Freispiel, vom 22.07.2021, 22:30 Uhr

SchwerpunktSorgearbeit im Alter

Eine Pflegerin begrüßt eine ältere Frau in einem Seniorenheim. (EyeEm / Maskot / Kentaroo Tryman)
Wann ist der richtige Zeitpunkt, über die Gestaltung des eigenen Lebensabend nachzudenken? (EyeEm / Maskot / Kentaroo Tryman)

Wann beginnt man als einzelne Person über die Gestaltung des eigenen Lebensabends nachzudenken? Wie organisieren wir in unserer Gesellschaft Sorgearbeit im Alter – und wollen wir tatsächlich so, wie wir es gerade tun, mit dem Fakt umgehen, dass Menschen altern und wir alle irgendwann Unterstützung im Alltag brauchen? In diesem Schwerpunkt haben wir formal unterschiedliche Hörstücke versammelt, die sich mit dem Komplex Pflege auseinandersetzen.

Luise Voigt macht ein O-Ton Experiment: Fünf Pflegekräfte eines Altenheims wurden zeitgleich aufgenommen. Sie stehen unter Druck, während sie die Bewohner in der letzten Phase ihres Lebens pflegen. Wie sich begegnen in so ungleicher Zeit? Fünf Flure ist ein Hörspiel als Wahrnehmungsspiel. Die O-Töne, von Schauspielerinnen und Schauspieler nachgesprochen, wurden zusammen mit Geräuschen und Musik in nur einem Take montiert. Die Produktionsweise verlangte den Agierenden ab, was die reale Situation bestimmt: sich in begrenzter Zeit aufeinander einzulassen.

Hermann Bohlen macht ein Gedankenexperiment: In Lebensabend in Übersee imaginiert er eine Welt, in der das wirtschaftliche Prinzip "Offshoring" auf die Pflege angewendet wird. Altersarmut in Deutschland gehört in dieser Satire der Vergangenheit an: Wer alt ist und ein bestimmtes Vermögen nicht aufbringen kann, wird in einer Seniorenresidenz in einem Land mit niedrigen Löhnen untergebracht. Der Rentner Poldi landet also in Polen, die Rentnerin Gretchen in China. Dort sitzen sie mit ihren Tablets und unterhalten sich über Videocalls miteinander oder mit ihren Enkeln in Deutschland. Gretchen geht regelmäßig zum Chinesischsprachkurs und kifft sich fröhlich die Birne weg. Poldi kümmert sich um seine Honigbienen.

Katja Brunner beschreibt in ihrem Stück Geister sind auch nur Menschen das Altersheim als Zwischenwelt. Eine Gesellschaft, die Sterbende ausgrenzt, braucht Altersheime. Hier kommen sie zu Wort, die, die nicht vom Leben lassen können, und die, die man nicht aus dem Leben lässt. Sie alle haben noch Bedürfnisse, denn Geister sind auch nur Menschen. Daraus entstand ein eindringliches Hörspiel über das Leben an der Schwelle zum Tod an einem abgegrenzten Ort.

Zwei Drittel aller Pflegebedürftigen werden in Deutschland jedoch nicht in einem Heim, sondern zu Hause versorgt. Das Feature Ich bin doch kein Täter von Günter Beyer widmet sich vor diesem Hintergrund dem Thema häuslicher Gewalt. Pflegende Kinder oder Ehepartner verbindet nicht selten eine ambivalente Geschichte mit den Pflegebedürftigen. Die Dynamiken der Gewalt in diesen Abhängigkeitsbeziehungen bleiben allerdings oft im Dunkeln, und selbst Ärzte erkennen die Symptome nur selten.

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