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Tonart | Beitrag vom 15.07.2016

Schweiz50 Jahre Montreux Jazz Festival

Von Arkadiusz Luba

Der Jazz-Pianist Herbie Hancock auf der Bühne des Auditorium Stravinski während des 50. Montreux Jazz Festivals in der Schweiz. (dpa / KEYSTONE / Manuel Lopez)
Auch beim 50. Jubiläum des Montreux Jazz Festivals dabei: Jazz-Pianist Herbie Hancock. (dpa / KEYSTONE / Manuel Lopez)

Herbie Hancock, John Scofield, Brad Mehldau und John McLaughlin: Diese Jazzmusiker stehen nur selten zusammen auf einer Bühne - zuletzt beim 50. Geburtstag des berühmten Montreux Jazz Festivals. Zum Jubiläum kamen Stars und Fans aus aller Welt.

"Wir kamen alle runter nach Montreux,
Ans Ufer des Genfer Sees,
Der irre Claude rannte hin und her
und rettete die Kinder aus dem Haus."

Mit dem Lied "Smoke on the Water" setzte einst die Rockgruppe Deep Purple dem Montreux Jazz Festival und seinem vor drei Jahren verstorbenen Direktor, Claude Nobs, ein musikalisches Denkmal. Eine Rockgruppe auf einem Jazzfestival? - Ganz genau. Denn alle Musikstilrichtungen sind hier willkommen, unterstreicht Mathieu Jaton, der neue Chef des Festivals:

"Wir teilen einfach die Musik. Wir mixen die Künstler. Wir befreien die Musik. Wir bringen zum Beispiel Hip-Hop und Blues zusammen. All die Jungs kommen hierher und teilen ihre Musik. Das ist der freie Geist des Jazz und die Idee von Montreux."

Was bei Randy Weston, dem 90-jährigen Jazzpianisten aus Brooklyn, der hier gerade live in Montreux zu hören war, besonders auffällt, ist der Einfluss afrikanischer Musik und ihrer Rhythmen, die in allen Registern zu hören sind; und: seine großen Hände, beinah Bärentatzen.

Der Natur nachspielen

Weston, der seit über 40 Jahren nach Montreux kommt, zeigt sie gern, streckt die Finger aus, formt sie so, als ob er einen Handball halten wollte. So legt er sie auch auf die Klaviertastatur und verrät sein Geheimnis:

"Fast alle Jazzpianisten spielen so. Und warum? - Weil die Trommeln uns nie verlassen haben. Man muss die Geschichte Afrikas kennenlernen, die den westlichen Zivilisationen vorausgeht. Die Musik entstand in Afrika. Die Menschen haben einfach die Natur nachgespielt: die Rhythmen des Universums, der Tiere, der Insekten. Und obendrein gibt es die Improvisation. Ich höre den Gesang der Vögel und das kann mich inspirieren, diesen auch auf dem Klavier zu spielen."

Die Magie des gemeinsamen Musizierens

Nicht anders sieht es der 26-jährige Vuyo Sotashe aus Südafrika. Vor einem Jahr gewann er den Gesangswettbewerb des Festivals. Dieses Jahr sang er mit zwei weiteren Preisträgern sowie mit Jurymitgliedern und Mentoren in der Montreux Jazz Academy. Die Inspiration für seine intensive Musik kommt vom südafrikanischen Xhosa, von Gospel und Jazz.

"Wir alle haben verschiedene Wurzeln. Und jeder von uns ist vertraut mit der Musik seines Herkunftslandes. Das ist die Kraft der Musik, dass wir trotz der verschiedenen Länder zusammenkommen und gemeinsam etwas Wunderschönes schaffen können. Wenn ich alleine musiziere, fühle ich nicht immer diese Intensität. Die Magie entsteht, wenn man die anderen in seine Welt miteinbezieht."

Und so klang es noch vor ein paar Tagen in dem Montreux Jazz Club, als Vuyo zusammen mit seiner Kollegin Yumi Ito sang, die in einer japanisch-polnischen Musikfamilie in Basel großgeworden ist.

Wie es scheint, sind die Lieder mehr als nur eine Unterhaltung. Jedenfalls für Selwyn Birchwood, dem Blues-Nachwuchsmusiker aus Florida. Egal ob mit seiner elektrischen Gitarre in der Hand oder mit der Hawaii-Gitarre waagerecht auf seinen Oberschenkeln - Birchwood lächelt und geht von der Bühne runter zu seinen Fans. Der direkte Kontakt ist ihm wichtig. Und wenn der Energiefluss zwischen dem Publikum und dem Musiker der Maßstab guter Kunst ist, dann steht Birchwood ganz oben auf der Skala. In dem Klub wird sein Publikum aus den Stühlen gerissen, tanzt und springt beinah an die Decke.

"Ich versuche, kraftvolle Musik zu machen. Wenn ich dabei keinen Spaß mehr habe, höre ich auf. Ich habe schlimme Jobs hinter mir. Und so fühle ich mich jeden Tag gesegnet, jetzt das machen zu können, was ich liebe. Es ist toll, berührtes Publikum zu sehen. Ich kommuniziere mit Menschen durch die Musik."

Gastfreundschaft, Authentizität und Tonqualität

Die märchenhafte Lage an der Schweizer Riviera, zwischen dem Genfer See und den Alpen, zieht jeden Sommer eine Viertelmillion Besucher zum Festival an. Wie es die knapp 30.000 Einwohner zählende Gemeinde schafft, diese alle unterzubringen, bleibt ein faszinierendes Geheimnis. 

In den 50 Jahren seiner Geschichte hat sich das Festival enorm verändert. Als Antwort auf die oft aggressive Musikindustrie wurde es professioneller und kommerzieller. Dennoch blieben seine Markenzeichen wie Gastfreundschaft, Authentizität und Tonqualität bestehen, selbst wenn viele klagen, Spontanität und Intimität gingen mittlerweile verloren. Zu den Höhepunkten der diesjährigen Jubiläumsausgabe gehörte die Nacht mit Herbie Hancock, John Scofield, Brad Mehldau und John McLaughlin, die nur äußerst selten zusammen auf einer Bühne stehen.
 
Beeindruckend war auch der Auftritt der fast 80-jährigen Blueslegende Buddy Guy mit Quinn Sullivan, dem "größten Talent der letzten 30-40 Jahre", wie Buddy Guy den erst 17-jährigen Wundergitarristen nennt. Die zwei kennen sich seit knapp zehn Jahren, in Montreux hypnotisierten und begeisterten die Beiden das 4000 Menschen fassende Auditorium Stravinski, als würde hier eine Rockband spielen.

Eines wurde auch bei der diesjährigen Jubiläumsausgabe des Montreux-Festivals wieder deutlich: Die Freiheit der Künstler steht immer noch über einstudierten Partituren. Sie ermöglicht der musikalischen Geschichte und dem aktuellen Musikgeschehen, in einen besonderen Dialog miteinander zu treten. Das Ergebnis: Die Künstler wagen etwas Neues und Einmaliges. Und das auf höchstem Niveau.

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