen. Also schleichen sie sich in alle Lebensbereiche und okkupieren die nächste Umgebung. Als wären sie ein Ersatzpaar, das freundlich lauernd bereit steht, die Wohnung - und fast auch das Leben darin - jederzeit zu übernehmen. Die Besitzer lehnen das Angebot zuerst reflexartig ab. Dann geraten sie ins Wanken.

Ulrike Müller und die Mieterinnen und Mieter der Gartenstraße 7 in Berlin-Mitte sind in dem dokumentarischen Hörstück Lieber Nicolas Berggruen mit einem anderen "Spiel" konfrontiert. In einem Brief stellt sich das Immobilien-Investunternehmen "Nicolas Berggruen Berlin Two Properties GmbH & Co. KG" als neuer Hausbesitzer vor. Vier Mieter wollen ihre Zukunft trotzdem noch aktiv gestalten und beginnen einen Briefwechsel. Im Hörstück spielen Sie mit Herrn Berggruen, Geschäftsführer und schillernde Figur der Hochfinanz, ein imaginäres Monopoly. Sieger ist, wer am Ende immer noch in der Gartenstraße wohnen bleiben kann: Im Brettspiel wie im echten Leben.

Bisher lebte er eher bescheiden. Doch ein Erbe ermöglicht es ihm plötzlich eine große Wohnung zu kaufen. Und zwar nicht irgendwo, sondern mitten im beliebten Kreuzberg. In Kreuzberg von oben blickt der Autor Lorenz Rollhäuser aus seiner Eigentumswohnung auf seinen Kiez herab, aus dem viele Menschen durch die immer weiter steigenden Mieten verdrängt werden. Das Erbe und die Wohnung werfen neue Fragen auf: Wer bin ich nach der Erbschaft? Auf welcher Seite stehe ich? Darf ich mein unverdientes Privileg einfach genießen? Oder schulde ich jemandem etwas? Und wer ist eigentlich der König von Kreuzberg? Ein Versuch über Geld und Moral.

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