Freispiel, vom 17.09.2020, 22:30 Uhr

SchwerpunktWas heißt Provinz?

Ein Holzsteg mit Gras, Reis und Wasser  (EyeEm / CHALOEMPHON  WANITCHAROENTHAM)
Was heißt Provinz? Heute? Und in Zukunft? (EyeEm / CHALOEMPHON WANITCHAROENTHAM)

Das Landleben ist sauber und ehrlich, naturverbunden und romantisch, gemeinschaftlich und gesund - und selbstverständlich immer im konservativen Sinne absolut anständig. Soweit das häufig bemühte Klischee vom idyllischen Leben auf dem Land. Insbesondere gerne angeführt, um den Unterschied zum verwerflichen Leben in der Stadt zu verdeutlichen. Erwidert wird dieser Vorwurf gern mit der umgekehrten Wertung: das Urbane sei immer progressiv und das Provinzielle per Definition schon beschränkt. Die Unterscheidung Stadt vs. Land ist selten nur eine neutrale Beschreibung der Gegebenheiten, der Antagonismus hat eine politisch-ideologische Tradierung. "Das Motiv des ländlichen Idylls entwickelte sich Anfang des 19. Jahrhunderts als ein Erzählstrang der Romantik. Im Verlauf des Jahrhunderts wurde es zu einem integralen Bestandteil völkischen Denkens und bleibt dies bis heute. […] Hierbei bildeten verherrlichende Vorstellungen, die sich auf das Landleben bezogen, eine wichtige Grundlage: Der Ackerbau wurde als eine Bedingung für eine besonders innige Verbindung mit dem Boden und somit für starke Nationalgefühle gesetzt." Die Soziologin Yasmin El Sayed beschreibt den Zusammenhang zwischen dem Bild vom idyllischen Leben auf dem Land, das geprägt ist von der Vorstellung einer besonders authentischen Verbindung der Menschen mit der Natur und nationalsozialistischen Propaganda-Narrativen.

Diese Aufladung des Antagonismus von Stadt und Land und die immer noch andauernde Fortschreibung des dualen Bildes gibt Anlass, das Leben in der Provinz neu zu befragen. Welche Möglichkeiten zur Veränderung der festgefahrenen Narrative haben wir heute?

Die hier zusammengestellten Hörstücke bieten erste Ausgangspunkte für die Beschäftigung mit dem ländlichen Raum und stellen uns in ihrer Widersprüchlichkeit die letztlich gesellschaftliche Frage: Was heißt Provinz? Heute? Und in Zukunft?

In dem Hörspiel Unterland klopft SC Deigner das emotionale Fundament von ländlicher Herkunft ab, lauscht ins Herz dörflicher Strukturen und beschreibt die Mechanismen des Zusammenlebens. Dabei wird deutlich, dass das Leben auf dem Land, Fixstern romantisierender Großstadtträume, klare Gesetzmäßigkeiten und Ausschlussmechanismen hat. Wer die Möglichkeit hat sich damit zu arrangieren, findet vielleicht das private Glück. Alle anderen versuchen die Flucht in die Stadt: "Die Mechanik der Herkunft / ist fein justiert / und braucht Fettung."

Das dokumentarische Hörspiel Im tiefen, queeren Wald von Mara May und Micha Kranixfeld erzählt von Geschichten queeren Lebens auf dem Land. Trotz der "Flucht in die Stadt" gibt es selbstverständlich auch queere Lebensentwürfe auf dem Land. Ihre Sichtbarkeit ist jedoch (noch) keine Selbstverständlichkeit. Das Mikrofon geht auf Wanderung durchs Unterholz: Es findet radikale Feen, verschmuste Bären, asexuelle Moose, polypotente Schnecken, einige Menschen. Für die Dauer des Hörstücks wird der Thüringer Wald zur Heterotopie. Dokumentarisches und Fiktives jagen einander durchs Gebüsch. Der Forst klingt wie immer, er klingt wie noch nie.

Im Hörspiel Hörweiten geht Rami Hamze auf eine Spurensuche danach, was Kunst (sein) kann: In einer Kleinstadt sind seltsame Geräusche in der Öffentlichkeit zu hören. Niemand kann deren Herkunft oder Zweck benennen. Es entwickeln sich Freundschaften und Konflikte, Diskussionen nehmen Fahrt auf. Über allem steht die Frage, was Kunst ist und was sie abseits der Metropolen sein kann. Das Ordnungsamt ist informiert.

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