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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 17.11.2014

SchweizDer Birkenstock-Rassist der Berge

Volksabstimmung "Stopp der Überbevölkerung – zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen" scheidet die Geister

Von Stefanie Müller-Frank

Die Schweizer Flagge weht nahe dem Jungfraujoch in den Berner Alpen in der Schweiz (picture alliance / ZB)
Schweizer Flagge weht in den Berner Alpen (picture alliance / ZB)

Die "Überbevölkerung" soll gestoppt werden - aus Umweltschutzgründen. Das meint jedenfalls Benno Büeler und wird deswegen harsch beschimpft.

Sind Sie ein Störenfried, Benno Büeler?

"Leider muss ich annehmen: ja."

Schon diese Formulierung erzählt viel über Benno Büeler. Er ist jemand, der eher zu leise spricht als zu laut, jedes Argument mit einer Statistik oder Studie belegt und sein Gegenüber mit einem strengen Blick mustert. Also eigentlich nicht das, was man sich unter einem politischen Akteur vorstellt, dessen Volksinitiative gerade die Schweiz in Aufruhr versetzt.

"Als Person widerstrebt es mir eigentlich, diese öffentliche Aufmerksamkeit zu haben. Trotzdem fühle ich mich verpflichtet, mich zu engagieren, weil ich denke, wir in der Schweiz, aber auch weltweit, haben ganz große Probleme. Nicht, dass ich die Welt retten könnte. Das ist natürlich illusorisch. Aber einen kleinen Beitrag kann jeder machen."

Benno Büelers Beitrag nennt sich Ecopop, oder in der Langfassung: "Stopp der Überbevölkerung – zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen". Das Ziel der Initiative lautet: Die Netto-Zuwanderung in die Schweiz auf 0,2 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung zu begrenzen. Zusätzlich soll zehn Prozent der Entwicklungshilfe in die freiwillige Familienplanung im Ausland fließen – also in Aufklärung und Verhütungsmittel (richtig?). Gegner nennen ihn deshalb auch "Birkenstock-Rassisten". Parlament und Regierung, alle politischen Parteien, Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände sind gegen Ecopop. Den 52-Jährigen verunsichert das nicht, im Gegenteil:

"Es ist eine Provokation für die Elite in der Schweiz, dass wir sagen: Wachstum, nein danke! Wenn Wachstum, dann bitte Lebensqualität, Umweltqualität – und nicht einfach immer mehr." 

Aufgewachsen ist Benno Büeler auf einem Bauernhof in der Nähe von Basel, ein älterer Bruder übernimmt den Hof, er selbst studiert erst Agronomie, anschließend noch Mathematik, schreibt eine Doktorarbeit über den Handel mit CO2-Zertifikaten.

"Und das ist auch ein gutes Anschauungsbeispiel, weil man dort sehen kann, wie die siebziger, achtziger Jahre bis jetzt zu einer unglaublichen Zubetonierung geführt haben. Die Gegend ist eigentlich kaputt heute landschaftlich und auch landwirtschaftlich." 

Die Anti-AKW-Bewegung der siebziger Jahre politisiert ihn, vor allem aber der wachstumskritische Bericht des "Club of Rome" und die Studie "Wege aus der Wohlstandsfalle". Benno Büeler tritt der grünen Partei bei, fordert als Student radikalen Verzicht von sich wie von seinem Umfeld: Kein Auto, keine Flugreisen. Bis er – enttäuscht von der Wirkungslosigkeit der Ökobewegung – wieder austritt.

"Ich glaube, diese Frustration dürften so alle Umweltengagierten irgendwann mal gemacht haben." 

Geburtenrate stabil, Geburtenüberschuss minimal

Die Frustration, sagt er, dass alle gut gemeinten Appelle nichts bringen, dass die ökologische Umerziehung versagt hat. Ebenso wie die Politik.

"Leider zeigen die letzten vierzig Jahre eindrücklich, wie die Appelle an freiwillige Verhaltensänderungen weitgehend unbeachtet blieben. Und wie eigentlich zwei Dinge die Entwicklung dominiert haben: Je mehr Kaufkraft, die Leute haben, umso mehr konsumieren sie. Und das zweite ist die Anzahl der Menschen. Und wenn sie diese beiden Dinge multiplizieren, dann graut es mir." 

Also hat sich Benno Büeler dafür entschieden, an der einzigen Schraube zu drehen, für die er die Schweizer gewinnen kann: Anstelle der persönlichen Freiheit, sprich: des eigenen Ressourcenverbrauchs, soll einfach die Zuwanderung begrenzt werden. So muss niemand hierzulande seinen Lebensstandard einschränken – und hat trotzdem etwas für die Umwelt getan. Realpolitik nennt das der 52-Jährige, der heute als selbständiger Finanzberater arbeitet.

"Diese anderen Blabla-Anliegen, die es auch gibt, zum Beispiel gibt es eine Initiative, die verlangt, dass der ökologische Fußabdruck auf eins gesenkt wird in der Schweiz bis 2050. Das ist nett. Das Problem liegt nicht an diesen Absichtserklärungen. Das Problem liegt darin, dass diese Dinge nicht umgesetzt werden und in einer demokratischen Struktur vermutlich auch nicht umsetzbar sind. Sie würden eigentlich eine radikale Verhaltensänderung erfordern, die Sie in einer demokratisch-liberalen Gesellschaft gar nicht durchsetzen können."

Auf den ersten Blick geht die Rechnung von Ecopop auf: Weniger Menschen gleich weniger Umweltbelastung. Also lässt man einfach weniger Einwanderer in die Schweiz, um das Bevölkerungswachstum hierzulande zu bremsen. Die Geburtenrate ist ja bereits stabil, der Geburtenüberschuss minimal.

"Rein logisch kann man es gar nicht anders machen. Dann müssen Sie ja hinschauen, aus welcher Ecke ein Bevölkerungswachstum stattfindet. Also Sie müssen herausfinden, wo kommt das viele Wasser in diese Badewanne. Und Sie müssen dann dort hingehen, wo das viele Wasser herkommt."

Eine Tatsache klammert Benno Büeler bei seiner Rechnung allerdings aus: Dass sich der Wasserhahn ja nicht dadurch zudrehen lässt, dass man an einer Stelle den Zufluss stoppt. Oder anders gesagt: Die Menschen, die in Zukunft nicht mehr in die Schweiz einwandern dürften, sind ja bereits auf der Welt. Aber zumindest säßen sie nicht mit einem in derselben Badewanne.

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